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Ungewöhnliche Siedlung an der Ostsee Lebensglück Kiek över

27.11.2011 ·  Auf dem Zingst an der Ostsee baut Architekt Jürgen Koerber gleich hinter dem Deich eine Siedlung aus Holzhäusern, auf Nachhaltigkeit bedacht, und verwirklicht sich damit einen Lebenstraum.

Von Frank Pergande, Zingst
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© Andreas Pein Alles folgt einem Plan: In der Siedlung „Kiek över“ wird nach den Vorgaben des Initiators gebaut

Sie waren vier Geschwister, Jürgen Koerber der jüngste, und sie verbrachten die langen Sommerferien stets auf dem Zingst, der vorpommerschen Halbinsel. Ihr Vater hatte 1926 etwas außerhalb des gleichnamigen Seebades ein Stück Land erworben, den alten Hof Straminke 1 neben dem Zingsthof. Jürgen Koerber, inzwischen ein bekannter Kölner Architekt, kehrte nach dem Ende der DDR dorthin zurück und baut seit Jahren auf dem alten Grundstück direkt hinter dem Deich eine ungewöhnliche Siedlung aus Holzhäusern. Eine Siedlung, wie Koerber sie sich immer als ideal vorgestellt hat. „Ohne Effekthascherei und Mätzchen“, wie er sagt.

Sein Vater Martin Koerber hatte einst das Rundhaus entworfen, das im thüringischen Greiz gebaut wurde. Es gilt als das erste mehrgeschossige Wohnhaus in Stahlkonstruktion. Heute steht es unter Denkmalschutz. Auch in Straminke baute Martin Koerber - eine Pension, die er verpachtete. Der Vater hatte auch den Namen „Kiek över“ für das Grundstück erfunden. Aus dem oberen Stockwerk von Straminke 1 konnten die Kinder das Meer sehen - zum Meer hinübergucken. Die herrlichen Zingster Sommer währten bis 1947. Die Familie lebte in Köln, also im Westen, als Deutschland geteilt wurde. Schwester Karin jedoch blieb. Sie eröffnete ein Kinderheim. Das ging bis Ende der fünfziger Jahre gut. Dann verloren - als Spätfolge der Aktion „Rose“, der Enteignung von Ferienbetrieben entlang der Ostseeküste der DDR - auch die Koerbers ihr Grundstück. Schwester Karin gründete ein neues Kinderheim in St. Peter-Ording - auch am Meer gelegen, wenn auch an der Nordsee, und auf demselben Breitengrad wie Zingst. In St. Peter-Ording saß Jürgen Koerber auch, als einer seiner Söhne anrief: Die Mauer war gefallen.

In die Landschaft eingepasst

Koerber war inzwischen ein bekannter Kölner Architekt mit eigenem Büro. Nun sagte er: „Wir gehen zurück nach Kiek över.“ Mit dieser Idee, erzählt der Architekt, habe sich seine Frau, die den Osten gar nicht kannte, erst anfreunden müssen. „Und meine Frau sagte vernünftigerweise: Lass uns mal einen November dort erleben. Das haben wir dann auch 1994 gemacht, in einer einfachen Pension, mit mitgebrachtem gutem Rotwein und vielen Büchern. Es ging wunderbar.“

Koerber bekam das Zingster Grundstück erstaunlich schnell zurück. Im Grundbuch stand für die drei Hektar noch der Name der Schwester. Die Entschädigung von damals zahlte Koerber zurück. Allerdings war in den Jahrzehnten der DDR auf dem Grundstück eine Baracke neben der anderen entstanden - als „Ferienobjekte“ von Betrieben. Verlage waren dabei, die Konsum-Genossenschaft aus dem Harz, auch ein Gummi-Werk. Außerdem standen hier Datschen von Funktionären. Alle aus dem „Bungalowdorf-Ost“ genossen Bestandsschutz, und mit jedem Nutzer musste Koerber sich einigen, um auch das Gebäude zu bekommen, das auf seinem Grundstück steht.

Bei allen Häusern, die der Architekt nun dort baut, werden nur natürliche Baustoffe verwendet. Es sind Niedrigenergiehäuser, welche auch die Sonnenenergie ausnutzen durch die Ausrichtung des Grundrisses nach den Himmelsrichtungen, aber auch durch vorgelagerte Wintergärten als Wärmepuffer. Die Häuser mit einer Wohnfläche von etwa 120 Quadratmetern sind in die Landschaft eingepasst. Nur wenige Bäume müssen für den jeweiligen Bauplatz gefällt werden.

Verneigung vor dem väterlichen Rundhaus

In Koerbers Kindheit war hier noch Feld. Erst in der „Bungalow-Zeit“ wurden auch Bäume gepflanzt. Als Koerber Anfang der neunziger Jahre zurückkehrte, stand hinter dem Deich ein lichter Wald. „Ich war verblüfft, wie idyllisch es hier geworden war. Die Bäume waren für mich nicht fremd, sondern wie freundliche Nachbarn.“ Koerber skizziert nicht nur an seinem kleinen Zingster Arbeitsplatz mit Gartenblick am Reißbrett und am Computer. Er reflektiert sein Bauen auch. 2007 erschien in einem kleinen Schweriner Verlag seine Dokumentation „Wohnen: strandnah auf dem Zingst“. Darin schrieb er einen so schlichten wie überzeugenden Satz: Seine Bauten in Kiek över seien „den wirklichen Bedürfnissen, nicht den bloß eingebildeten entsprechend“. Jedes Haus ist dabei individuell. Einige haben Galerien, einige offene Kamine.

Manche sind frei stehend, andere als Doppelhäuser geplant. Ein Sonderfall ist der „Landgang“ mit vier kleinen Reihenhäusern, jeweils 28 Quadratmeter groß, nur als Ferienhäuser geeignet. Keines der Häuser in Kiek över ragt höher als 9,50 Meter. Die ersten beiden Bauten sind mit Reet gedeckte Achteckhäuser, gleichsam eine Verneigung vor dem väterlichen Rundhaus aus den zwanziger Jahren. „Beim achteckigen Gebäudetyp ist das Verhältnis Seitenlänge zu Grundfläche immer noch um 22 Prozent günstiger. Es gibt Sonne von allen Seiten und nur eine geringe Angriffsfläche für Wind und Sturm.“ Koerber baute in Kiek över für sich und seine drei Söhne, von denen übrigens einer, Martin, besonders bekannt wurde: Er hat den Fritz-Lang-Film „Metropolis“ restauriert.

Zingster Bonus

1996 waren die ersten Häuser fertig. Schritt für Schritt hat Koerber eine der alten Baracken nach der anderen erworben. Koerber bietet seinen Bauherren die Grundstücke an, verpflichtet sie aber zugleich, nach seinen Ideen zu bauen: Wer sich für Kiek över interessiert, interessiert sich nicht nur für die Nähe zur See, sondern vor allem für Koerbers ökologisches Bauen. „Die Mehrzahl der Käufer will noch zehn Jahre lang arbeiten und in der Zeit vermieten, um schließlich im Ruhestand sich in Zingst zur Ruhe zu setzen - so wie ich es auch gemacht habe.“ Knapp dreißig neue Häuser stehen schon in Kiek över. Wann immer ein neues Grundstück frei wird, melden sich sieben, acht Interessenten. Einige alte Häuser sind noch da, zum Teil noch bewohnt. Manche gehen demnächst an Koerber, bei anderen muss mit dem Besitzer weiter verhandelt werden. Jürgen Becker, der Kabarettist, hat in Kiek över gebaut. Und auch der Inhaber des Fertighausbauers Brüggemann aus Nordrhein-Westfalen. Bei Reinhold Brüggemann machte Koerber eine Ausnahme.

Der Unternehmer durfte seine eigene Architektin einsetzen: „Aber ich habe da klare Grenzen gesetzt.“ In diesen Tagen wurde das Haus für die Familie Krüger fertig. Ralf-Peter Krüger ist Geschäftsführer der Kur und Tourismus GmbH Zingst. Mit ihm verbindet Koerber eine besondere Beziehung. Krüger war Oberst der NVA, der DDR-Armee. Er war 1990 der Standortälteste in Zingst und wurde Gemeindedirektor, schließlich Kurdirektor. Koerber schätzt an ihm die Energie, mit der Krüger sich den kommunalen Belangen widmet. Krüger vor allem war es, der, auf Anregung Koerbers, in Zingst das Fotofestival „Horizonte“ ins Leben rief - ein bisschen als Gegenstück zum nahen Ahrenshoop mit seinen vielen Künstlern und dem „Kunstkaten“.

Überhaupt: Koerber hatte keine Mühe, als „Wessi“ rasch Zingster zu werden. „Ich hatte den Zingster Bonus. Einige kannten mich noch von früher.“ Noch mehr in Erinnerung der Zingster war freilich seine Schwester mit dem Kinderheim. „Die Koerbers sind wieder da“, hieß es.

Auch ein begabter Zeichner

Koerber, inzwischen achtzig Jahre alt, wirkt beinahe zerbrechlich, steckt aber voller Energie wie zu seinen Kölner Zeiten. Er entwarf für das Seeheilbad Zingst ein originelles Wegweise- und Leitsystem für Fußgänger, für das sich inzwischen auch andere Orte interessieren. Nicht allen Zingstern gefielen die Markierungen zunächst. Das Plexiglas wurde immer wieder mal zerstört, bis Kurdirektor Krüger klarmachte, dass eine zerstörte Stele 5000 Mark koste und der zahlen müsse, der sie kaputtmacht.

Koerber hat der Kirchgemeinde geholfen bei der Restaurierung der Peter-Paulskirche und der Neugestaltung des Friedhofs. Er machte die Pläne, als der Glockenstuhl umgesetzt werden sollte, näher an die Kirche heran, und dabei auch gleich eine neue Glocke bekam. Er hatte der Gemeinde versprochen, wenn je das Kurhaus wieder in Funktion sein sollte, würde seine Familie einen Flügel spenden. So kam es.

Die Gemeinde revanchierte sich auf ihre Weise. Seit 1996 gibt es offiziell die Straße „Kiek över“. Längst wohnt Koerber fast das gesamte Jahr über an der Küste. Längst wissen die Zingster auch, dass bei ihnen nicht nur ein bekannter Architekt lebt, sondern auch ein begabter Zeichner. Aus den Hunderten von Zeichnungen, die naturgemäß zumeist Architektur abbilden, entstanden eine Ausstellung und der Bildband „Sehen, erkennen, wiedergeben“. Nach Ausstellungen in Köln und Düsseldorf sind die Blätter derzeit im Vineta-Museum im nahen Barth zu sehen.

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Jahrgang 1958, politischer Korrespondent für Schleswig-Holstein, Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern mit Sitz in Schwerin.

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