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Verödung Haus sucht Bauer

06.07.2010 ·  Läden stehen leer, Höfe verfallen. Wer durch Dörfer und Flecken zwischen Kassel und Göttingen fährt, beginnt zu ahnen, was der demographische Wandel bedeutet.

Von Birgit Ochs, Göttingen
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In Adelebsen denkt Dietrich Maschmeyer an Beethovens Pastorale. Man kann den Vorsitzenden der Interessengemeinschaft Bauernhaus (IGB) gut verstehen. Die Sonne steht hoch am Himmel, das Gras ist noch von frühlingsfrischem Grün. Das Örtchen mit seiner Burganlage, den herausgeputzten Fachwerkhäusern des Dorfs und dem sanierten Gutshof weckt im Städter bei der Ankunft auf dem Lande tatsächlich jenes heitere Gefühl, das der Komponist im ersten Satz seiner 6. Sinfonie musikalisch beschreibt.

Adelebsen im Landkreis Göttingen ist die erste Station auf einer Reise durch das südliche Niedersachsen, die das Deutsche Nationalkomitee für Denkmalschutz gemeinsam mit dem niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege und der IGB unter dem reißerischen Titel „Haus sucht Bauer“ zum Thema „Demographischer Wandel und Denkmalschutz“ ausgetüftelt hat. Doch anders als in Beethovens Partitur vorgesehen, trübt ein Missklang kurz nach der Ankunft sogleich die unbeschwerte Stimmung: Das Sägewerk Klausner - vom Burghof aus gut zu sehen - wird schließen, heißt es im Dorf. Mit 200 Mitarbeitern war der Betrieb der größte Arbeitgeber in der Gemeinde.

Schwerer Schlag

Für die Adelebser ist das ein schwerer Schlag. Nur gut 20 Minuten mit dem Auto von Göttingen entfernt gelegen und immerhin noch ans Netz der Regionalbahn angeschlossen, kann der Flecken von der Nähe zur Universitätsstadt nicht profitieren. Während sich in den Großräumen München, Frankfurt oder Stuttgart 20 Kilometer außerhalb des Zentrums der Speckgürtel spannt, haben Gemeinden abseits der Ballungsräume zunehmend zu knapsen.

Adelebsens Kämmerer war in den zurückliegenden Jahren stolz auf seinen ausgeglichenen Haushalt in Höhe von 10 Millionen Euro. Dieses Jahr rechnet er mit einem Minus. Umso mehr schmerzt die Nachricht, dass das Sägewerk dichtmacht - zumal andere Arbeitsmöglichkeiten rar sind. Von der Landwirtschaft leben hier immer weniger Menschen. In der Mitte des vorigen Jahrhunderts beschäftigte das Gut noch an die 60 Mitarbeiter. Heute sind es noch zwei. Die weitläufigen Stallungen beherbergen nun die Pferde eines Reiterhofs, immerhin. „In Ostdeutschland stehen viele solcher Domänen längst ganz leer“, versucht Maschmeyer der Situation etwas Positives abzugewinnen. Er weiß um die drastisch schwindenden Chancen, ein leerstehendes Gebäude zu erhalten.

Rasante Verödung

Davon kann Gerhard Sommer aus dem südniedersächsischen Uslar erzählen, zu dem auch der Ortsteil Verliehausen gehört. Wie Maschmeyer ist er Mitglied der Interessengemeinschaft Bauernhaus. In seinem Umfeld kennt er jedes historische Gebäude und dokumentiert die Veränderungen in den Dörfern und Flecken. Nicht einmal 400 Einwohner leben in Verliehausen. Der Nachwuchs fehlt, um die Zahl halbwegs stabil zu halten. Weniger als ein Fünftel der Bewohner sind jünger als 19 Jahre. „Erschreckend ist das“, sagt Sommer, der weiß, dass die Entwicklung vor der gesamten Region auf niedersächsischer wie auf hessischer Seite nicht haltmacht. Im nahen Werra-Meißner-Kreis etwa verschwinden schon heute umgerechnet Jahr für Jahr zwei Dörfer. Die rasante Verödung ganzer Landstriche ist nicht nur ein ostdeutsches Phänomen.

Sommer steht vor einem verlassenen Gehöft, das den Eigentümern nur noch als Abstell- und Lagerplatz dient. Die Eheleute haben von ihren Eltern je einen Hof geerbt, doch sie können nur einen bewirtschaften. „So ist das hier.“ Er kennt in nächster Nähe zahlreiche ähnliche Beispiele. Gleich gegenüber steht ein imposanter Hof - leer. Von einst 17 Hofstellen mit bis zu 70 Hektar Land sind im Dorf nur noch zwei geblieben.

„Wir stecken im tiefgreifenden demographischen Wandel“, sagt Markus Baran, der als Leiter des Bauamtes Adelebsen die Entwicklung auf dem örtlichen Immobilienmarkt im Blick hat. Die Bevölkerungszahl schrumpft, während gleichzeitig die Zahl der Alten steigt. Die über Jahre rückläufige Zahl der Geburten ist eine wesentliche Ursache, die sich rasant verändernde Arbeitswelt eine andere. Wo immer weniger Menschen einen festen Arbeitsvertrag haben und anders als früher im Berufsleben Flexibilität gefragt ist, sinkt die Bereitschaft und schwinden die Möglichkeiten, sich auf dem Land niederzulassen. Zurück bleiben die Alten. Vor einigen Jahren lebten in Adelebsen noch mehr als 7000 Menschen. Nun sind es noch 6800. Bis zum Jahr 2020 soll die Zahl noch mal um 800 sinken. „Dann werden hier 550 Wohnungen überflüssig“, erwartet Baran.

Problemgebiet Ortskern

Als Problemgebiet gilt schon heute ausgerechnet der Ortskern. Dort steht seit geraumer Zeit der „Ratskeller“ leer. Er zählt zu jenen Häusern, die das Stadtbild maßgeblich prägen. Der Besitzer hatte es vor einigen Jahren modernisiert und in mehrere Wohneinheiten aufgeteilt, ohne auf den Erhalt des ursprünglichen Erscheinungsbilds Rücksicht zu nehmen.

Nur 30 Kilometer weiter, in der Gemeinde Bodenfelde, reiht sich entlang der Hauptstraße Leerstand an Leerstand. Vor 30, 40 Jahren muss der örtliche Handel noch floriert haben. Damals hatten die Inhaber ihre Läden ausgebaut. Heute stehen hier und da noch ein paar eingestaubte Restposten hinter blinden Scheiben. Manche Besitzer haben die Schaufenster notdürftig dekoriert, um den Leerstand zu kaschieren. Doch die Versuche lassen die verwaisten Geschäfte noch trostloser wirken. Die Wesergemeinde ist ein staatlich anerkannter Erholungsort und hat in ihrer Mitte viel von einer Geisterstadt. Der Fernverkehr rollt durch die Straßen. Bodenfelde, sagt Maschmeyer, sei wie das Gewitter in Beethovens Pastorale. „Das ist der dramatische Höhepunkt.“

Für die Vertreter der Interessengemeinschaft Bauernhaus wie auch den Präsidenten des Niedersächsischen Landesamtes für Denkmalpflege, Stefan Winghart, ist der Ort das Paradebeispiel einer fehlgeschlagenen Stadtplanung und der Verödung. „Das Zentrum wurde aus dem Zentrum entfernt“, nennt Winghart eine wesentliche Ursache für den Niedergang der Ortsmitte. Die großen Verbrauchermärkte, die Sparkasse und kleinere Läden sind an den Ortsrand gezogen. Zum Einkaufen brausen auch die Bodenfelder einfach nur noch durch ihren Ort hindurch, denn in der Mitte ist nichts mehr, was sie hält. Hier habe man den Traum vom Mittelzentrum geträumt und versucht, sich als autogerechte Stadt zu präsentieren, stellt Denkmalschützer Winghart fest. „Das Ergebnis ist grausig.“

Besondere Ausstrahlung

Um die Verödung ihrer Ortskerne zu verhindern, weisen einige Gemeinden nun kein neues Bauland mehr aus. Mit Zuzug rechnet dieser Tage in der Region ohnehin niemand ernsthaft. Manche plädieren dafür, die „Dörfer fit für die Alten zu machen“, aber vielerorts sind die Lücken im Netz der allgemeinen wie medizinischen Versorgung so groß, dass es den Skeptikern unmöglich erscheint, sie zu stopfen. Nun will man wenigstens die verbliebenen Jungen überzeugen, die Altbauten zu erhalten. „Ehrlicherweise muss man sagen, das viele einen Neubau vorziehen“, räumt Gerhard Sommer von der IGB ein. Deren Vertreter werben vehement dafür, den Wert der alten Gemäuer zu erkennen.

„Dörfer mit Fachwerkkultur haben einfach eine besondere Ausstrahlung“, sagt IGB-Präsident Maschmeyer. Viele Eigentümer müssten erst mit der Geschichte ihres Hauses, der früheren Bewohner und der architektonischen Besonderheit vertraut gemacht werden. „Das hilft oft bei der Entscheidung, das Bauwerk zu erhalten.“

Als vorbildlich gilt den Denkmalschützern und der IGB Hemeln, ein knapp 1000 Einwohner großes Dorf, das zu Hannoversch Münden gehört. Hier wirbt der Ortsheimatpfleger unter den Dorfbewohnern für die Sanierung der alten Höfe - und findet Gehör. Doch der Ort mit den gepflegten Fachwerkfassaden und üppig begrünten Vorgärten hat etwas museal Starres. Kaum eine Menschenseele ist an diesem Nachmittag in den Straßen unterwegs. Und auf den zweiten Blick erkennt der Besucher, dass auch in Hemeln einige Häuser unbewohnt sind. Denkmalpfleger Winghart preist das Dorf dennoch im Vergleich zu Bodenfelde als Beispiel „für die positive Spirale“. Aber das liegt vielleicht vor allem am direkten Vergleich. In Beethovens Pastorale jedenfalls stellt sich nach dem Gewitter erst einmal Erleichterung ein.

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Jahrgang 1966, Redakteurin für „Immobilien“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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