Für die einen ist es ein Traum: In der 135-Quadratmeter-Wohnung am Hamburger Hafen stört keine Wand. Von der Wohnungstür aus kann man entlang der Zickzackwandflucht bis ins hinterste Eck der Wohnung sehen. Wer lieber nach vorn schaut, hat sogar den wirklich unbegrenzten Ausblick: Durch die vollverglasten Fensterfronten über den durchsichtigen Balkon auf das Wasser der Elbe und die Hafenkräne. Mehr Offenheit geht nicht. Deshalb ist für viele das Luxusloft im Marco Polo Tower ein Traum, für andere genau deswegen ein Albtraum. Denn man sieht schon an der Wohnungstür, ob das Bett gemacht ist oder der Abwasch vom Vortag liegenblieb. Und man hat irgendwie das Gefühl, dass einem jeder vorbeischippernde Frachtschiffkapitän direkt auf den Teller sehen kann.
Architekten und Bauträger haben sich gründlich in die offenen Grundrisse und die grenzenlose Raumgestaltung verguckt. Sie planen Neubauwohnungen und Häuser bevorzugt mit opulenten Wohnräumen, die locker die Hälfte der Wohnfläche ausmachen oder mehr. Da verschwimmen plötzlich alle Räume ineinander: Wohnzimmer und Kaminzimmer sowieso, das Esszimmer gehört ebenso dazu und ein großzügiger Kochbereich oder eine Kochinsel werden gleich integriert.
„Es gibt einen starken Trend zum offenen Wohnen in den vergangenen 10 bis 15 Jahren, vor allem bei Familien“, sagt Gerd Kuhn, Professor am Institut Wohnen und Entwerfen in Stuttgart. Bei Fertighäusern ist das komplett offene Erdgeschoss längst Standard. Besonders wo edel und teuer gebaut wird, dominieren großzügige Wohnbereiche, in denen freistehende Kücheninseln geradezu inszeniert werden. Selbst 60-Quadratmeter Stadtwohnungen müssen neuerdings offenbar einen solchen „Repräsentationsbereich“ von 35 bis 40 Quadratmetern haben. Da bleibt für andere Räume nicht mehr viel Platz.
Auf der Suche nach dem „idealen Grundriss“
Aber treffen solche Grundrisse wirklich den Nerv der Nutzer und wollen die auf Dauer in der großen Offenheit leben? Schließlich gibt es nicht umsonst das Sprichwort: Wer für alles offen ist, kann nicht ganz dicht sein. Oder könnte es sein, dass die Transparenz nur auf den ersten Blick trendig und schick wirkt, die Bewohner aber bald wieder nach mehr Heimeligkeit suchen? Nach Wohnungen, in denen man auch mal eine Tür hinter sich schließen und sich in einem separaten Zimmer verkriechen kann. Zukunftsforscher Andreas Reiter glaubt daran: „Das Bedürfnis nach Rückzug nimmt bei den Menschen dramatisch zu“, stellt er fest.
Zwar lieben Architekten offene Räume, denn sie vermitteln eine gewisse Großzügigkeit. Und sie fördern das Familienleben, sagen die Planer, denn in der Großraumarchitektur sind die Bewohner ständig beieinander, egal was sie tun. Ob sie nun Essen vorbereiten, es verspeisen, vorm Kamin entspannen oder auf der Couch liegen - keine Wand trennt sie mehr. Das führt letztlich zu mehr Kommunikation, behaupten die Optimisten unter ihnen. Man darf allerdings bezweifeln, ob sie sich immer zum Positiven verändert. Ab einem gewissen Punkt nämlich schlägt die Offenheit ins Gegenteil um: Wenn ständig jemand um einen herum ist und alle permanent alles beobachten können, dann widerspricht das der menschlichen Natur, warnen Wohnpsychologen wie Irwin Altmann. Wenn keiner mehr Ruhe vor lärmenden oder fernsehenden Kindern und Partnern haben kann, wird aus der großen Transparenz schnell Dauerstress. Allzu oft folgt dann der große Krach.
Die Nutzer spüren das anscheinend intuitiv, beobachtet Architekt Stephan Isphording. Er hat sich vor Jahren auf die Suche nach dem „idealen Grundriss“ gemacht und wenn Kunden zu ihm kommen, um sich ihre eigenen vier Wände entwerfen zu lassen, fordert er sie zuerst auf, ihre Traumhäuser oder Wohnungen selbst aufzumalen. Das Ergebnis sieht so aus: „Zeichnerisch kommen alle Räume in kleinen Kisten daher. Die Leute reihen mehrere Kästchen mittlerer Größe aneinander.“ Aufgabe eines Architekten ist es, die Kästchen sinnvoll miteinander zu verbinden und die Zimmer so anzuordnen, dass später wenig unnutzbare Räume und kurze Wege zwischen Küche, Couch, Esszimmer und Vorratsraum entstehen. Die Planer bündeln.
Ikonen der Architektur
Aber oft übertreiben sie es dabei auch, findet Architekturpsychologe Riklef Rambow, Professur für Architekturkommunikation am Karlsruher Institut für Technologie: „Architekten haben eine große Präferenz für Transparenz und Offenheit und tendieren immer dazu, sich für offene Wohnkonzepte zu entscheiden.“ So lernen sie es ja auch von den Heroen der klassischen Moderne wie Mies van der Rohe, Gropius oder le Corbusier, „die erfanden den Raum neu, als fließenden Raum, als Schnittpunkt von Energieströmen“, sagt Rambow.
Manche Architekturgroßmeister haben die Öffnung bis ins Extreme getrieben wie Philipp Johnson mit dem Glass House, Mies von der Rohe beim Farnsworth House, oder jüngst der Stuttgarter Architekt Werner Sobek mit seinem Haus R128. Das ist nicht nur komplett verglast, es gibt darin auch keinerlei Trennwände mehr. Solche Häuser sind Ikonen der Architektur geworden. Allerdings, so erzählt Rambow, „gibt es auch zu jedem dieser Häuser Anekdoten, die ihre Unbewohnbarkeit belegen.“
Einerlei. Angespornt von solchen Vorzeigeprojekten haben sich viele Architekten an raumgreifenderen Konzepten versucht: Die Grenzen zwischen Kochen und Wohnen sind mittlerweile in den meisten Neubauten verschwunden, beobachtet Soziologe Kuhn. Kücheninseln stehen selbstverständlich mitten in kombinierten Wohn-Esszimmern. Neuerdings werde auch zwischen Schlafen und Baden immer weniger getrennt. Bäder werden zu Wohlfühloasen, in denen man auch Musik hören oder sich auf den Heimtrainer schwingen kann, und sie wachsen ohne Trennwände in die Schlafzimmer hinein, die wiederum gehen fließend in Ankleidezimmer über.
Bisher haben die Planer und Bewohner zumindest in den Obergeschossen konsequent die Nass- und Trockenzellen voneinander separiert. Heute wächst zunehmend zusammen, was für den Hausherren eben zusammengehört. „Die Grundrisse sind individualisierter geworden“, stellt Kuhn fest, und die Architekten haben ihre helle Freude daran: „Für den entwerfenden Architekten ist räumliche Großzügigkeit immer reizvoller als eine Unterteilung in viele kleinere Räume.“
„Nutzungsneutrale Räume“
Für den Alltag muss das aber noch lange nicht tauglich sein, warnt Architektin Sigrid Loch, die ebenfalls für das Stuttgarter Institut Wohnen und Entwerfen forscht und fragt, wie zukunftsfähige Grundrisse aussehen könnten. Ihre Beobachtung: „Die meisten Hausplaner oder Käufer suchen zwar eine Immobilie für den Rest ihres Lebens, orientieren sich aber nur an ihrem augenblicklichen Wohnbedürfnissen.“ Für eine Familie mit kleinen Kindern mögen große offene Räume praktisch sein, weil die Eltern während des Kochens die spielenden Kinder unter Kontrolle haben.
Wird der Nachwuchs älter und beschallt er mit Computerspielen oder Fernsehkonsum permanent die gesamte Familie, wird’s mühsam. Auch an anderer Stelle rächen sich alsbald mangelnde Rückzugsmöglichkeiten, sagt Loch: Viele verzichten zugunsten eines großen Wohnbereichs auf ein abgetrenntes Arbeitszimmer. Doch je mehr wir mit Laptops und Smartphones von zu Hause ackern, desto wichtiger wird ein Arbeitsraum mit Tür, in dem der Arbeitende Ruhe hat und auch andere nicht mit seinem Tastengeklapper nervt.
Es gibt daher zwei Modelle, die besser funktionieren als offene Grundrisse, findet Loch: Erstens Konzepte, bei denen die Planer zwar offene Räume schaffen, aber bereits den späteren Einbau von Trennwänden einplanen. So kann das Haus später den neuen Bedürfnissen angepasst werden. In der Schweiz ist diese Idee schon stark verbreitet, hierzulande gibt es das noch kaum. Denn es ist zunächst teurer, eine Immobilie so zu planen, die Kosten sparen sich viele Bauträger. Es gibt auch so eine hohe Nachfrage nach Wohnungen, deshalb haben die Bauträger gar keinen Innovationsdruck.
Die zweite Möglichkeit ist die Rückkehr zum Grundriss mit mehr „nutzungsneutralen Räumen“, also größeren Zimmern ab 15 Quadratmetern. Mit denen kann man fast alles machen, sie sind groß genug für ein Schlafzimmer, in das mehr als ein Bett und ein Schrank passen, können Gästezimmer, Kinderzimmer, oder Arbeitszimmer sein, ohne dass den Bewohnern die Decke auf den Kopf fällt. Und wenn man einige Räume mit Verbindungstüren anlegt, kann man trotzdem grenzenlose Wohnräume genießen. Neu ist diese Idee übrigens beileibe nicht: Nach diesem Bauprinzip sind Gründerzeithäuser und -wohnungen angelegt. Und die sind derzeit in Großstädten nicht umsonst so begehrt wie nie. Nur für den Fall, dass jemand fragen sollte, was Nutzer wirklich wollen.