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Inflation Währungsfonds auf Irrwegen

 ·  Der IWF-Chefökonom Olivier Blanchard plädiert unverblümt dafür, dass Zentralbanken eine höhere Inflationsrate anstreben sollen. Für eine Institution, die seit Jahren Inflation geißelt, kommt dies fast einer Revolution gleich. Die Vorschläge aber führen in die Irre.

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Die Wucht der Finanzkrise hat das Vertrauen vieler Ökonomen in den Markt erschüttert und wie ein Wirbelwind die Zweifel an der rationalen Gestaltungskraft von Politikern, die in Wahlzyklen gefangen sind, hinweggewischt. Wenn es dazu noch eines Belegs bedurft hätte, hat ihn jetzt der Internationale Währungsfonds (IWF) geliefert. Die Ökonomen des Fonds haben eine bemerkenswerte Kurswende eingeleitet.

Der Chefökonom Olivier Blanchard plädiert unverblümt dafür, dass Zentralbanken eine höhere Inflationsrate anstreben sollen. Unter seiner Federführung rechtfertigen Fondsökonomen ebenso munter Kapitalimportbeschränkungen in den Schwellenländern. Für eine Institution, die seit Jahren Inflation geißelt und im Grundsatz für die Liberalisierung des internationalen Kapitalverkehrs eintritt, kommt dies fast einer Revolution gleich. Beide Vorschläge für die Wirtschaftspolitik nach der Finanzkrise aber führen in die Irre.

Die Kosten der Inflation werden auf die leichte Schulter genommen

Die Forderung einer höheren anzustrebenden Inflationsrate, etwa von vier anstatt von zwei Prozent, gründet im Verdacht, dass die Zentralbanken mehr Spielraum in der Zinspolitik bräuchten. Mit den Zinssenkungen seien manche Notenbanken in der Krise zu schnell an die Nullgrenze gestoßen, um der Wirtschaft noch wirksame Impulse geben zu können. Dieses Argument überzeugt ganz einfach nicht. Selbst wenn der Leitzins null erreicht, sind Zentralbanken nicht machtlos und ironischerweise haben manche das gerade in den vergangenen Krisenmonaten bewiesen. Durch die Ausweitung der Geschäftspartner für die Geldleihe oder den direkten Ankauf von Wertpapieren haben sie ohne Schwierigkeiten die notwendige Liquidität in die Wirtschaft geschleust.

Generell nehmen die IWF-Ökonomen die Kosten einer höheren Inflationsrate auf eine zu leichte Schulter. Wissenschaftliche Studien geben keinen klaren Schluss, ob eine Inflationsrate von vier Prozent viel schädlicher sei als eine Inflationsrate von zwei Prozent; manche Ökonomen halten auch eine Null-Inflationsrate für das einzig Erstrebenswerte. Sicher aber ist, dass eine höhere Inflation nicht nur die Sparer antriebe, Schutz vor der Geldentwertung zu suchen. Wenn aber erst die Gewerkschaften auf breiter Front Inflationsschutz in den Lohnverträgen durchsetzen, wäre der Weg für Inflationsspiralen vorgezeichnet.

Diese und andere Risiken ihres Vorstoßes sehen die IWF-Ökonomen durchaus. Implizit aber glauben sie daran, dass sich derartige Verwerfungen durch gestaltende Politik verhindern ließen. Solch einen Machbarkeitsglauben können nur die entwickeln, die im Tagesgeschäft gewöhnt sind, Regierungen mit dem Druck des Entzugs der finanziellen Zuwendung die Wirtschaftspolitik vorzuschreiben.

Mangelnde Sensibilität für politische Risiken

Nach der großen Inflation in den siebziger Jahren haben Zentralbanker Jahrzehnte gebraucht, um die Geldentwertung auf ein akzeptables Maß zurückzuführen und die Inflationserwartungen auf niedrigem Niveau zu verankern. Viele Zentralbanken dulden dabei eine Rate von zwei Prozent. Diesen Konsens aufzuheben in einer Zeit, in der die starke Liquiditätsausweitung mittelfristig das Risiko einer neuen Inflationswelle birgt, zerstörte das Vertrauen der Menschen in die Zentralbanken. Es ließe auch den Verdacht aufkommen, dass der Staat sich inflationär entschulden will. Allein deshalb verbietet es sich, über die Duldung einer höheren Inflationsrate auch nur nachzudenken.

Die mangelnde Sensibilität für politische Risiken zeigt sich auch in der neuen Liebe für zeitweise Kapitalverkehrskontrollen. Dieser Vorstoß gründet in der berechtigten Sorge vor großen Verspannungen in den Schwellenländern. Weil in den Industrieländern das Zinsniveau noch länger sehr niedrig bleiben dürfte, drückt Kapital in die wirtschaftlich besser erholten Schwellenländer und bläst dort neue Blasen an den Finanzmärkten auf. Es ist mühsam, aber nicht unmöglich, dem durch regulierende Aufsicht beizukommen, und die Verlockung liegt nahe, den Kapitalimport zu beschränken. Die Risiken auch zeitweiliger Kapitalverkehrskontrollen aber sind gewaltig. Freie Kapitalmärkte dienen nicht nur dazu, dass das Kapital an den Ort seiner besten Verwendung wandern kann. Sie halten mehr noch die Regierungen zu einer ordentlichen Wirtschaftspolitik an. Regierungen auch nur zeitweise zuzugestehen, sich diesem Druck von außen zu entziehen, wirkt ansteckend. Kapitalverkehrskontrollen, einmal zugelassen, dehnen sich aus wie Ölflecken auf dem Wasser und hemmen die Integration auch der globalen Gütermärkte. Auch dieses Risiko glauben die IWF-Ökonomen implizit, durch politische Gestaltungskraft in den Griff bekommen zu können. Der Glaube in erfolgreiches staatliches Handeln ist erstaunlich, bedenkt man, wie sehr die politische Regulierung der Finanzmärkte vor der Krise versagt hat.

Die Aufregung um den Kurswechsel der IWF-Ökonomen lenkt von der zugleich vom Fonds ausgesandten Botschaft ab, die Regierungen müssten sich nun dringend an die Sanierung der Staatsetats machen. Es wäre besser gewesen, hätten Blanchard und seine Mannen in Sachen Inflation und Kapitalverkehrsfreiheit geschwiegen.

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Jahrgang 1965, Wirtschaftskorrespondent in Washington.

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