24.01.2006 · Zwei aufstrebende Schwellenländer stellen sich in Davos dem Urteil der Managerelite: Indien und China.
che. SINGAPUR, 24. Januar. Was vor drei Jahren noch belächelt wurde, ist heute üblich: China und Indien werden verglichen, wann immer es geht. Die von der kommunistischen Partei gesteuerte "sozialistische Marktwirtschaft" wird der wild wuchernden indischen Demokratie gegenübergestellt. Auch die Manager in Davos debattieren über die beiden am schnellsten wachsenden großen Wirtschaftssysteme der Erde, ihre Erfolge und Defizite.
Folgt man den nackten Zahlen, liegt der Vorteil klar auf Chinas Seite. Wenn Peking an diesem Mittwoch seine Daten für das vergangene Jahr vorlegt, dürfte es mit einer Wachstumsrate des Bruttoinlandsproduktes (BIP) von knapp 10 Prozent brillieren. Die Auslandsinvestitionen (60,3 Milliarden Dollar), der Überschuß der Handelsbilanz (102 Milliarden Dollar), die Währungsreserven (818 Milliarden Dollar) und die Investitionen der Chinesen im Ausland (6,9 Milliarden Dollar) liegen auf Rekordniveau. Entlang der Daten aus dem Jahr 2004 ist China die siebtgrößte Volkswirtschaft der Erde, Indien liegt an zehnter Stelle. Schon 2005 aber dürfte China Frankreich überholt haben und damit nun auf Platz fünf vorgerückt sein.
Auch Indien vermeldet Rekorde, aber auf niedrigerem Niveau. "In zwei bis drei Jahren sollten wir eine Wachstumsrate von 10 Prozent ins Auge fassen", sagte Indiens Ministerpräsident Manmohan Singh jüngst. Zwischen April und Juni vergangenen Jahres legte das indische BIP um 8,1 Prozent zu. Eine hohe einstellige Rate tut not, will Indien die Armut im Lande verringern. Geschätzte 250 Millionen Menschen leben in Indien noch unterhalb der Armutsgrenze, in China dürfte die Zahl bei etwa 100 Millionen Menschen liegen. Beide Länder haben immense Erfolge in der Verringerung der Armut verbucht - sie reichen aber nicht aus.
Dies ist einer der Gründe, warum die kommenden Jahre für China und Indien schwer werden. Die breite Masse der Menschen will den Ertrag des schnellen Wirtschaftswachstums am eigenen Leibe erfahren. Die Regierungen müssen den Wohlstand über die Grenzen der Metropolen hinaus aufs Land tragen. Das aber wird dauern. Indien besitzt auf diesem Weg das Ventil der Demokratie und damit einen kaum zu überschätzenden Vorteil gegenüber dem Willkürsystem Chinas.
Mit Blick auf das Ausland muß Indien beweisen, daß es seinen Öffnungskurs fortsetzt. Es ist gezwungen, die derzeit günstige politische Konstellation zu nutzen (F.A.Z. vom 18. Januar). China muß beweisen, ein fairer Partner zu sein. Amerika und Japan betreiben auch Innenpolitik damit, daß China dank eines unterbewerteten Yuan Arbeitsplätze in den Industriestaaten vernichtet.
Wer der beiden heranwachsenden Giganten besitzt also das nachhaltigere Wachstum? Die Zahlen geben nur vordergründig Auskunft. Immerhin hat Indien 8 Prozent Wachstum mit einem Zehntel der Auslandsinvestitionen Chinas, der Hälfte der heimischen Anlageinvestitionen, erzielt. "Chinas Wachstum resultiert aus der Akkumulation von Ressourcen, Indiens aus einer schnell wachsenden Effizienz", sagt Yasheng Huang, Professor an der Sloan School of Management. Langfristig für Indien sprechen der reifere Finanzsektor, die bessere Unternehmenslandschaft, die Weltoffenheit seiner Elite.
Beide Regierungen müssen einen Spagat vollbringen: Einerseits müssen sie ihre Volkswirtschaften weiter öffnen, internationalen Anforderungen Genüge leisten. Andererseits müssen sie die heimische Industrie entwickeln, den Wohlstand gerecht verteilen, die Umwelt schonen. Die erste Etappe der Öffnung und des Wachstums konnte China für sich entscheiden. Der Preis dafür könnte indes höher ausfallen, als es derzeit aussieht. Nicht auszuschließen ist, daß Indien dank einer anderen politischen Basis auf gesünderem Boden gedeiht. Der indische Finanzminister Palaniappan Chidambaram umschreibt dies so: "Die Regierung ist den Wirtschaftsreformen verpflichtet. Zur gleichen Zeit aber ist sie dazu verpflichtet, ihnen ein menschliches Antlitz zu geben."
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.386,16 | +0,68% |
| Dow Jones | 12.454,80 | −0,60% |
| EUR/USD | 1,2535 | −0,05% |
| Rohöl Brent Crude | 107,09 $ | −0,16% |
| Gold | 1.574,60 $ | +0,32% |
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