Home
http://www.faz.net/-gqe-qedp
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Insolvenzen Amerikas jüngste Diät-Welle verebbt

02.08.2005 ·  Die „Low-Carb“-Welle ist nun wohl endgültig vorbei: Das amerikanische Unternehmen „Atkins Nutritionals“ hat einen Insolvenzantrag gestellt. Von dem Umschwung profitieren die Anbieter traditioneller Nahrung.

Von Norbert Kuls
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Selbst große Modewellen ebben irgendwann ab. Das bekommt jetzt das amerikanische Diät-Unternehmen Atkins Nutritionals Inc. zu spüren, das noch vor anderthalb Jahren einen Börsengang geplant hatte. Am Montag hat das Unternehmen, das im Zentrum des jüngsten Trends zu kohlehydratarmer Ernährung bei amerikanischen Verbrauchern stand, Gläubigerschutz beantragt. Die Insolvenz von Atkins ist das neueste Indiz dafür, daß sich diese Diät-Bewegung im Niedergang befindet, obwohl sie zu den wahrscheinlich bekanntesten der vergangenen Jahre gehört hat.

Auf dem Höhepunkt der auf englisch "Low Carb" genannten Welle Anfang des vergangenen Jahres ernährten sich Umfragen zufolge fast ein Zehntel der Amerikaner kohlenhydratarm. Brot, Nudeln und Kartoffeln waren verpönt. Hersteller von Fleischprodukten oder Eiern verzeichneten dagegen steigende Nachfrage. Die Atkins-Welle führte sogar dazu, daß eine wachsende Zahl von Amerikanern ihre Nationalspeise Hamburger ohne Brötchen verzehrte und dazu auch noch auf Pommes Frites verzichtete.

Atkins-Diät war umstritten

Aber die Indizien für eine Rückkehr zu traditioneller Ernährung hatten sich in den vergangenen Monaten gehäuft. Im März hatte Atkins Nutritionals seine Expansionspläne in Europa begraben und sich aus diesem Markt zurückgezogen. Die britische Tochtergesellschaft Atkins International Limited, die Zentrale des Europa-Geschäfts, hatte wie jetzt die Muttergesellschaft Konkurs angemeldet. Damit waren auch die Pläne für Deutschland passe, wo Atkins bisher noch nicht mit eigenen Produkten vertreten war.

Die Atkins-Diät geht auf den 2003 gestorbenen Kardiologen Robert Atkins zurück, der schon 1972 sein Buch "Dr. Atkins Diät-Revolution" veröffentlicht hatte. Die Lehren von Atkins wurden aber erst in den vergangenen Jahren populär, weil mehrere Studien in Fachmagazinen seine Ideen unterstützt hatten. Diese Studien waren zum Ergebnis gekommen, daß die Atkins-Methode zumindest kurzfristig zu einem deutlichen Gewichtsverlust führen kann, ohne dabei unbedingt den Cholesterinspiegel zu erhöhen.

Die Atkins-Diät war aber dennoch umstritten, weil Kritiker Herzkrankheiten und Belastungen für die Niere befürchteten. Negative Schlagzeilen machte die "Low Carb"-Bewegung auch, als sich der ehemalige amerikanische Präsident Bill Clinton im September 2004 wegen verstopfter Arterien einer Bypass-Operation unterziehen mußte. Clinton, der während seiner Präsidentschaft auch als Liebhaber von Hamburgern mit Brötchen bekannt gewesen war, hatte sich in der Zeit vor seiner Operation aber der kohlenhydratarmen Ernährung verschrieben. "Meinst du, du solltest wirklich ständig Steaks essen?", hatte ihn seine Frau Hillary damals skeptisch gefragt. Nach der Operation stellte dann auch Bill Clinton in Frage, ob er sich so fettreich hätte ernähren sollen, wie es die "Low-Carb"-Jünger propagierten.

Alle setzten auf „Low Carb“-Produkte

Zudem geriet Diät-Vater Robert Atkins selber postum ins Zwielicht. Atkins, der nach einem Unfall und zehntägigem Koma seinen Kopfverletzungen erlegen war, soll bei seinem Tod übergewichtig gewesen sein. Seine Frau machte dafür die Medikamente verantwortlich, die er während des Komas erhalten hatte. Fachleute bezweifeln aber, daß diese Mittel eine derart drastische Gewichtszunahme wie im Fall Atkins bewirkt haben könnten.

Aber die Bewegung war auf ihrem Höhepunkt so stark geworden, daß die großen Nahrungsmittelhersteller alles daransetzten, eigene "Low Carb"-Produkte auf den Markt zu bringen. Für kleinere auf kohlenhydratreiche Nahrungsmittel spezialisierte Unternehmen war die Atkins-Bewegung eine Katastrophe. Der größte amerikanische Trockennudelhersteller New World Pasta meldete Insolvenz an. Der Bäckereikonzern Interstate Bakeries, der das weiche Weißbrot Wonderbread herstellt, mußte wegen Umsatzrückgangs die Dividendenzahlung einstellen.

Viele Flops

Viele der Produkte, mit denen die großen Nahrungsmittelkonzerne die Atkins-Jünger erreichen wollten, wurden aber ein Flop. Die kohlenhydratarmen Cola-Marken der Getränkehersteller Coca-Cola und Pepsico haben es nur auf geringe Marktanteile gebracht. Der Nahrungsmittelkonzern General Mills und der Nudelproduzent American Italian Pasta waren mit ihren eigens produzierten "Low Carb"-Angeboten auch auf keine große Resonanz gestoßen. American Italian Pasta hatte 2003 zusammen mit Atkins Nutritionals vereinbart, aus Sojabohnen hergestellte kohlenhydratarme Nudeln zu vertreiben. Der Umsatz war nur halb so hoch wie das Unternehmen erwartet hatte.

Das Ende der "Low Carb"-Welle hatte sich im vergangenen Jahr angedeutet. Atkins Nutritionals heuerte im Spätsommer eine auf Sanierungen spezialisierte Beratungsgesellschaft an und erwog den Abbau von Stellen. Begründet wurde das damals mit der härter werdenden Konkurrenz. Jetzt wird aber deutlich, daß wohl der gesamte Markt schon geschrumpft war. Anfang 2004 war noch über einen Börsengang von Atkins spekuliert worden, an der die Investmentbank Goldman Sachs und die Beteiligungsgesellschaft Parthenon als Mehrheitseigner 80 Prozent der Anteile halten. 2003 hatte sich der Umsatz von Atkins Schätzungen zufolge noch auf 200 Millionen Dollar verdoppelt. Ende 2004 blieb dem Marketing-Chef von Atkins nichts mehr, als auf eine Trendwende in diesem Jahr zu hoffen. Aber auch diese Hoffnung erfüllte sich nicht. Im Februar wechselte Atkins den Vorstandschef und holte einen Spitzenmanager vom Ketchup-Hersteller Heinz.

Aktienkurs von Weight Watchers gestiegen

Die Amerikaner haben den Kampf gegen die grassierende Fettleibigkeit zwar nicht aufgegeben, versuchen es offenbar aber wieder mit anderen Methoden. So hatte die Diät-Firma Weight Watchers International Inc. für das erste Quartal 2005 einen gestiegenen Gewinn ausgewiesen und die Erwartungen der Wall Street übertroffen. Weight Watchers hatte in den Jahren zuvor unter der Popularität von Atkins und anderen kohlenhydratarmen Diät-Plänen wie der "South-Beach-Diät" gelitten. Seit Mai ist der Aktienkurs von Weight Watchers deutlich gestiegen. Dagegen gerieten in den vergangenen Monaten Unternehmen unter Druck, die von der Atkins-Diät profitiert hatten.

So verfehlte die amerikanische Steakhaus-Kette Outback Steakhouse Inc. im jüngsten Quartal die Erwartungen der Analysten. Analystin Lynne Collier von der Investmentbank Stephens Inc. fragt sich, ob das mit der nachlassenden Popularität von Atkins zu tun haben könne. Collier merkte an, daß die Gewinne von Outback und anderen Steakhaus-Ketten auf dem Höhepunkt der "Low Carb"-Welle sprudelten. Nachdem die Welle abgeklungen ist, hat Outback Schwierigkeiten, die Resultate aus dieser Zeit zu erreichen. Auch Pizza wird in Amerika wieder populärer. So hat sich der Aktienkurs der Pizzarestaurant-Kette Papa John's International wieder erholt, nachdem er während der Atkins-Welle zeitweise drastisch eingebrochen war.

Quelle: F.A.Z., 02.08.2005, Nr. 177 / Seite 18
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1965, Finanzmarktkorrespondent in New York.

Jüngste Beiträge

Böses Spiel

Von Holger Steltzner

Mit größter Selbstverständlichkeit und in unerträglichem Ausmaß zahlt die Elite Griechenlands keine Steuern und flüchtet mit Milliarden ins Ausland - und jede griechische Regierung lässt sie gewähren. In den Geberländern wächst die Wut der Steuerzahler. Mehr 40 149

29.05.2012 14:47 Uhr
  Vortag
Dax 6.360,88 +0,60%
 OK
NameKursProzent
FAZ-INDEX 1.386,25 +0,69%
Dow Jones 12.454,80 −0,60%
EUR/USD 1,2535 −0,05%
Rohöl Brent Crude 107,09 $ −0,16%
Gold 1.574,60 $ +0,32%
Umfrage

Anonym bewerben? Ist das gut?

Alle Umfragen

Bitte aktivieren Sie ihre Cookies.