Home
http://www.faz.net/-gqe-t4yp
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Indische Filmindustrie Bollywood wird erwachsen

04.10.2006 ·  Bollywood klingt wie Lollipop und ist so bunt und süß wie ein Lutscher. Die indische Filmindustrie setzt auf schmachtende Heldinnen. Doch das reicht dem Publikum nicht mehr. Ihr Heil suchen die Filmemacher in der Öffnung zur Welt - und lassen die Darstellerinnen über Alpenalmen tanzen.

Von Christoph Hein, Bombay
Artikel Bilder (1) Bildergalerie Lesermeinungen (0)

Als die Schöne stürzt, atmet das Studio auf. Denn jedes Mal, wenn Preity Zinta bei den Dreharbeiten hinfällt, wird der Film ein Erfolg. Und weil in der indischen Filmindustrie der Aberglaube noch wichtiger ist als sonstwo auf der Welt, stellte ihr der Choreograph ein Bein, und Preity Zinta stolperte. Nun wird alles gut und „Jaan-e-Mann“ ein Kassenschlager. Sonst hätte nur noch der „K-Effekt“ helfen können. Den hat Regisseur Karan Johar entdeckt. Deshalb heißen seine Filme „Kabhi Khushi Kabhie Gham“, „Kal“ oder „Kuch Kuch Hota Hai“. Die Magie des „K“ zieht die Massen ins Kino. Alle in Bollywood schwören darauf. Außer Preity. Die fällt lieber.

B-O-L-L-Y-W-O-O-D, das klingt wie Lollipop und ist mindestens so bunt und so süß wie ein Lutscher. Es zergeht auf der Zunge. Es schmeckt nach mehr. Es macht gute Laune. Und ist viel zu schnell verzehrt. Das gute daran: Kaum ist es vorüber, geht es von vorne los. So wie „Dilwale Dulhaniya Le Jayenge“: 500 Wochen ist der Film im Maranth Mandir in Bombay gelaufen. Und immer noch bekommt Shahrukh Khan die Braut am Ende des Streifens. Damit hat er „Sholay“ ausgestochen, der es immerhin auf sechs Jahre Dauerflimmern in Bombays Kinos gebracht hatte.

Bollywood ist eine Überdosis Indien

Bombays Filmindustrie spuckt aus ihren Studios „Fimalaya“ oder „Filmistan“ mehr Streifen aus als ihr amerikanisches Gegenüber Hollywood. Sie ist eine geschlossene, manchmal ehrenwerte Gesellschaft. Und doch beweisen sich die Illusionäre Indiens als anpassungsfähig. Kaum ist die Industrie totgesagt, steht sie stärker als zuvor da.

Indische Filmindustrie: Bollywood wird erwachsen

Das mag daran liegen, daß Bollywood eine Traumwelt ist, der Gegenentwurf zum Elend des wirklichen Lebens. Auf der Leinwand geht, was sonst nicht geht. Die Schauspieler schmusen und schmachten und singen und tanzen und schweben. Bollywood hat den Subkontinent mit Herz und Schmerz, mit Farben und Formen, mit Mythen und Magie herausgeputzt. Bollywood ist eine Überdosis Indien, ist das Masala, von der eine Prise genügt, um aus dem Armenhaus der Welt ein hüftschwingendes Melodram der Sehnsucht zu machen, mit Augenaufschlag und ganz großer Geste. Ein schöner Schein, bei dem Gut und Böse, Liebe und Haß, zu kleinen Fluchten verhelfen. Sie dauern mindestens 180 Minuten. Und kosten keine 20 Cent Eintritt.

Klatsch, Neid, Hoffnung - und ein Hauch von Unterwelt

Dabei ist schon der Name Unfug. Bollywood ist die Kombination aus dem alten Bombay, das heute Mumbai heißt, und Hollywood. Bollywood ist falsch, Mollywood aber klingt nicht. Im Ausland spielt es eh keine Rolle. Da steht Bollywood für das gesamte indische Kino - statt nur für die von Bombay aus gesteuerten Hindi-Filme. Wen aber stört das? Wenn nur Schönheitsköniginnen wie Aishwarya Rai die Augen und mehr zeigen, wenn nur der indische Altstar Amitabh Bachchan den Retter gibt. Bollywood ist ungezügeltes Product Placement, ist Klatsch, ist Neid, ist Hoffnung für Millionen. Und ein Hauch Unterwelt.

Anfang 2000 schoß ein Killer der Mumbai-Mafia auf Starregisseur Rakesh Roshan. Der hatte sich geweigert, dem organisierten Verbrechen in der Stadt Rechte an seinen Filmen abzutreten. Ein Mann stach auf seine Frau ein, nachdem sie gemeinsam den Film „Kabhi Alvida Naa Kehna“ (Sag niemals auf Wiedersehen) angeschaut hatten. Und Regisseur Karan Johar durfte tags darauf in der Regenbogenpresse sagen, er sei schockiert: „Nie hatte ich damit gerechnet, daß mein Film solche Emotionen freisetzt.“ Süßer die Kassen nie klingeln.

Frauen ziehen Männer und Massen ins Kino

Diese Geschichten, die sich um Bollywood ranken, sind mindestens so gut wie die Filme. Doch nimmt die Zahl ab. Denn das alte Bollywood ist dem Tode geweiht. In Zeiten, in denen sich Indien öffnet und Grenzen überschreitet, die Jugend von MTV und Internet erzogen wird, die Zensur aufweicht und Konventionen gedehnt werden, bleibt auch in der Filmindustrie nichts mehr so, wie es war. Außenseiter dringen in die Branche vor: „Fremden wie mir wird der Einstieg in Bollywood nicht leichtgemacht. Aber am Ende treibt uns diese Arroganz höchstens noch mehr an“, sagt Mallika Sherawat, die als Reema Lamba im ländlichen Indien geboren wurde. Heute ist Mallika eine der führenden Schauspielerinnen Bollywoods.

Überhaupt, die Frauen. Natürlich sind sie es, die Männer und Massen ins Kino ziehen. Mit langen Wimpern, hochgeschnürten Brüsten, kaum verhüllt vom Sari, den der künstliche Regen spätestens nach einer halben Stunde durchnäßt. Hinter den Kulissen indes haben sie wenig zu sagen. Eine, die es geschafft hat, ist Choreographin Farah Khan. „Wenn es hart zugeht, mußt du als Frau doppelt so hart arbeiten, um halb so ernst genommen zu werden wie die Männer“, erzählt sie Naman Ramachandran, der mit „Lights, Camera, Masala“ das schönste Buch über Bollywood vorgelegt hat.

Zelluloid als Renditeobjekt

Die Fremden, die Frauen - und dann sind da noch die Aufrührer: „Die Aura des Westens hat sich verloren. Das ist nicht mehr unser Horizont. Die Sonne geht wieder im Osten auf, wir sollten auf uns selber hören“, fordert Rakeysh Mehra, einer der jungen Wilden im Regiestuhl. Den Westen erobern? Unbedingt. Sich ihm anpassen? Nie! Rupien aber brauchen auch die jungen Wilden. Die Koffer voller Schwarzgeld, das dank der Filme gewaschen wurde, werden mehr und mehr von Bankkrediten verdrängt.

Seit die Regierung die Finanzierung von Filmen als Geschäft zuläßt, setzen Banker auf Zelluloid als Renditeobjekt. Damit verändern sie die Branche. So wie es schon deren Einbruch getan hat. Die genauen Zahlen kennt niemand. Aber Analysten berichten, Bollywood habe im vergangenen Jahr bei Investitionen von schätzungsweise 10 Milliarden Rupien einen Verlust von rund 1,4 Milliarden Rupien (24 Millionen Euro) hinnehmen müssen. Das aber war ein Schritt nach vorn - 2004 hatte der Verlust noch bei 1,75 Milliarden Rupien gelegen.

Heldinnen tanzen im Panorama einer Milka-Schweiz

Ihr Heil suchen die Filmemacher in der Öffnung zur Welt - im gleichen Rhythmus, wie sich ihr Land öffnet. Der indische Mittelstand, der es nun zum Urlaub nach Sri Lanka und zum Einkaufen nach Singapur schafft, giert nach neuen Silhouetten. Und kommen nicht auch mehr westliche Zuschauer, wenn die Heldinnen in ihren bunten Saris über Alpenalmen tanzen? Also ersetzen die Filmemacher dem Dreh im Kriegsgebiet von Kaschmir durch das Panorama einer Milka-Schweiz.

Mindestens genauso wichtig: Die Filme werden kürzer. In einem Indien, das sich immer schneller dreht, fehlt immer mehr Menschen Sitzfleisch, die Helden drei Stunden und mehr schmachten zu sehen. Jetzt wird selbst der Gesang in Frage gestellt. „Heute ist der Film mehr als nur der Rahmen, um eine Reihe von Songs vorzuführen“, sagt Ram Gopal Verma, einer der großen Regisseure.

Mit besseren Geschichten die Welt erobern

Ismail Durbar, Komponist zahlreicher Filmmusiken, macht seinem Ärger über die Wende Luft: „Neunzig Prozent unserer Regisseure äffen jetzt Hollywood nach - und da sind Tanz und Musik unwichtig.“ Die neuen Filme sollen London erreichen, auch New York, vielleicht Cannes und am Ende - natürlich - Hollywood. Doch dort verlangen die Auslandsinder und erst recht die Einheimischen bessere Plots. Der Charme des bloß Skurrilen hat sich abgenutzt. „Seit 2002, dem schlechtesten Jahr der Branche, kommen die Filme mit guten Drehbüchern, glaubhaften Geschichten, lebendig, städtisch und mit so gut aussehenden Hauptdarstellern daher, daß sie auch die modebewußte Jugend überzeugen“, hat der Filmkritiker des Wochenmagazins „India Today“ beobachtet.

„Mein Bombay ist nicht mehr das aus dem Boden gestampfte Geschäftsviertel Bandra Kurla, wo bislang die meisten Filme gedreht werden“, sagt Filmemacher Ravi K. Chandran. „Der Connaught Place in Delhi, die Colleges in Kalkutta oder die runtergekommene Gegend an der Brücke dort sind viel interessanter. Da lebt unsere Geschichte. Dort hat sogar der Staub eine besondere Textur.“ So wird Bollywood erwachsen. Und damit reif, die Erde noch einmal zu erobern. Mallika Sherawat hat es am besten beschrieben: „Das nenne ich Globalisierung: Wenn im französischen Cannes ein chinesischer Superstar wie Jacky Chan den amerikanischen Medien eine indische Schauspielerin präsentiert.“

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 01.10.2006
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1960, Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

Jüngste Beiträge

Böses Spiel

Von Holger Steltzner

Mit größter Selbstverständlichkeit und in unerträglichem Ausmaß zahlt die Elite Griechenlands keine Steuern und flüchtet mit Milliarden ins Ausland - und jede griechische Regierung lässt sie gewähren. In den Geberländern wächst die Wut der Steuerzahler. Mehr 40 149

29.05.2012 14:44 Uhr
  Vortag
Dax 6.369,52 +0,73%
 OK
NameKursProzent
FAZ-INDEX 1.386,16 +0,68%
Dow Jones 12.454,80 −0,60%
EUR/USD 1,2535 −0,05%
Rohöl Brent Crude 107,09 $ −0,16%
Gold 1.574,60 $ +0,32%
Umfrage

Anonym bewerben? Ist das gut?

Alle Umfragen

Bitte aktivieren Sie ihre Cookies.