Die Krise der Mannheimer Leben wirft einen Schatten auf die gesamte Branche der Lebensversicherer. Bislang ist zwar noch kein weiterer der rund 120 deutschen Anbieter zu einem Fall für die Auffanggesellschaft Protektor geworden.
Aber zur Sorglosigkeit gebe es keinen Anlaß, sagt Marco Metzler, Analyst der Kreditbewertungsagentur Fitch. Auch Thomas Adolph von der Gesellschaft für Analyse von Anlage- und Versicherungsprodukten schätzt die Risiken bei einigen Gesellschaften als erheblich ein. Für die Branche der Lebensversicherer sind solche Urteile ein schlechtes Zeugnis. Denn über Jahrzehnte lebte die Branche von dem Ruf, das eine Lebensversicherung ein Vertrag sei, den der Anleger unbesorgt abschließen kann.
Entscheidend Eigenkapital und Bewertungsquote
Inzwischen spielt es eine große Rolle, wie die Versicherungen finanziell ausgestattet sind. Entscheidend seien die Eigenkapitalquote und die Bewertungsreserven, sagt Thomas Adolph, der sich auf die Bewertung von Lebensversicherern spezialisiert hat. Er interessiert sich besonders dafür, wie hoch das Eigenkapital im Verhältnis zu den Zahlungsverpflichtungen des Versicherers ist. Anhand der Bewertungsreserven könne der Versicherte ein Gefühl dafür bekommen, wie lange der Lebensversicherer selbst bei einer sehr ungünstigen Entwicklung auf den Kapitalmärkten zumindest die Garantieverzinsung gewährleisten kann.
Fitch hat aus ähnlichen Überlegungen heraus eine Rangliste veröffentlicht, die die Kapitalstärke der Lebensversicherer abbildet. Dafür hat Analyst Metzler jeweils die Summe von stillen Reserven, Bewertungsreserven und Eigenkapital in ein Verhältnis zu den Risiken aus der Kapitanlage gesetzt. Der Risiko-Wert resultiert unter anderem aus dem Wertverlust, der mit einem drastischen Verfall der Aktienkurse (minus 35 Prozent) und der Anleihen (minus 10 Prozent) verbunden wäre.
Diese Crash-Annahmen sind an den sogenannten Streßtest der Aufsichtsbehörde Bafin angelehnt. Besonders schwach schneidet in der Fitch-Rangliste die Mannheimer Leben ab, bei der Eigenkapital und Reserven nur etwa 6 Prozent der aus dem Wertverlust resultierenden Risiken abdecken würden.
Schwach schneiden außerdem die Lebensversicherer Familienfürsorge (21 Prozent), Dialog (25), Huk-Coburg (37,6), Hannoversche (41), Arag (48) und etwa 35 weitere Anbieter ab. Als "außergewöhnlich stark" werden dagegen Neckermann, PB Leben, Brunsviga, Pax Leben und Deutsche Allgemeine LV eingeschätzt. Als "stark" gelten laut Rangliste 9 Gesellschaften, darunter die Marktführerin Allianz Leben und die Hamburg-Mannheimer.
Wichtig: Risikosteuerung und Muttergesellschaft
Metzler schränkt allerdings die Aussagekraft der Fitch-Rangliste selbst ein: Es handele sich nur um eine Betrachtung mit Daten der Vergangenheit zum Stichtag 31. Dezember 2001. Neuere Zahlen würden noch nicht von allen Gesellschaften zur Verfügung gestellt. Deshalb werde es erst gegen Ende dieses Jahres eine aktuellere Version geben. Zudem handele es sich nur um einen Ausschnitt: Neben der Kapitalstärke sei auch wichtig, wie gut die Risikosteuerung einer Gesellschaft ist.
Zudem spiele die Konzernzugehörigkeit eine wichtige Rolle, wenn es eine finanzstarke Muttergesellschaft gebe, die sich zur Unterstützung der Tochtergesellschaft bekenne - wie zum Beispiel bei der Axa Leben. Weiterhin sei wichtig, ob der Versicherer profitabel wirtschafte. So gebe es jüngere Gesellschaften, deren Kapitalausstattung zwar ausreichend sei, die aber Schwierigkeiten bekommen könnten, weil sie Verluste erleiden.
Einen Hoffnungsschimmer sieht Wolfgang Rief, Analyst von Standard & Poor's. Er verweist auf die Erholung der Aktienmärkte, bei der der Dax 50 Prozent an Wert gewonnen hat im Vergleich zum Jahrestief. Das habe den Lebensversicherern wieder Spielräume verschafft.
Rief hofft, daß sie diese nutzen, um die Risiken aus der Kapitalanlage wieder in Einklang mit der Kapitalausstattung zu bringen. "Trotzdem können wir nicht ausschließen, das weitere Gesellschaften in eine ähnliche Lage geraten werden wie die Mannheimer", sagt Rief, "zumal noch nicht alle Bilanzdaten für das Jahr 2002 verfügbar sind." Wenn allerdings ein Versicherer schon in akuten Nöten wäre, so hätte die Öffentlichkeit wohl schon zumindest andeutungsweise davon erfahren, versucht Rief die Gemüter zu beruhigen.
