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Vitra-Doyen Fehlbaum : „Diese Möbel rufen Erregung hervor“

  • -Aktualisiert am

Charles und Ray Eames. Bild: Eames Office LCC

Rolf Fehlbaum, Doyen der Designfirma Vitra, über die Starqualität des Ehepaares Eames, langweilige Einrichtung und die Möbelklassiker von morgen.

          Herr Fehlbaum, Ihr Vater hatte ein Ladenbaugeschäft in der Schweiz. Dann sah er bei seiner ersten Amerika-Reise einen Stuhl, der „sein Leben veränderte“, und lernte später die Macher kennen: Charles und Ray Eames. Sie waren beim ersten Besuch von Charles Eames in der Schweiz als Übersetzer dabei. Wie war das?

          Das ist sehr lange her, 60 Jahre schon, meine Erinnerungen sind etwas verblasst. Ich bin in Basel aufgewachsen, mein Vater hatte ein kleines Geschäft. Wir kannten Leute aus der Region, sonst niemanden. Man muss dazu wissen, dass die Eames vielleicht die ersten Stars waren unter den Designern. Wenn die einen Raum betraten, drehten sich alle Köpfe um. Charles war ja sehr gutaussehend und selbstsicher, er hatte die Ausstrahlung eines Filmstars. Und Ray war klein, fast bäuerlich in ihrer Tracht. Für mich, der sich immer nach Amerika sehnte, war das eine unerhörte Erscheinung, wie eine Message from another planet.

          Was unterschied sie von anderen Designern?

          In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gab es fast ausschließlich Architekten, die nebenbei Möbel machten – Breuer war eine Ausnahme. Die Eames waren anders. Er, der Ingenieurkopf, der viel von Technik verstand, und sie, die als Malerin gearbeitet hatte, sie haben zusammen etwas bewirkt, das uns ja immer noch berührt. Produkte, die einerseits technisch rational überzeugen und die andererseits eine hohe Emotionalität ausstrahlen. Die Eames waren Leute, die sagten: Jedes Problem ist lösbar. Man muss es nur richtig analysieren, muss viel, viel arbeiten, dann ist es lösbar. Es war natürlich auch eine Zeit, die Neues möglich machte. Der Optimismus, von dem sie getragen wurden, kommt in diesen Objekten noch heute zum Vorschein.

          Ihr Unternehmen Vitra stellt die Eames-Möbel bis heute her. Viele Hersteller dürften Sie beneiden: Die verkaufen sich wie warme Semmeln.

          Man wundert sich ja, dass man nach all diesen Jahren nicht davon müde ist, sondern, wenn man sie anschaut, immer noch diese leichte Erregung spürt. Die natürlich größer war, als man sie das erste Mal gesehen hat, die aber immer noch vorhanden ist. Das ist schon außerordentlich.

          Dining Height K-Wire Shell Rod Steel Base, 1951-52. Bilderstrecke
          Dining Height K-Wire Shell Rod Steel Base, 1951-52. :

          Design reflektiert ja immer auch die Gesellschaft. Spiegelt dieser Optimismus, diese uneingelösten Versprechen der Zukunft, also unseren Gemütszustand wider?

          Alles, was zu verschiedenen Zeiten unterschiedlich gelesen werden kann, hat ja Chance auf ein langes Leben. Alles, was eine eindeutige, für den Moment vielleicht interessante Aussage trifft, die aber nur für diesen Moment gemacht ist, hat später keine Chance, weil man es nicht mehr lesen kann, höchstens als historisches Objekt. Die schwimmen auf kurzen Wellen. Und ich glaube, die Eames schwimmen auf einer langen Welle.

          Glauben Sie nicht, dass die Menschen dessen auch überdrüssig werden?

          Irgendwann ist alles vorbei. Es ist ja immer schwer zu sagen, warum gewisse Dinge zu gewissen Zeiten mehr und dann wieder weniger Anziehung ausüben. Ein typisches Beispiel ist der Panton-Stuhl: die Nachfrage verläuft wirklich wellenartig. Die war mal ganz groß, dann ging das Interesse zurück, dann kam es wieder. Bei Eames war es eigentlich immer da, ich kann dort diese Wellen nicht erkennen. Vielleicht kommt das auch einmal, eine Fatigue, dass man sagt: Jetzt hab ich’s gesehen. Aber die Arbeit der Eames ist so komplex, dass sie immer neue Ausdrucksformen findet.

          Inwiefern?

          Ganz am Anfang haben die Eames die Kunststoffstühle mit Holz- und Drahtuntergestellen gemacht. Natürlich gab es auch Architekten, die sich damit eingerichtet haben. Aber eigentlich war das kein Stuhl, der im Wohnen große Verbreitung fand. Stattdessen hat man ihn zur Großbestuhlung in Aulen und Stadien verbaut. Und dann gab es für die Massenbestuhlung viel günstigere Lösungen. Der Stuhl wurde plötzlich wiederentdeckt für die Wohnung – und die fast vergessene Ausführung mit den Holzbeinen ist heute eines unserer bestverkauften Modelle. Manche Kunden kritisieren, dass der Grundgedanke der Eames bezahlbare Möbel gewesen seien. Vitra-Möbel hingegen könnten sich nur wenige leisten. Zwischen Idee und Realität gab es schon früher einen Unterschied. Das war ein Ideal der Moderne. Ist es eingelöst worden? Eigentlich nur in Finnland, mit Aalto. Dessen Möbel sind wirklich klassenlos. Natürlich waren manche Produkte günstiger, als sie herauskamen. Das hat aber viele Ursachen.

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