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Osteuropa : In Bosnien lässt sich gutes Geld verdienen

Sarajevo, die Hauptstadt von Bosnien-Hercegovina Bild: Michael Martens

Lange prägte der Streit zwischen VW und Zulieferern der Prevent-Gruppe aus Bosnien die Schlagzeilen. Selten hörte man hierzulande so viel von Unternehmen aus diesem politisch zerrissenen Land. Wie geht es eigentlich der Wirtschaft dort?

          Im Ausland ist Bosnien-Hercegovina vor allem als ehemaliger Kriegsschauplatz bekannt, für das Massaker von Srebrenica 1995 oder für die Scharfschützenattacken in Sarajevo. Später galt das Land als gescheiterter Staat, den das Friedensabkommen von Dayton in zwei verfeindete Verwaltungseinheiten getrennt habe: in die mehrheitlich von christlich-orthodoxen Serben bewohnte Republika Srpska sowie in die Föderation Bosnien und Hercegovina, wo vor allem muslimische Bosniaken und katholische Kroaten leben.

          Christian Geinitz

          Wirtschaftskorrespondent für Österreich, Ostmittel- und Südosteuropa und Türkei mit Sitz in Wien.

          Seit Teile des Riesenkonzerns Volkswagen von zwei Zulieferunternehmen der bosnischen ASA-Prevent-Gruppe lahmgelegt wurden, rückt dieser Teil des ehemaligen Jugoslawiens plötzlich ins Interesse. Dabei stellt sich heraus, dass das kleine Land mit der Bevölkerungszahl Berlins – 3,5 Millionen – tatsächlich viele politische Probleme hat.

          Im Juli sorgte eine Volkszählung für Ärger, wonach der muslimische Bevölkerungsanteil seit 1991 von 43 auf mehr als 50 Prozent gestiegen sei. Hoch her geht es auch in den Parlamenten, zwischenzeitlich konnten sich die bosniakisch-kroatischen Abgeordneten nicht einmal auf eine Tagesordnung einigen. Der Gesamtstaat bleibt fragil, immer wieder wird seine Souveränität in Frage gestellt.

          BIP-Wachstum von rund drei Prozent erwartet

          Die Wirtschaft jedoch ist gesünder, als es die Zerrissenheit erwarten lässt. „Die ökonomischen Daten werden immer besser, und die Lage der Schulden und öffentlichen Haushalte ist die stabilste in der Region“, sagt Ivona Zametica, Volkswirtin bei Raiffeisen Research in Sarajevo. Dass es unterschiedliche Verwaltungseinheiten und Volksgruppen gebe, bedeute für die Unternehmen keinerlei Schwierigkeiten: „Bosnien-Hercegovina ist ein einheitlicher Wirtschaftsraum mit freiem Personen-, Kapital- und Güterverkehr, der gut funktioniert.“

          Die Daten stimmen zuversichtlich. Das Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche WIIW erwartet bis 2018 eine jährliche reale Zunahme des Bruttoinlandsprodukts (BIP) um rund 3 Prozent. In der EU sind es weniger als 2 Prozent, in den Nachbarländern Serbien und Kroatien im besten Falle 2,5 Prozent. Bei Verschuldung und Haushaltsdefizit würde Bosnien sogar die Maastricht-Kriterien erfüllen. Zu verdanken ist das nicht zuletzt den Geldgebern wie dem Weltwährungsfonds IWF, die auf fiskalische Disziplin achten.

          Auch der Wunsch, der EU beizutreten, diszipliniert das Land. Im Februar stellte die Regierung formal einen Antrag auf Aufnahme in die Gemeinschaft. Seine Währung hat Bosnien bereits fest an den Euro gekoppelt. Zahlungsmittel ist die Konvertible Bosnische Mark (BAM), die früher an die D-Mark gebunden war; bis heute entspricht ein Euro 1,96 BAM.

          Bei Exporten ist Deutschland Hauptpartner

          Neben den Investitionen, die jedes Jahr um 4 bis 5 Prozent zulegen, gilt die Ausfuhr als wichtigster BIP-Treiber. Zwei Drittel des Exports gehen in die EU, Hauptpartner ist Deutschland. Geliefert werden Metalle, Maschinen, Holz und Möbel. Als Zulieferer für deutsche Maschinen- und Autobauer spielt Bosnien eine gewisse Rolle.

          Die Gesamtindustrie wächst verlässlich, im ersten Halbjahr um 4 Prozent. Trotz der Exporterfolge leidet das Land unter einem enormen Handelsdefizit, die Unterdeckung in der Leistungsbilanz schwankt zwischen 6 und 8 Prozent des BIP. Das hängt mit der Abhängigkeit von Öl- und Gaseinfuhren zusammen.

          Es gibt viele weitere Hemmschuhe. So ist es zwar vorteilhaft, dass Hunderttausende Bosnier im Ausland arbeiten und Geld nach Hause schicken. Andererseits fehlen dem Land qualifizierte Arbeitskräfte. Seit 1991 sollen 850.000 Einwohner das Land verlassen haben, ein gewaltiger Aderlass. Viele der Verbliebenen sind nicht ausreichend qualifiziert, um eine Stelle zu finden.

          Die Arbeitslosenquote sinkt zwar: Das WIIW erwartet einen Rückgang zwischen 2015 und 2018 um 2,7 Prozentpunkte. Aber selbst dann wäre sie mit 25 Prozent noch astronomisch hoch. Nur das Kosovo steht in Europa schlechter da. Äußerst gering ist das Pro-Kopf-Einkommen. Das BIP je Einwohner beträgt in Bosnien kaufkraftbereinigt weniger als 8000 Euro im Jahr. Der monatliche Bruttolohn erreicht 690 Euro.

          „Katastrophale Schul- und Berufsausbildung“

          „Wir machen gute Geschäfte, für Investoren ist Bosnien ein vielversprechender Standort“, sagt Snjezana Köpruner, die Geschäftsführerin des Maschinenzulieferers GS Tvornica Masina in Travnik, 100 Kilometer nördlich von Sarajevo. Das 1952 gegründete Staatsunternehmen gehört seit der Privatisierung 2004 zur Regensburger Gruppe Global Sourcing.

          Statt damals 52 Mitarbeiter im Durchschnittsalter von 50 Jahren arbeiten in Travnik heute 250 Personen, die zumeist keine 35 Jahre alt sind. Der Umsatz stieg von 0,4 auf rund 10 Millionen Euro. Die Gewinnmarge beträgt 5 Prozent, der Exportanteil 90 Prozent. Kunden sind Thyssen, Bombardier, Liebherr oder Knorr Bremse.

          Köpruner bestätigt, dass die politischen Konflikte für die Wirtschaft kaum eine Rolle spielten, sie beziehe Material und Beschäftigte aus allen Landesteilen. Die Schul- und Berufsausbildung allerdings bezeichnet sie als katastrophal. Trotz der hohen Arbeitslosigkeit finde man keine Mitarbeiter zur Bedienung von CNC-Maschinen. Die Lohnnebenkosten betrügen „erschreckend hohe“ 70 Prozent vom Nettolohn.

          An der Politik lässt die Chefin kein gutes Haar: „Bosnien ist kein Rechtsstaat, die Politiker bereichern sich, viele sind korrupt.“ Über den VW-Zulieferer Prevent hat Köpruner indes nur Gutes zu berichten. Bis vor kurzem gehörten 11 Prozent von GS Tvornica Masina einer Prevent-Beteiligungsgesellschaft. „Die waren im Aufsichtsrat vorbildlich und äußerst produktiv“, lobt Köpruner.

          Quelle: F.A.Z.

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