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Immobilienmaklerin mit Türkischlehrerpotential „Meine Güte bin ich heute wieder deutsch“

16.02.2009 ·  Fremdenfeindlichkeit habe ich nie spüren müssen. Im Gegenteil: Manchmal ertappe ich mich bei dem Gedanken: „Meine Güte, bin ich heute wieder deutsch.“ Menschen, wie ich es bin, sind nicht die Ausnahme. Nur fallen „wir“ nicht unbedingt auf, weil wir „assimiliert“ oder „integriert“ sind.

Von Sibel Naric
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Es gibt sicherlich Tage, an denen ich mich mit folgendem Gedanken ertappe: „Meine Güte, bin ich heute wieder deutsch.“ Dann muss ich über mich selbst lachen. Denn was ist denn „deutsch“? In diesem Augenblick bin ich doch „nur“ Sibel, die die Charakterzüge Perfektion, Pünktlichkeit und Disziplin in sich vereint. Ist das wirklich deutsch?

Mein Vater war schon drei Jahre in Deutschland und hat in einer Stahlhütte in Hagen gearbeitet, als er meine Mutter und mich nach Deutschland holte. Damals war ich drei Monate alt. Meine Eltern stammen aus Kayseri, einem anatolischen Dorf. Trotz der bäuerlichen Begebenheiten war meine Mutter zu der Zeit relativ modern, trug die Haare offen und Minikleider. Dieses wollte mein Vater in Deutschland nicht ändern. Er war der Meinung, dass meine Mutter sich in Deutschland anpassen sollte und „verbot“ ihr das Tragen des Kopftuches. Wir sollten so wenig wie möglich auffallen, da wir doch in einer rein deutschen Gegend ohne weitere Ausländer um uns herum wohnten.

Deutsche Oma

Die deutsche Sprache erlernten meine Schwester, mein Bruder und ich von deutschen Freunden, im speziellen von unserer „deutschen Oma“, deren Ehemann Mathematiklehrer und sie Deutschlehrerin war. Dieser Oma haben wir sehr viel zu verdanken. Sie hat uns bis zur Pubertät begleitet und uns die Unterstützung und Hilfe geboten, ohne die wir jetzt wahrscheinlich nicht so weit gekommen wären.

Mein Vater legte immer großen Wert, dass wir in einer Umgebung aufwuchsen, wo es wenig „Türken“ gab. Es hört sich schlimmer an, als es ist. Aber er wollte nicht, dass sich jemand (gewollt oder ungewollt) in seine Erziehung einmischt.

In der 4. Klasse kämpften mein Vater und ich dafür, dass ich auf das Gymnasium kam, obwohl meine Grundschullehrerin der Auffassung war, dass ich als Türkin auch gut auf der Realschule aufgehoben sei. Es gäbe wenige Türken, die es auf dem Gymnasium geschafft hätten, man solle sich keine Illusionen machen.

Erst einmal Geld verdienen

Mit 20 und Abitur in der Tasche (Schwerpunktfächer: Deutsch und Englisch) wusste ich nicht, wohin die Reise gehen sollte. Den Wunsch meiner Eltern, Kinderärztin zu werden, wollte ich nicht erfüllen. Ich selbst hatte von jeher Ambitionen entweder den Weg einer Politikerin oder einer Journalistin einzuschlagen. Im Endeffekt entschied ich mich aber für das Geld verdienen und machte eine Ausbildung zur Industriekauffrau.

Meine Eltern waren der Meinung, ich solle erst einmal Geld verdienen und dann weiter schauen. Ich solle mich bloß nicht von einem Mann finanziell abhängig machen. So sollte es sein.

Den Chefs türkisch beigebracht

Während meiner Ausbildung bei der Fa. Altenloh, Brinck und Co. in Ennepetal erkannte man sehr schnell, dass ich Potential für mehr besaß, als stumpf Akten zu sortieren und Kopien zu machen. Im ersten Ausbildungsjahr wurde ich im Vertrieb als Disponentin eingesetzt und durfte die Assistenz des Geschäftsführers mit übernehmen. Ich wurde als erste Türkin in der Verwaltung in die Dependance nach Istanbul geschickt, um auf Messen die Repräsentanz zu übernehmen.

Später war ich auf allen Messen als Repräsentantin unterwegs. Dies war im zweiten Lehrjahr. Im dritten Lehrjahr brachte ich dem Controller und dem Personalchef ein Jahr lang türkisch bei und lernte dabei die türkische Sprache neu. Diese wollten den türkischen Geschäftsführer in Istanbul mit ihren Türkischkenntnissen überraschen (eigentlich trauten sie ihm nicht über den Weg).

Mit 25 und einem tollen Job mit viel Verantwortung, entschied ich, dass dies nicht alles gewesen sein konnte und beschloss ein berufsbegleitendes Studium anzuknüpfen. Mein Ehrgeiz und meine Neugier, aber auch die Langeweile, die sich irgendwann einstellte, brachten mich zu diesem Schritt.

Dann doch noch das Studium

An der FOM in Essen studierte ich Internationales Management und Marketing. Der Stressfaktor im Beruf sowie im Privatleben war immens. Heute arbeite ich bei einer der größten Immobilienfirmen Deutschlands im Marketing als Referentin.

Eines möchte ich hervorheben: entgegen vieler Medienberichte, sind Menschen, wie ich es bin, nicht die Ausnahme, sondern eher noch die Regel. Nur fallen „wir“ nicht unbedingt auf, weil wir „assimiliert“ oder „integriert“ sind.

Fremdenfeindlichkeit habe ich nie spüren müssen

Nie habe ich Fremdenfeindlichkeit spüren müssen. Auf dem Gymnasium habe ich mal einen dummen Spruch eines Mitschülers gehört (als die „Kurdenfrage“ in der Türkei sehr brisant war), dass alle Türken Terroristen sind. Ein verbaler Gegenschlag reichte hier aus, um ihn mundtot zu bekommen. Ich hatte unglaublich tolle und vorurteilsfreie Lehrer, die mich nie wie eine Außenseiterin behandelt haben, obwohl es damals nicht so viele Türken auf Gymnasien gab.

Meine Chefs haben es eher als ein Segen empfunden, dass ich türkisch konnte. Mein Charme und meine emotionsgeladene Arbeit, mein Fleiß und meine Flexibilität wurden honoriert. Eigenschaften, die eine Türkin genauso haben kann, wie eine Deutsche.

Beim Einstellungstest wurde ich gefragt, ob ich je Fremdenfeindlichkeit erlebt hätte. Diese Frage hat mich sehr verwundert. Und das tut es heute noch. Ich lebe in keiner wohlbehüteten Seifenblase. Ich weiß, dass es unzählige Menschen gibt, die jeden Tag aufs Neue verspüren, wie es ist, anders zu sein.

Chancen, die die Eltern einräumten

Was ist also bei mir anders gelaufen, als bei den vermeintlich anderen, „nicht integrierten“ Leidensgenossen? Ich bin der Überzeugung, dass die Eltern, ob Sie nun die deutsche Sprache beherrschen oder nicht, eine immens große Rolle bei der Weiterentwicklung eines Kindes spielen. Dies gilt für deutsche wie auch türkische Mitbürger. Meine Eltern haben mir mit ihrer Weitsichtigkeit und ihrer Toleranz gegenüber anderen alle Chancen der Welt gegeben, um mich zu entwickeln.

Ich persönlich falle nicht auf, weil ich anders aussehe, sondern ab und an temperamentvoll bin und schnell auf den Punkt komme. Ob es ein Segen oder ein Fluch ist, entscheiden jeden Tag meine Kollegen.

Ich bin kein Einzelfall.

Weiter zur Geschichte von Sinem Demir: Jurastudentin mit Hauptschulvergangenheit

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