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Intel Schüler unterrichten Vorstandschef

 ·  Selbst Craig Barrett, Vorstandsvorsitzender von Intel, nimmt noch Nachhilfe - von einem Abiturienten. Der größte Chiphersteller der Welt investiert jedes Jahr über 100 Millionen Euro in die Bildungsförderung.

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Uwe Treske hat sein Abiturzeugnis noch nicht in der Tasche, erst in vier Wochen ist es soweit. Treske wird seinen Abschluß schaffen, daran gibt es keinen Zweifel. Danach will er an die Universität gehen, ein Physikstudium beginnen. „Wahrscheinlich wird es Würzburg“, sagt der Schüler aus Sachsen-Anhalt leicht verstohlen im luxuriösen Berliner Hotel Adlon. Neben ihm steht Craig Barrett, Vorstandsvorsitzender von Intel, des größten Chipherstellers der Welt.

Das Fenster hinter Treskes Laptop gibt den Blick auf das Brandenburger Tor frei, aber Barrett hat seine Brille, die er in Gesprächen eigentlich gar nicht benötigt, nicht für die touristische Sehenswürdigkeit aufgesetzt. Vielmehr hatte Treske Barrett in nahezu fehlerfreiem, flüssigen Englisch soeben die Funktionsweise eines vom ihm selbst entwickelten Rastertunnelmikroskops erklärt, hochleistungsfähig, gebaut aus sehr preiswerten Teilen. Der promovierte Materialkundler Barrett ist begeistert.

Die billige Variante

Mit Rastertunnelmikroskopen werden in Forschungsinstituten Nanostrukturen bis auf die atomare Ebene untersucht. Während diese professionellen Geräte gewöhnlich Hunderttausende Euro kosten, kommt Treskes Variante mit Bauteilen im Wert von 30 Euro aus. Denn die Auswertung der Signale übernimmt eine handelsübliche Soundkarte aus einem Personalcomputer.

Für diese pfiffige Idee hat Treske schon einmal einen „Jugend forscht“-Preis gewonnen, deshalb durfte er im vergangenen Jahr auch am größten Schüler-Forschungswettbewerb der Welt teilnehmen, der „International Science and Engineering Fair“ - und hat dort als erster Deutscher einen Preis gewonnen. Die Teilnahme hatte Intel wie in jedem Jahr für drei „Jugend forscht“-Gewinner bezahlt - eine der Initiativen des Unternehmens zur Förderung der Erziehung. „Dafür geben wir in jedem Jahr mehr als 100 Millionen Dollar aus“, sagt Barrett später im Gespräch mit dieser Zeitung.

„Lehren für die Zukunft“

Während Treskes Präsentation ist schwer zu glauben, daß hier noch ein Schüler spricht. Alle Umstehenden sind mehr als nur ein bißchen stolz, und das gilt ganz besonders für Johanna Wanka, die Kultusministerin des Landes Brandenburg, die derzeit Präsidentin der Kultusministerkonferenz ist. Sie steht während Treskes Erläuterungen zwar in der zweiten Reihe; sie weiß aber um 300000 deutsche Lehrer, die inzwischen an der Intel-Lehrerfortbildungsinitiative „Lehren für die Zukunft“ teilgenommen haben. Diese runde Zahl ist der Anlaß für das Treffen von Barrett und Wanka in Berlin; denn die zahlreichen geschulten Lehrer sind nun in der Lage, Computer, Internet und neue Medien für den Unterricht und dessen Vorbereitung effektiv zu nutzen.

Vor fünf Jahren hatten die deutschen Kultusminister die Schirmherrschaft für das Projekt übernommen, damals war die Teilnahme von lediglich 100000 Lehrern geplant. „Und dieses Ziel haben wir deutlich übertroffen“, sagt Wanka. Es handle sich um nichts weniger als ein „Leuchtturmprojekt“ in der Zusammenarbeit von Unternehmen mit dem öffentlichen Sektor. Tatsächlich haben inzwischen mehr als zwei Drittel aller deutschen Lehrer an dem Intel-Fortbildungsprogramm teilgenommen.

Ängste und Sorgen

Barrett bekommt am heutigen Tag deshalb nicht nur die „Jugend forscht“-Arbeit am Rastertunnelmikroskop zu sehen. Von anderen Schülern werden Projekte gezeigt, in die das Intel-Fortbildungsprogramm unmittelbar eingeflossen ist: Eines handelt von der Aufarbeitung der Arbeit der Justiz im Nationalsozialismus, ein anderes vom Bau eines Autos mit Brennstoffzellenantrieb. Bei keinem der Projekte ist der besondere Einfluß des Unternehmens Intel oder eines seiner Produkte zu erkennen, was auch Wanka einen entsprechenden Hinweis wert ist: Vor einigen Jahren habe es noch kritische Stimmen gegeben, es sei die Frage gestellt worden, ob es hier zu einer Vereinnahmung der Pädagogik durch ein Unternehmen kommen könne.

Diese Wahrnehmung habe sich inzwischen geändert. „Alle Ängste und Sorgen waren völlig unberechtigt.“ Auch Barrett vermag keine Einflußnahme oder unerlaubte Werbung zu erkennen: „Es geht ja nicht darum, daß wir Lehrern und Schülern irgendeinen Prozessor von uns verkaufen wollen. Die dürfen in ihren Schulen auch Computer mit Chips von unserem Wettbewerber AMD oder von Apple nutzen.“

2,5 Millionen Lehrer lernen von Intel

Wo liegt dann also der Nutzen für ein Unternehmen wie Intel? „Wir würden uns schon freuen, wenn durch unsere Initiativen mehr Schüler Interesse für Mathematik und Naturwissenschaften entwickeln würden“, sagt Barrett. „Und das hilft uns dann auf lange Sicht sehr. Denn es sind vor allem Naturwissenschaftler, die wir als Unternehmen einstellen.“ Obwohl auf der ganzen Welt inzwischen 2,5 Millionen Lehrer an dem Intel-Fortbildungsprogramm teilgenommen hätten, gebe es kein anderes Land, in dem der Anteil der durch das Programm erreichten Lehrer größer sei als in Deutschland, wo alle Bundesländer an der Initiative beteiligt seien.

Und weil es auch darum gehe, eine gute Ausbildung in die Breite der Bevölkerung zu tragen, sei es so erfreulich, daß in Deutschland von dem Programm schon so überdurchschnittlich viele Lehrer erreicht worden seien. In den Vereinigten Staaten stehe einem solchen Erfolg leider die sehr dezentrale Struktur des Schulwesens entgegen.

Wachstumsmärkte der Zukunft

In seinem Amt als Vorstandschef habe er rund 5 Prozent seiner Zeit Initiativen rund um die Förderung der Erziehung von Schülern gewidmet, sagt Barrett. In Zukunft werde er für diese Arbeit, die ihm sehr am Herzen liege, noch mehr Zeit haben - denn im Mai steht der Wechsel von Barrett vom Vorstandsvorsitz in das Amt des Intel-Verwaltungsratsvorsitzenden bevor. Zwischen 1998 und 2005 hat Barrett an der Spitze von Intel mit dem Zerplatzen der Internet-Blase an den Börsen und dem folgenden Abschwung der Technologiebranche nicht nur erfreuliche und vor allem turbulente Jahre erlebt. Doch ist er davon überzeugt, daß die Schüler, die heute den perfekten Umgang mit Computern lernen, wahrhaft für ihr Leben ausgebildet werden: „Wissen Sie, 90 Prozent der Städte der Welt sind technologisch nicht so gut ausgerüstet wie zum Beispiel Berlin, München oder San Francisco. Und in diesem anderen Teil der Welt wird gerade erst die Computer-Infrastruktur der Zukunft aufgebaut.“

Wo die Wachstumsmärkte der Zukunft liegen? „In Rußland, Osteuropa, dem Nahen und Mittleren Osten, Südostasien, China.“ So wie es aussieht, wird Deutschland künftig noch einige Schüler vom Schlage eines Uwe Treske brauchen, um mitzuhalten. Geht es nach Intel, soll das in Zukunft jedenfalls nicht mehr an mangelnden Computerkenntnissen deutscher Lehrer scheitern.

Quelle: F.A.Z., 31.03.2005, Nr. 74 / Seite 20
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Jahrgang 1969, Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für die Unternehmensberichterstattung, zuständig für „Die Lounge“.

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