06.04.2004 · Lizenzgebührenfreie Programme wie Linux, MySQL und JBoss werden immer beliebter. Kein Unternehmen ist vom Siegeszug dieser Softwareidee so sehr betroffen wie Microsoft.
Von Carsten KnopMarten Mikos ist ein ehrgeiziger Mann. Er möchte den klassischen Anbietern von Datenbanksoftware wie IBM, Oracle oder BEA Systems den Boden unter den Füßen ihres Geschäftsmodells wegziehen. Von ihm stammt das Zitat, daß er eine Branche mit einem Jahresumsatz von 10 Milliarden Dollar in eine Branche mit einem Umsatz von nur noch 1 Milliarde Dollar verwandeln will.
Das klingt zunächst nicht nach einer sinnvollen Idee - es sei denn, MySQL, das Unternehmen, dem Mikos vorsteht, baut sein Geschäft auf sogenannter "Open-Source"-Software auf. Und das ist der Fall: MySQL bietet eine Datenbanksoftware an, die zwar nicht so ausgefeilt ist wie die Angebote von IBM oder Oracle. Doch das Programm ist kostenlos.
Nur wenn ein Kunde auch an der Wartung und Unterstützung des Programms durch den Hersteller interessiert ist, kostet das wenige Hundert Dollar im Jahr - für jeden Netzwerkrechner (Server) auf dem die Software von MySQL installiert ist. Mikos und sein Unternehmen leben von diesen zahlenden Kunden. Aber auch diejenigen, die kostenlos zugreifen, helfen Mikos. Denn sie dienen der Qualitätskontrolle und entwickeln das Programm weiter. "Ein einzelner Hinweis kann die Arbeit vieler Programmierer ersetzen", sagt Mikos.
Oracle streitet Bedrohung ab
Die etablierte Anbieter kostenpflichtiger Datenbanksoftware, allen voran Oracle, streiten natürlich ab, von MySQL wirklich bedroht zu sein, und verweisen auf ihren Entwicklungsvorsprung von angeblich zehn Jahren. Die "Open-Source"-Programme dienten der Marktverbreiterung und steigerten mittel- und langfristig den Umsatz der traditionellen Anbieter - eben dann, wenn "Open Source" den Bedürfnissen nicht mehr genüge.
Ob diese Strategie aufgeht, wird von manchem Branchenkenner bezweifelt. So dürfte sich der Leistungsunterschied künftig weiter verringern, zudem setzen immer mehr Unternehmen und besonders öffentliche Verwaltungen "Open-Source"-Software in wichtigen Bereichen ihrer Arbeit ein. Auf der Computermesse Cebit in Hannover hatten Anbieter wie das amerikanische Unternehmen JBoss, der Marktführer bei sogenannter Applikationsserver-Software, die Netzwerkrechnern hilft, bestimmte Anwenderprogramme zur Verfügung zu stellen, sogar Unterschlupf auf Ausstellungsflächen gefunden, die mit öffentlichen Geldern geförderten wurden.
"Ich stelle fest, daß öffentliche Verwaltungen kein Interesse daran haben, von irgendeinem Softwareanbieter in Geiselhaft genommen zu werden", sagt JBoss-Gründer und Vorstandsvorsitzender Marc Fleury. Nach seinen Worten beschäftigt das Unternehmen aus Atlanta derzeit lediglich 32 Mitarbeiter, doch werde das Programm durchschnittlich 250000mal im Monat aus dem Internet heruntergeladen. Ähnlich wie MySQL verdient auch JBoss mit der Unterstützung der Software Geld, vor allem aber mit der Schulung der Nutzer des Programms.
Fleury berichtet von 350 zahlenden Kunden und freut sich darüber, in einer ersten Finanzierungsrunde zehn Millionen Dollar Kapital eingesammelt zu haben. Mit dabei sind so bekannte Wagniskapitalgeber wie Matrix Partners und Accel Partners. "Open Source ist nicht nur kostengünstig, sondern immer mehr Unternehmen stellen fest, daß auch die Qualität von Software wie der von JBoss wegen der öffentlichen Verfahren der Qualitätskontrolle außerordentlich hoch ist", begründet David Skok, General Partner bei Matrix, die Investitionsentscheidung.
Microsoft wehrt sich gegen Open-Source
Auch das lizenzgebührenfreie Betriebssystem Linux ist ein "Open-Source"-Projekt - und deshalb ist wohl kein Unternehmen vom Siegeszug dieser Softwareidee so sehr betroffen wie Microsoft. Der größte Softwarekonzern der Welt läßt kaum eine Möglichkeit aus, das hinter "Open Source" stehende Geschäftsmodell in Frage zu stellen.
Der Friedensschluß mit dem alten Erzfeind Sun Microsystems dient nach Ansicht von Analysten wenigstens in Teilen ebenfalls der Verteidigung in sich geschlossener Hard- und Softwaresysteme gegenüber dem Angriff durch offene Standards. Es sei ihm ein Rätsel, wie die Softwareindustrie existieren solle, wenn alle Anwendungen kostenlos genutzt werden könnten, sagte Microsoft-Chefentwickler Jim Gray jüngst auf einer Softwarekonferenz in Kalifornien.
Doch ist die professionelle Nutzung von Linux, MySQL, JBoss und anderen Angeboten für den professionellen Anwender eben nicht kostenlos - und auch bereits börsennotierte Unternehmen wie der Linux-Anbieter Red Hat haben mit ihrem Geschäftsmodell zunehmend Erfolg, der an der Börse honoriert wird.
Der Beschluß der Münchener Stadtverwaltung im Mai des vergangenen Jahres, 16000 Computerarbeitsplätze von der marktbeherrschenden Windows-Software auf Linux und andere "Open-Source"-Projekte umzustellen, war deshalb für Microsoft ein Schock. Und in Schwäbisch-Hall heißt es, mit dem Einsatz von Linux hätten sich die Kosten für die Informationstechnologie in der Gemeinde halbieren lassen. Damit hat der Oberbürgermeister die Finanzierung der Musikschule gesichert.
Für Privatnutzer noch kein so großes Thema
Für den privaten Computernutzer ist "Open Source" zwar noch kein so großes Thema. Linux, das Büroprogrammpaket Open Office oder das Internetzugangsprogramm Mozilla kennt dieser meist nur namentlich und nicht durch die Benutzung im Alltag. Doch muß das nicht so bleiben. Denn "Mozilla" ist nichts anderes als eine Weiterentwicklung des Netscape-Browsers - und nach der Meinung von Fachleuten längst viel leistungsfähiger als der "Explorer" von Microsoft.
"Open source" heißt aus dem Englischen übersetzt "quelloffen". Bei handelsüblicher Software bleibt der Quellcode eines Programms, also der vom Menschen nachvollziehbare Teil, verborgen. Jede Weiterentwicklung und Fehlerbehebung liegt in der Hand des Herstellers. Bei "quelloffener" Software indes kann jeder Nutzer den Quellcode aus dem Internet herunterladen, Lizenzgebühren werden nicht erhoben. Verbesserungsvorschläge und Änderungen der großen, freiwilligen Entwicklergemeinde lassen sich ebenfalls im Internet veröffentlichen. "Open source"-Software wird deshalb vor allem auch als Entwicklungsmodell begriffen.
Carsten Knop Jahrgang 1969, Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für die Unternehmensberichterstattung, zuständig für „Die Lounge“.
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