Home
http://www.faz.net/-gz8-6zi4p
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
easyfolio

Traum oder Albtraum? Die ganz große Offenheit

Der offene Grundriss liegt voll im Trend. Aber sind solche Räume wirklich das, was Bewohner wollen? Oder möchte man nicht doch ab und an die Tür schließen?

Für die einen ist es ein Traum: In der 135-Quadratmeter-Wohnung am Hamburger Hafen stört keine Wand. Von der Wohnungstür aus kann man entlang der Zickzackwandflucht bis ins hinterste Eck der Wohnung sehen. Wer lieber nach vorn schaut, hat sogar den wirklich unbegrenzten Ausblick: Durch die vollverglasten Fensterfronten über den durchsichtigen Balkon auf das Wasser der Elbe und die Hafenkräne. Mehr Offenheit geht nicht. Deshalb ist für viele das Luxusloft im Marco Polo Tower ein Traum, für andere genau deswegen ein Albtraum. Denn man sieht schon an der Wohnungstür, ob das Bett gemacht ist oder der Abwasch vom Vortag liegenblieb. Und man hat irgendwie das Gefühl, dass einem jeder vorbeischippernde Frachtschiffkapitän direkt auf den Teller sehen kann.

Architekten und Bauträger haben sich gründlich in die offenen Grundrisse und die grenzenlose Raumgestaltung verguckt. Sie planen Neubauwohnungen und Häuser bevorzugt mit opulenten Wohnräumen, die locker die Hälfte der Wohnfläche ausmachen oder mehr. Da verschwimmen plötzlich alle Räume ineinander: Wohnzimmer und Kaminzimmer sowieso, das Esszimmer gehört ebenso dazu und ein großzügiger Kochbereich oder eine Kochinsel werden gleich integriert.

„Es gibt einen starken Trend zum offenen Wohnen in den vergangenen 10 bis 15 Jahren, vor allem bei Familien“, sagt Gerd Kuhn, Professor am Institut Wohnen und Entwerfen in Stuttgart. Bei Fertighäusern ist das komplett offene Erdgeschoss längst Standard. Besonders wo edel und teuer gebaut wird, dominieren großzügige Wohnbereiche, in denen freistehende Kücheninseln geradezu inszeniert werden. Selbst 60-Quadratmeter Stadtwohnungen müssen neuerdings offenbar einen solchen „Repräsentationsbereich“ von 35 bis 40 Quadratmetern haben. Da bleibt für andere Räume nicht mehr viel Platz.

Auf der Suche nach dem „idealen Grundriss“

Aber treffen solche Grundrisse wirklich den Nerv der Nutzer und wollen die auf Dauer in der großen Offenheit leben? Schließlich gibt es nicht umsonst das Sprichwort: Wer für alles offen ist, kann nicht ganz dicht sein. Oder könnte es sein, dass die Transparenz nur auf den ersten Blick trendig und schick wirkt, die Bewohner aber bald wieder nach mehr Heimeligkeit suchen? Nach Wohnungen, in denen man auch mal eine Tür hinter sich schließen und sich in einem separaten Zimmer verkriechen kann. Zukunftsforscher Andreas Reiter glaubt daran: „Das Bedürfnis nach Rückzug nimmt bei den Menschen dramatisch zu“, stellt er fest.

Häuser und Wohnungen verteuern sich weiter © dpa Vergrößern Hier stört keine Wand: Marco-Polo-Tower in der Hamburger Hafencity

Zwar lieben Architekten offene Räume, denn sie vermitteln eine gewisse Großzügigkeit. Und sie fördern das Familienleben, sagen die Planer, denn in der Großraumarchitektur sind die Bewohner ständig beieinander, egal was sie tun. Ob sie nun Essen vorbereiten, es verspeisen, vorm Kamin entspannen oder auf der Couch liegen - keine Wand trennt sie mehr. Das führt letztlich zu mehr Kommunikation, behaupten die Optimisten unter ihnen. Man darf allerdings bezweifeln, ob sie sich immer zum Positiven verändert. Ab einem gewissen Punkt nämlich schlägt die Offenheit ins Gegenteil um: Wenn ständig jemand um einen herum ist und alle permanent alles beobachten können, dann widerspricht das der menschlichen Natur, warnen Wohnpsychologen wie Irwin Altmann. Wenn keiner mehr Ruhe vor lärmenden oder fernsehenden Kindern und Partnern haben kann, wird aus der großen Transparenz schnell Dauerstress. Allzu oft folgt dann der große Krach.

Die Nutzer spüren das anscheinend intuitiv, beobachtet Architekt Stephan Isphording. Er hat sich vor Jahren auf die Suche nach dem „idealen Grundriss“ gemacht und wenn Kunden zu ihm kommen, um sich ihre eigenen vier Wände entwerfen zu lassen, fordert er sie zuerst auf, ihre Traumhäuser oder Wohnungen selbst aufzumalen. Das Ergebnis sieht so aus: „Zeichnerisch kommen alle Räume in kleinen Kisten daher. Die Leute reihen mehrere Kästchen mittlerer Größe aneinander.“ Aufgabe eines Architekten ist es, die Kästchen sinnvoll miteinander zu verbinden und die Zimmer so anzuordnen, dass später wenig unnutzbare Räume und kurze Wege zwischen Küche, Couch, Esszimmer und Vorratsraum entstehen. Die Planer bündeln.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Freud und Leid am Gartenzaun Wie sag ich’s meinem Nachbarn?

Tür an Tür, Wand an Wand oder gegenüber: Vor Nachbarn gibt es kein Entrinnen. Das kann schön sein oder unerträglich. Über das gar nicht leichte Gesellschaftsspiel von Nähe und Distanz. Mehr

21.07.2014, 08:40 Uhr | Wirtschaft
Hattersheim Loft-Wohnungen in alter Papierfabrik

300 Loft-Wohnungen sollen auf dem Gelände der alten Papierfabrik Phrix in Hattersheim entstehen. Doch abgerissen wird das Gebäude den Planern zufolge nicht, vielmehr soll die vorhandene Bausubstanz veredelt werden. Mehr

29.07.2014, 11:58 Uhr | Rhein-Main
Wiederaufbau der Frankfurter Altstadt Die Auferstehung der „Goldenen Waage“

Die „Goldene Waage“, das prachtvollste Haus der Frankfurter Altstadt, ist einst von Bomben zerstört worden. Ihre Reste haben in einem Garten in Dreieich überdauert. Jetzt behandeln Steinmetze die alten Steine und fügen sie wieder zusammen. Mehr

20.07.2014, 18:00 Uhr | Rhein-Main

Fluch der bösen Tat

Von Carl Moses

Wieder droht Argentinien eine Schuldenkrise. Das ist nicht zuletzt dem rabiaten Umgang mit den Gläubigern nach der letzten Krise zuzuschreiben. Mehr 7


Die Börse
Name Kurs Änderung
  Dax --  --
  F.A.Z.-Index --  --
  Dow Jones --  --
  Euro in Dollar --  --
  Gold --  --
  Rohöl Brent --  --

Wirtschaft in Zahlen Plötzlich lahmt das iPhone

Wenn ein neues iPhone auf den Markt kommt, finden die Leute ihr altes langsam. Ist das Absicht von Apple? Oder nur eine psychologische Täuschung? Mehr 5