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Veröffentlicht: 08.06.2017, 08:57 Uhr

Möbel als Streitpunkt Bis die Einrichtung uns scheidet

Wenn Paare zusammenziehen, treffen auch ihre Möbel aufeinander. Eine nicht immer friedliche Koexistenz, an der manche Beziehung sogar zerbricht.

von Stefanie von Wietersheim
© interTOPICS/mptv Er liebt ihn, sie hasst ihn: Der Wagenrad-Couchtisch aus dem Film „Harry und Sally“ ist zum Synonym für schlechten Männergeschmack geworden.

Da war zuerst dieser grandiose Sex. Die gemeinsame Liebe zur Oper. Beide wollten Kinder, am liebsten drei, sie träumten von einer Datsche in Brandenburg und einem Jahr in Südafrika. Dann aber kamen seine Motorradhelme. Auf ihrem Bücherregal. Das zu einer Stehlampe umfunktionierte Spinnrad seiner Großmutter. In ihrem Salon mit der Vintage-Liege von Le Corbusier. Und dann diese Graffitibettwäsche. Er fand sie großartig im gemeinsamen Schlafzimmer, für das sie Wände in der Puderfarbe „Parme“ vorgesehen hatte. Der attraktive Traummann, schon potentieller Ehemann, war auf einmal der Nerd mit der Spinnradlampe geworden. Und ihn machte es nervös, dass im Bad – rechts, auf seiner Rasier-Seite – eine dreistöckige Etagere mit Cremes und Nagellackfläschchen stehen musste. „Denn von rechts kommt das Licht zum Schminken, der Flow muss erhalten werden“, sagte sie. Er dachte: „Sie spinnt. Komplett.“

Fast jedes Paar kann solche Geschichten von Krisen beim Zusammenziehen erzählen. Allein in Deutschland leben 17,5 Millionen Ehepaare und 2,9 Millionen gemischt- oder gleichgeschlechtliche Haushaltsgemeinschaften, zählt der Destatis Datenreport 2016.

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Was der Report nicht dokumentiert, sind die Millionen Fusionsdiskussionen mit amouröser Implosionsgefahr um die Sinnhaftigkeit von geringelten Vasen, monumentalen Kerzenhaltern und Schwertersammlungen. Diese Ästhetik-Rangeleien werden nicht weniger, auch wenn die Deutschen viel älter als früher sind, wenn sie zusammenziehen oder heiraten: Frauen sind heute bei der Heirat im Schnitt 31 Jahre, Männer 34 Jahre alt, doch viele wohnen vorher schon zusammen. Gestelle zum Trocknen von Wollpullovern über der Badewanne, exzentrische Seifenfarben, der richtige Mülleimer – was in größeren Wohngemeinschaften noch lässig toleriert wird, kann sich bei Liebespaaren zu Beziehungsdramen in mehreren Akten ausweiten, da tief emotionale, exklusive Bindungen eingegangen werden und die gemeinsame Wohnung auch zeigen soll: Wer sind wir als Paar? Und wer wollen wir sein?

Beim Zusammenziehen geht es um mehr als das Verteilen von ein paar Möbeln. Es geht um Terrain, um Werte, um kulturelle Herkunft. Um gemeinsame Visionen, Identität, Klassenzugehörigkeit – um Lebensgeschichte.

„Wir-Dinge“ werden wichtiger als „Ich-Dinge“

Wer an einem ganz normalen Samstag ganz normale Paare über Stunden hinweg in Möbelhäusern beobachtet, dem werden ergötzliche Kammerspiele zum Thema „Die Harmonie der gemeinsamen Einrichtung“ gratis geboten: „Henriette, wir haben genug Vasen. Punkt!“, sagt er. – „Man hat nie genug Vasen, Poffi. Jede Blume ist schließlich anders“, schießt sie zurück. Um dann versöhnlich zu werden: „Aber, Poffi, schau mal da drüben, ich denke gerade: vielleicht doch alles weiß im Bad?“ Findet Poffi aber überhaupt nicht: „Nur über meine Leiche! Sieht aus wie im Krankenhaus! Und ich denke, du willst Vasen? Außerdem brauch ich was zu essen . . .“

Vom Verlangen nach häuslicher Zweisamkeit kann einen kaum etwas schneller abbringen als ein Besuch im Einrichtungshaus. Dabei sind die nestbauenden Kunden ja schon im fortgeschrittenen Stadium, den gemeinsamen Neuanschaffungen, angekommen und nicht mehr bei der Kernfusion von Lieblingsstücken aus zwei Lagern. Legendär dargestellt im Filmklassiker „Harry und Sally“, wo sich die Protagonisten über den Wagenrad-Couchtisch eines Freundes so spektakulär in die Haare bekommen, dass dieser Couchtisch noch heute unter manchen Frauen als Synonym für einen grottigen Männergeschmack gilt.

Warum die Wohnungseinrichtung zum Minenfeld für Paare werden kann, schildert Annette Schäfer in ihrem Buch „Wir sind, was wir haben“, für das sie zahlreiche Studien über die Wichtigkeit des persönlichen Besitzes ausgewertet hat. Sie erklärt, dass bei jungen Erwachsenen im Gegensatz zu Kindern und Jugendlichen „Wir-Dinge“ erstmals wichtiger als identitätsstiftende und beruhigende „Ich-Dinge“ werden. „Erst mit der Zeit baut man einen wirklich gemeinschaftlichen Hausstand auf, der sich nicht mehr ohne weiteres in Dein und Mein dividieren lässt.“ Schäfer erklärt, dass es am Anfang des Zusammenlebens oft so sei, als würden zwei Haushalte nebeneinander existieren. „Jeder hängt an seinen eigenen Sachen, möchte die eigenen Bilder, Memorabilien und Dekorationsstücke zur Geltung bringen.“ Mit der Zeit, vor allem mit einer Eheschließung, passe man sich mehr und mehr aneinander an. Top oder Flop: Oftmals stelle sich die erste gemeinsame Wohnung als erste große Bewährungsprobe der Beziehung heraus; sie ist aber auch Indikator für gelungene menschliche Beziehungen. „Die soziale Verbundenheit mit anderen ist der vorrangige Grund, warum Erwachsene, ob in den Dreißigern, Fünfzigern oder Siebzigern, ihre Besitztümer lieben. Doch sie spiegeln auch die Herausforderungen und Schwierigkeiten wider, die sich in einer Beziehung ergeben können.“

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