16.10.2008 · Die Landeshauptstadt von Brandenburg ist längst ein Vorort von Berlin geworden - und bei Jung und Alt beliebt. Neben Einfamilienhäusern und Altbauten sind sogar Wohnungen im Plattenbau gefragt. Leerstand und Abriss gibt es kaum. Im Gegenteil: Das architektonische Erbe wird liebevoll gepflegt.
Von Jörg NiendorfDie Kisten sind noch nicht ausgepackt, dafür sind sie schon Fördermitglieder: Erst vor einem Monat sind Johanna und Stephan Bernhard Koch mit ihren vier Kindern in die „Berliner Vorstadt“ von Potsdam gezogen. Dort haben sie ein altes Haus gekauft. Innen riecht es noch nach Ölfarbe, mit der die Holztüren und Fenster gestrichen wurden.
Noch bevor die Umzugskartons weggeräumt seien, trete er gleich mehreren örtlichen Initiativen bei, sagt Rechtsanwalt Koch und schmunzelt. „Viele Familien gibt es hier, das verbindet.“ Alle haben sie bürgerliche Ideale. Für die Kindererziehung und für das Kulturerbe der Stadt gründen sie Förderkreise. Eine dieser Initiativen ist der Verein für die katholische Marienschule im Stadtteil Babelsberg. Sie wurde gerade eröffnet. Der älteste Sohn der Kochs besucht dort die erste Klasse.
„Das Beste aus zwei Welten“
Bis vor kurzem hat die Familie in einer großen Altbauwohnung Berlin-Charlottenburg gelebt. Jetzt wohnt sie in der brandenburgischen Landeshauptstadt. Der Weg zur Arbeit ins Berliner Zentrum ist für den Juristen erheblich länger geworden, weiter noch als aus den meisten Berliner Randbezirken oder Vororten, in denen sie sich auch ein Haus mit Garten hätten suchen können. Aber dafür leben die Kochs jetzt in einem Villenviertel, das Teil einer eigenständigen Großstadt ist. „Potsdam bietet das Beste aus zwei Welten“, sagt Zuzügler Koch. „Eine Stadt mit viel Grün und familiärem Charme und gleichzeitig eine große Aufbruchstimmung.“
Die meisten Nachbarn sind seit den neunziger Jahren zugezogen. Seither ist die Berliner Vorstadt die begehrteste Wohnadresse der Stadt - und ein Inbegriff für Potsdams Renaissance. In kleinen Wohnstraßen stehen alte Villen oder Mehrparteienhäuser, die einst für preußische Offiziere und Beamte bestimmt waren. Nebenan liegen der Neue Garten, Schloss Cecilienhof und gleich mehrere Seen.
Zahlungskräftige Käufer
Allein in unmittelbarer Nähe der Kochs werden derzeit wieder zahlreiche Häuser verkauft, manche davon sind sanierungsbedürftig. Oft bieten sie ältere Besitzer an. Zahlungskräftige Käufer finden sich immer. So kam auch die Familie Koch an ihr Haus, das aus dem Jahr 1922 stammt. „Wir hatten das Glück, dass es sehr gepflegt war“, sagt der Hausherr. Alle historischen Bauteile sind im Innern gut erhalten. Jetzt richtet sich die Familie auf 250 Quadratmetern Wohnfläche ein. Eine Veranda wird an der Gartenseite angebaut, sonst sind nur Renovierungsarbeiten notwendig.
Später soll die Fassade erneuert werden, dabei wird der Denkmalschutz ein gewichtiges Wort mitreden. Viele halten dessen Auftreten in Potsdam zwar für besonders rigide, aber die Erfolge sind nicht zu leugnen: Gerade die einheitlich sanierten Viertel sind für viele Zuzügler die attraktivsten. Wer es sich leisten kann, zieht in die Nähe der Schlösser und Gärten, in die barocken Straßenzüge der Innenstadt oder ins gründerzeitlich bebaute Babelsberg. Und Ost-West-Unterschiede seien dabei gar nicht mehr zu spüren, urteilt Koch. „Das lässt sich sehr gut an der katholischen Schule beobachten.“ Alles mischt sich dort, alte und neue Potsdamer ziehen an einem Strang, haben ihren Wunsch verwirklicht - auch, wenn der Unterricht erst einmal in einem Plattenbau gehalten wird.
Betreutes Wohnen im Zentrum
Vierzig Prozent der 151.000 Potsdamer leben in Plattenbauten. Seit wenigen Monaten zählt auch Brigitte Hikisch dazu. Die 74 Jahre alte Professorin zog aus Halle an der Saale hierher. Nun wohnt die alleinstehende Frau nur wenige Meter vom Ufer der Havel entfernt. Aus ihrem Wohnhaus gelangt sie schnell hinüber zur Freundschaftsinsel, die mitten in Potsdams Mitte liegt, oder in ein paar Minuten zum Alten Markt. Für ihr 25-Quadratmeter-Apartment zahlt sie 530 Euro Monatsmiete im „Betreuten Wohnen“. Ein Concierge- und Hausmeister-Service für die alten Bewohner gehört auch dazu. „Ich habe meine eigene Wohnung“, sagt Hikisch, „aber zum Mittagessen gehe ich hinunter in den Saal, und wenn ich später Pflege brauche, kann ich sie im Haus bekommen.“
Noch vor wenigen Jahren war der 13-geschossige Wohnturm völlig heruntergekommen. Viele in der Stadt wollten, dass er aus dieser exponierten Lage verschwindet. Schließlich sanierten ein Investor und ein Klinikbetreiber das Haus und richteten 131 altengerechte Apartments her, die einzeln vermietet werden. Jetzt heißt der Bau „Josephinenanlage“. Bewohnerin Hikisch bewohnt ein großes Zimmer mit einer Kochnische plus Bad im dritten Stock.
Das Schloss wird wieder aufgebaut
Das Haus hat Modellcharakter: Ein Plattenbau ist günstig für solche Zwecke umzufunktionieren, und in ostdeutschen Städten liegen vergleichbare Gebäude oft in zentralen Stadtlagen. Für Senioren sei das wie geschaffen, befanden die Professorin und ihre Potsdamer Verwandten, in deren Nähe sie es zog. Die Familie organisierte für sie den Umzug. Ein Glück war, dass die Anlage ganz neu war und noch Platz hatte. „Hier bekommt man viel vom städtischen Leben mit“, lobt die Professorin, „und sitzt nicht in einer Residenz am Stadtrand.“
Bei ihren Spaziergängen studiert die frühere Bodenkundlerin der Hallenser Universität etwa die riesige Baugrube, die sich am Alten Markt auftut. Eine Replik des früheren Stadtschlosses wird dort ab 2009 errichtet. Die alte Platzstruktur entsteht wieder, Straßenzüge werden verschwenkt. Gerade wird eine zusätzliche Brücke über die Havel gebaut, solch ein technisches Vorhaben fasziniert Brigitte Hikisch sogar mehr als die historischen Potsdamer Stätten.
Lange Wartelisten für Wohnungen
So weitläufig wie die Kulturlandschaften in Potsdam sind auch seine Großsiedlungen. Acht Neubaugebiete gibt es in der Stadt. Eines davon ist das Zentrum Ost, dort wohnt Mathias Manske seit acht Wochen. Der 24 Jahre alte Mann stammt aus Eisenhüttenstadt im östlichen Brandenburg, einer Gegend, aus der die meisten in seinem Alter weggehen.
Ein typischer Fall. In Potsdam hat er einen Job gefunden, außerdem eine Einzimmerwohnung. Wenn er sich mit dem Fahrrad auf den Weg von dort zu seiner Arbeit macht, dann durchmisst er gleichsam mehrere Welten. Auch das ist sehr typisch: Immer wechseln sich Platten- und einstige preußische Prunkbauten ab. Das ist auf der gesamten Strecke so, bis Manske am Schloss Sanssouci ankommt. Dort ist er Parkwärter.
In der Genossenschaft Karl Marx
„Ich wollte unbedingt in eine Großstadt“, sagt er. Sein neues Leben gefällt ihm. Viele jüngere Leute wohnen in seiner Nachbarschaft im Zentrum Ost, dieses Plattenbaugebiet mit insgesamt 4000 Wohnungen ist komplett saniert und beliebt. Das Wohnumfeld wurde erst vor wenigen Jahren neu gestaltet. Eigentlich sind die Wartelisten für eine Wohnung im Viertel lang. Manske reichte jedoch der kleinste Wohnungstyp aus, daher hatte er Erfolg bei seiner Suche. Jetzt ist er Mitglied der Genossenschaft Karl Marx und hält dort zwei Anteile.
Auch an seinem Haus klebt nahe dem Eingang eine Plakette, die man sehr oft an Potsdamer Bauten aus der DDR-Zeit entdeckt: „Stadtspuren“ steht auf dem Schild. So heißt ein einzigartiges Projekt. Sechs Wohnungsunternehmen, die im Prinzip Konkurrenten auf dem Markt sind, agieren bereits seit elf Jahren in Potsdam Hand in Hand. Der Arbeitskreis Stadtspuren koordinierte die Sanierung der Großsiedlungen, mehr als 23.000 Wohnungen wurden schneller als üblich modernisiert. Nun konzentriert er sich auf abgelegenere Stadtteile, wo es auch soziale Brennpunkte gibt.
Ein Thema steht dagegen seit Jahren nicht mehr auf der Tagesordnung: der Abriss von Plattenbauten. Sie werden alle dringend gebraucht. Das ist auch Mathias Manske gleich aufgefallen. Die leergezogenen Gebäuderiegel, die nur noch auf den Bagger warten, fehlen hier einfach. Sonst ist dieses Bild für ihn als jungen Ostdeutschen doch völlig normal.
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