30.01.2011 · Lebensmittel und Sprit werden immer teurer, weil der Verbrauch in den Schwellenländern stetig zunimmt. Das heizt die Inflation an und den Notenbanken sind wegen der Eurokrise die Hände gebunden. Doch Anleger können sich schützen.
Von Christian SiedenbiedelDer Gang durch den Supermarkt kann einen im Augenblick das Grausen lehren. Mehr als vier Euro für ein Kilo Tomaten? Stolze 50 Prozent teurer als noch vor einem Jahr sind die Grundbestandteile der Bolognese (siehe Grafik). Nicht viel besser ist die Lage bei Paprika, Blumenkohl oder Gurken. Für sie zahlt der Kunde 30 bis 40 Prozent mehr. Zum Weinen ist es auch an der Tankstelle: Ein Liter Sprit kostet dieser Tage mehr als 1,50 Euro – eine Preissteigerung um elf Prozent. Da tröstet es ungemein, dass das Statistische Bundesamt mitteilt, die amtliche Inflationsrate in Deutschland habe im Januar nur bei 1,9 Prozent gelegen. Die Kunden in den Supermärkten beobachten ganz andere Preissteigerungen. Woran liegt diese krasse Diskrepanz? Warum steigt die amtliche Inflationsrate so viel moderater als die Preise im Supermarkt?
Einer, der sich besonders damit befasst hat, ist Hans Wolfgang Brachinger, Professor an der Universität Fribourg in der Schweiz. „Die amtliche Inflationsrate ist vor allem deswegen noch nicht so stark gestiegen“, sagt er, „weil dort teure langfristige Anschaffungen eine große Rolle spielen.“ Aber die Preise etwa für Fernseher und Computer fallen – und gleichen im Warenkorb des Statistischen Bundesamts den Preisanstieg für Energie und Lebensmittel aus. Betrachtet man hingegen vor allem die Preise für häufig gekaufte Dinge des täglichen Lebens vom Stück Butter über Gurke, Tomate und Brot bis hin zum Sack Kartoffeln – dann liegt die Inflationsrate längst deutlich höher. Brachinger ermittelt dafür einen eigenen Index der „gefühlten“ oder „wahrgenommenen“ Inflation: Er liegt im Augenblick schon bei 5,2 Prozent.
„Da ist noch einiges in der Inflations-Pipeline“
So einen starken Unterschied zwischen amtlicher Statistik und gefühlter Inflation gab es schon zweimal: Im Jahr 2002, bei der Einführung des Euro-Bargelds. „Damals nannten die Menschen den Euro gern Teuro, weil viele Produkte des täglichen Lebens teurer wurden“, sagt Brachinger. Und 2007 und 2008, bis die Krise kam.
Heute hat der Preisanstieg vor allem einen Grund: Lebensmittel und Energie werden weltweit teurer, weil der Verbrauch in Schwellenländern wie China und Indien zunimmt. Thomas Mayer, Chefvolkswirt der Deutschen Bank, meint: „Das ist eine dauerhafte Entwicklung, die wird so schnell nicht aufhören.“ Er prognostiziert deshalb einen weiteren Anstieg der Inflation – auch der amtlichen Rate auf bis zu vier Prozent.
Billiger Euro verteuert Deutschlands Importe
Aber sind derlei weltweite Umwälzungen wirklich der Grund dafür, dass hierzulande die Gurken so teuer sind? Kaufen Chinesen denn deutsche Gurken? Der Hamburger Agrarökonom Holger Thiele hat immerhin auch noch andere Ursachen ausgemacht. „Schnee und Eis haben im Dezember zu erheblichen logistischen Problemen bei der Beschaffung von frischem Gemüse geführt.“ Außerdem sei der Anbau von Gemüse in Treibhäusern sehr energieintensiv – und Strom sei teurer geworden.
Sicher ist: Unternehmen, die für ihre Produktion Rohstoffe einführen müssen, haben mit Preissteigerungen zu kämpfen. So wie der billigere Euro Deutschlands Exporte fördert, so verteuert er Importe. Im Schnitt sind die Einfuhren um zwölf Prozent teurer geworden – so viel wie seit 29 Jahren nicht mehr. „Viele Unternehmen haben die höheren Einkaufspreise noch nicht an ihre Kunden weitergegeben“, sagt Andreas Rees, Deutschland-Chefvolkswirt der Unicredit Bank. „Da ist noch einiges in der Inflations-Pipeline.
Einen „kräftigen Schluck aus der Pulle“?
Gefahren drohen auch aus Amerika: Dort druckt die Notenbank Fed weiter Geld, um die Wirtschaft zum Laufen zu bringen. Die Inflation aus Amerika aber könnte auf Europa überschwappen.
Die entscheidende Frage ist: Behält die Europäische Zentralbank trotz all dieser Gefahren die Inflation im Griff? Oder droht eine Entwicklung wie nach dem Ölpreisschock von 1973? Auch damals wurde Öl teurer. Die Gewerkschaften reagierten mit hohen Lohnforderungen. Elf Prozent mehr setzte Gewerkschaftschef Heinz Kluncker 1974 im Öffentlichen Dienst durch. Die Lohn-Preis-Spirale drehte sich. Heute ist es anders – bis jetzt. Zweistellige Lohnerhöhungen fordert noch keine Gewerkschaft. Immerhin aber 5,9 Prozent (Bauhauptgewerbe) und sechs bis sieben Prozent (Chemie). Und werden nicht auch andere einen „kräftigen Schluck aus der Pulle“ verlangen, weil die Wirtschaft brummt?
Den Notenbanken sind die Hände gebunden
Die Europäische Zentralbank ist dabei in einer schwierigen Situation. Seit der Euro-Krise ist vieles komplizierter. Während früher allenfalls noch die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit ein konkurrierendes Ziel zur Inflationsbekämpfung war, ist die Notenbank seit der Finanzkrise auch eine Rettungsinstitution für schwache Euro-Staaten. Normalerweise pflegen Notenbanken die Zinsen zu erhöhen, wenn die Inflation steigt. Die EZB aber muss einen Zusammenbruch von Ländern wie Griechenland verhindern – und kann die Zinsen nicht so leicht anheben. „Ihr sind die Hände gebunden“, meint Kai Carstensen vom Münchener Ifo-Institut.
Wie hilflos eine Notenbank sein kann, zeigt derzeit Großbritannien: Dort steigt die Inflation schon Richtung fünf Prozent. Aber Notenbank-Gouverneur Mervyn King kann die Zinsen nicht anheben – um die Wirtschaft nicht abzuwürgen. „So könnte es auch Kontinentaleuropa ergehen“, befürchtet Bankvolkswirt Mayer.
Drei Schutzmöglichkeiten für Anleger
Was aber kann der Anleger tun, wenn ihn die Angst vor der Inflation nicht schlafen lässt? Burkhard Allgeier, Chefvolkswirt und Inflationsexperte vom Bankhaus Hauck & Aufhäuser, nennt drei Möglichkeiten. Die erste sind inflationsgeschützte Anleihen. Diese Wertpapiere sind so konstruiert, dass ihre Verzinsung mit den Verbraucherpreisen steigt.
Die zweite Möglichkeit: Gold. Der Goldpreis ist zuletzt gefallen. Die Anleger machten sich offenbar weniger Sorgen um die Euro-Zone. „Gold ist eine gute Absicherung für den Fall des Zusammenbruchs des Finanzsystems“, meint Allgeier. „Bei nur etwas mehr Inflation bringt hingegen Gold wenig – weil es keine Zinsen gibt und der Kurs stark schwankt.“
Die dritte Möglichkeit sind Sachwerte – Aktien und Immobilien. Allgeier verweist jedoch darauf, dass auch die Aktienmärkte leiden können – wenn die Inflation längere Zeit andauert.
Christian Siedenbiedel Jahrgang 1969, Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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