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Internet Der laute Ruf nach Bandbreite

Auf Telekom-Foren wie derzeit in Rom wird die Zukunft besprochen. Doch die Zeiten sind schlecht und die Stimmung gedämpft. Nur eines scheint sicher: Die Menschheit braucht Breitband.

© dpa Vergrößern Buchautor Jeremy Rifkin blickt auf das Informationszeitalter

Die technologische Entwicklung geht in Quantensprüngen voran, die Übertragung der Kommunikationspakete erreicht Lichtgeschwindigkeit, das Internet erlaubt die Abwicklung von Dienstleistungen 24 Stunden, sieben Tage die Woche, und in mitten dieser Geschwindigkeit muss der Mensch versuchen, das Tempo mitzuhalten. Doch muss er wirklich? „Fühlen wir uns wohl?“, fragt der amerikanische Schriftsteller Jeremy Rifkin. „Warum lassen wir nicht die Technologien für uns arbeiten und nehmen die 30-Stunden-Woche in Angriff. Wäre das nicht der wahre Fortschritt?“

Hype vorbei - Revolution geht weiter

Im Plenum des „European Telecoms Forum“ in Rom brach lautes, begeisterndes Lachen aus angesichts dieser Idee, doch irgendwie schienen die anwesenden Manager und Unternehmenschefs den Vorschlag damit auch abgetan zu haben. Nun ja, um Job sharing und Teilzeitarbeit ging es nur am Rande dieser Veranstaltung, der so ein wenig die Aufbruchsstimmung des letzten Jahres fehlte. Die schlechte Börsensituation und die ernüchternden Abschläge der Internet-Aktien wurden nicht thematisiert, doch sie waren auch ohne große Worte spürbar. Der Hype ist vorbei, doch ist damit auch die vielbeschworene Internet-Revolution beendet?

Wohl kaum. Jeremy Rifkin beschwor erneut eloquent den Beginn eines neuen Zeitalters: das Ende der Marktwirtschaft und den Beginn der Netzwerke. „In Zukunft gibt es keine Käufer und Verkäufer von Waren mehr, als vielmehr Anbieter und User. Autos werden nicht mehr gehandelt, sondern das Recht auf Nutzung des Autos.“ Es sei dahingestellt, ob der US-Schriftsteller nur andere Worte dafür findet, dass sich die globale Ökonomie auf dem Wege hin zu einer Dienstleistungsgesellschaft befindet, doch wenn auch nur einiges von dem eintreten soll, was Rifkin beschwört, dann braucht die Menschheit „Bandbreite“.

Großer Bedarf an Bandbreite

Dieses technokratische Wort bezeichnet nichts anderes, als noch mehr Daten pro Sekunde durch Kabel, über Funk oder Satellit übertragen zu können. Und trotz aller Untergangsszenarien der letzte Monate ist eins sicher: Die Nachfrage nach Bandbreite nimmt weiter zu. Beispiel die Musikbörse Napster: 850.000 User, so die Berechnungen der Forschungsgruppe IDC, sind im Schnitt gleichzeitig eingeloggt, um sich Musikfiles herunter zu laden. Das entspricht 51 Milliarden Megabytes pro Monat. Und Napster kam aus dem Nichts.

Andere Web-Anbieter stehen schon bereit um datenschwere Filme, Bilder, Animationen und Musik zum Abrufen bereit zu stellen. Bereits jetzt gibt es auf zehn Prozent der Webseiten Breitbandinhalte. Auch das so genannte Webhosting - die Auslagerung von ganzen Firmen-IT-Abteilungen - nimmt zu. Die US-Gruppe Ovum schätzt: Im Jahr 2005 wird jeder amerikanische User täglich 1.305 Megabit herunterladen - gegenüber 75 im Jahr 2000. In Deutschland werden es 2005 demnach 689 Mbit sein gegenüber 20 im Jahr 2000. Die Nachfrage nach Bandbreite ist also da - nur welche Technologie wird sich etablieren?

Für die letzte Meile, den Weg von der Vermittlungsstelle in die Haushalte, offenbar DSL. Das überrascht, galt DSL doch als Übergangstechnologie, die alten Kupferleitungen Dampf macht, bis die Glasfaserkabel verlegt sind. Doch Glasfaserleitungen bis in die Haushalte wird sich noch verzögern. „Kupfer ist zwar begraben, aber noch lange nicht tot“, sagt Willem Verbriest, Technischer Direktor bei Alcatel. Zwölf Millionen Anschlüsse dieser Art gab es im Jahr 2000 weltweit - bis 2004 soll diese Zahl auf 116 Millionen DSL-Anschlüsse anwachsen. Bislang sind erst ein Prozent der Haushalte in Europa mit DSL ausgerüstet - in Korea schon zehn Prozent.

Ist besitzen nicht besser als leasen?

Das sind die Themen, die die anwesenden Gäste beschäftigen - Jeremy Rifkin kümmern solch konkrete Fragen nicht so viel. Er ist der Mann für die große Sicht der Dinge. So begnadet er rhetorisch ist, so viele Fragen kommen einem in den Sinn, nachdem er seine Ansprache beendet hat. Wie soll das aussehen, wenn wir nicht mehr kaufen, sondern nur noch leasen oder nutzen gegen Gebühr? Bügeleisen, Wandschrank, Tisch, Bett - all das sollen wir nicht mehr kaufen? Was passiert, wenn man den Job verliert und die monatlichen Leasinggebühren nicht mehr bezahlen kann? Dann hat man gar nichts mehr, womöglich nicht mal das letzte Hemd, das ja auch gebührenpflichtig ist. Und: Will der Mensch nicht doch lieber besitzen als nutzen? Eigentumswohnung oder Mietwohnung - mit welcher Lösung fühlt man sich besser? All das will man fragen, doch Rifkin hat keine Zeit. Der nächste Termin wartet. Von wegen 30-Stunden-Woche.

Quelle: @zyd

 
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