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Atelierbesuch : Pomp an der Wand

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Handbemalt und exklusiv: Dank verspielter Muster wird das Smart Home zum intimen Boudoir. Bild: Antoinette Poisson

Anstatt Schlammgrau nun Tapeten wie im Schloss des Sonnenkönigs: Drei junge Pariser Kunsthandwerker bedrucken Kattunpapiere per Hand. Ein Atelierbesuch.

          Wände können Wahnsinn sein. Eine unendliche Spielwiese für die Phantasie, die man mit Pop-Farben, Graffiti, grobporigem Lehmputz oder Seidenstoff schmücken kann. Doch wenn man in den vergangenen Jahren an Wände blickte, sanken die Augen meist in eine elegische Farbsymphonie von Schlamm, Ärmelkanalgrau oder Anthrazitbeton. Beruhigend, meditativ, elegant, aber auf die Dauer auch ein bisschen langweilig. Nun wachsen immer mehr Dschungelblätter und Bananenstauden auf Tapeten, kommen sogar Samt- und Goldwände in Klos und Kabinette – eine exzentrische Gegenbewegung macht sich breit. So ist es nicht erstaunlich, dass in Frankreich, wo immer noch äußerst selbstbewusst traditionelles „Art de Vivre“ in der Inneneinrichtung zelebriert wird, verspielte Tapeten neu entdeckt werden. Papiere, die wie in vorrevolutionären Zeiten per Hand bedruckt werden, sorgen für das raffinierte Crossover zwischen dem 18. und 21. Jahrhundert.

          An der Spitze dieser Bewegung steht in Paris „Antoinette Poisson“, eine vor fünf Jahren gegründete kleine Tapetenmanufaktur im Herzen des früher legendären Möbelviertels St. Antoine. Der Name des Unternehmens ist eine Hommage an die Geliebte von König Ludwig XV., die Marquise de Pompadour, die mit Mädchennamen ganz schnöde „Frau Fisch“ hieß und sich in ihrer höfischen Luxuswelt gerne mit buntbedruckten Tapeten umgab.

          Ausgedacht haben sich den Firmennamen die drei Besitzer: die Restauratoren und Fachleute für bemalte Papiere Julie Stordiau, Vincent Farelly und Jean-Baptiste Martin. Will man ihnen bei der Arbeit zuschauen, biegt man an der Bastille-Oper links in das heruntergekommene Ausgehviertel in der Rue de la Roquette ein, läuft durch die Rue Saint-Sabin, bis man in einen versteckten Hinterhof kommt. Vogelgezwitscher, ein paar müde Hortensien vor einem Cafétisch mit Stühlen vor den Glastüren des Ateliers, man könnte genauso gut in einem Dorf sein. Da öffnet sich auch schon die Tür, und Jean-Baptiste Martin – ganz Pariser mit eng anliegendem Ringelshirt, steil nach oben frisierter blonder Haartolle und Jeans – bittet in die Werkstatt. Schon nach den ersten Sätzen ist klar: Dieser Mann brennt für sein ausgefallenes Metier, das wie im 18. Jahrhundert „Dominotier“ heißt. „Früher hat man biblische Geschichten und Heilige per Hand auf Papier gedruckt, die sogenannten Dominos, und dann an die Wand gepinnt. Sie galten als Gemälde der Armen“, erklärt der 35 Jahre alte Martin. Der Ausdruck „Domino“ leitet sich vom lateinischen Wort Dominus ab, dem Herrn; „Dominotier“ war bis ins 19. Jahrhundert ein anerkannter Beruf, dessen Vertreter ihre Arbeit im Laufe der Zeit auf nichtreligiöse Motive und Wandtapeten ausweiteten. Auch in Deutschland und Italien kannte man vor der Industrialisierung bemalte Kattunpapiere und wertvolle Goldpapiere als Schmuck für Bücher und Wände.

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