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Minus 75 Prozent seit 1990 : Insektensterben, na – wer weiß?

Summ summ summ, Bienchen summ herum... Bild: dpa

Der Rückgang an Schmetterlingen, Fliegen, Motten, Käfern und so weiter ist dramatisch. Und was macht der Bauernverband - er wiegelt wie immer ab, wenn es um seine Geschäftsinteressen geht. Ein Kommentar.

          Auch, wenn die Reiter der Apokalypse leibhaftig vor den Toren von Berlin-Mitte stünden – der Deutsche Bauernverband würde zunächst nach weiteren Studien verlangen, die den Sachverhalt klären, ehe er anerkennt, dass es ein Problem gibt, zu dem man sich irgendwie verhalten sollte. Insektensterben – seit Mittwoch ist das Wort in aller Munde. Denn nun gibt es die erste ernstzunehmende Langzeitstudie, die bezeugt, dass und wie dramatisch der Rückgang an Schmetterlingen, Fliegen, Motten, Käfern und so weiter ist. Seit 1990 sank die Masse an Insekten laut der Studie um mehr als 75 Prozent.

          Das Ergebnis ist deutlich, dramatisch – und trifft die Wahrnehmung vieler Autofahrer, die sagen, früher musste man auf Urlaubsreisen im Sommer bei jedem Tankstopp die Windschutzscheibe von Schmetterlings- und Fliegenmatsch reinigen. Und heute den ganzen Sommer nicht.

          „Voreilige Schlüsse“

          Der Deutsche Bauernverband aber tritt, wie stets angesichts potentiell geschäftsschädigender Themen, mit voller Kraft auf die Aufregungsbremse. „Voreilige Schlüsse in Richtung Landwirtschaft“, so sagte der Bauernverbands-Generalsekretär Bernhard Krüsken apodiktisch, „verbieten sich“. Verbieten sich? Tatsächlich betraf der in der Studie dokumentierte Rückgang nur Schutzgebiete – nicht Ackerland – und man müsste sagen: sogar Schutzgebiete.

          Die Ursachen sind vielfältig und tatsächlich großteils im Unklaren, der Klimawandel wird als ein Grund genannt. Andererseits weiß man, dass die Landwirtschaft auf vielfache Weise auf das Leben der Insekten wirkt: Intensive Landwirtschaft führt zu einer Degradierung der Böden (wenige organische Relikte auf dem Acker, Pflug, Bodenerosion, Stickstoffdüngung), und das heißt auch, dass im Boden weniger lebt: weniger Mikroorganismen, weniger Nematoden, Würmer.

          Böden sind Lebens- oder Geburtsräume für viele Insekten. Chemische Pestizide der Gruppe Neonikotinoide führen zu einem Orientierungsverlust von Wildbienen, das ist erwiesen. Das Totalherbizid Glyphosat – seit den neunziger Jahren in erheblich steigendem Umfang im Einsatz – steht im Verdacht. Denn es tötet alle Pflanzen, und damit Lebensräume und Nahrungsquellen der Insekten. Große Flächen, die nur mit Raps oder Mais bepflanzt sind, dürften ein weiterer Einflussfaktor sein.

          Im Sommer noch hatte der Bauernverband nach verlässlichen Daten gerufen, sprach von „Lücken bei der Datengrundlage, die dringend geschlossen werden müssen“, und witzelte, Erinnerungen an Windschutzscheiben taugten nur für den Stammtisch. Nun aber gibt es erste verlässliche Langzeitdaten. Doch es sieht so aus, als warte der Deutsche Bauernverband bloß auf die Studie, die belegt, dass das Insektensterben ein feuchter Traum grüner Ideologen sei.

          Jan Grossarth

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

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