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Insektensterben : Sommer ohne Surren

Eine Fliege auf einem Grashalm bei Burgdorf in der Region Hannover. Bild: dpa

Das große Insektensterben zeigt: Die Industrialisierung der Landwirtschaft muss intelligenter weitergehen, als sie begonnen hat. Und vor allem auch nicht naiv.

          Die industrialisierte, arbeitsteilige Landwirtschaft ist ein funktionierendes System. Die Ernten sind stabil, die Lebensmittel günstig und zahlreich. Und doch gibt es diese Momente, wo öffentlich deutlich wird, wie fragil das System ist oder sein kann. Denn der Pfad landwirtschaftlicher Industrialisierung ist prekär: Der Acker ist nicht, wie eine Fabrik, von der Außenwelt abgeschlossen, sondern befindet sich inmitten von oder in der Nachbarschaft komplexer Ökosysteme wie Boden, Wiese und Wald.

          Drei Viertel der Fluginsekten sind seit 1990 aus deutschen Landschaftsschutzgebieten verschwunden. Dieser Befund ist dramatisch, der neuen Studie wird hohe Aussagekraft bescheinigt. Und vieles deutet darauf hin, dass die Entwicklung der Landwirtschaft und der von ihr geprägten Landschaften einen großen Einfluss auf den Exitus der Schmetterlinge, Fliegen und Motten hat.

          Ganzheitliche Revolution

          Die agrartechnische Entwicklung, die in den 1950er Jahren begonnen hat, nahm ihren Lauf im Glauben an grenzenlose technische Machbarkeit. Das chemische Insektizid beseitigte den Schädling, ließ aber auch den Nützling in Vergessenheit geraten. Der aus Luft und Erdöl gewonnene Stickstoffdünger ließ den Weizen sprießen, aber er ließ auch die Pflanzenvielfalt schwinden.

          Der Traktor ersetzte das Pferd und ermöglichte, dass Landwirte immer größere Schläge beackern – heute auch digital vernetzt und GPS-gesteuert, ganz ohne Fahrer. Der Blick auf die Folgen für das Ökosystem – wie dem Artenschwund, dem nun statistisch valide bezeugten Insektensterben – ist zwar schon lange Teil der Agrarwissenschaft, er gerät jedoch stets in Konflikt mit dem betriebswirtschaftlich in kurzer Sicht reizvollen Fortschreiten des alten Pfades.

          Die Industrialisierung der Landwirtschaft muss intelligenter weitergehen, als sie begonnen hat. Brachial-Chemisierung und die damit verbundene steigende Abhängigkeit von Erdöl und Chemie sind gefährlich. Eine Landwirtschaft ohne bestäubende Bienen und Nützlinge im und auf den Böden wäre undenkbar.

          Angesagt ist aber nicht eine rückwärtsgewandte, naive Agrarwende, nötig ist eine wissenschafts- und datenbasierte, ganzheitlich gedachte technische Revolution. Blamabel ist einmal mehr die Reaktion der Verbände, die im Namen der Landwirte und Chemiekonzerne sprechen: Sie reden das Drama des Insektensterbens klein, teilen in sozialen Netzwerken polemische Verrisse der Insektenstudie, statt das Problem zu ihrem zu erklären. Hier zeigt sich der vulgäre Lobbyismus, der selbst eine Ursache ist der ökologischen Dramen.

          Jan Grossarth

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

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