21.08.2009 · Eine neue Modewelle hat den deutschen Wohnungsbau erreicht: In Solarsiedlungen soll der Bedarf an Wärme und Strom komplett durch Solarenergie gedeckt werden. Beispiel eines Projekts in der Eifel.
Von Marcus Stölb, Roth An Der OurAuf einem Plateau über den Dächern von Roth an der Our liegt der „Brodschrank“. Hitze erfüllt an diesem Nachmittag das gut fünf Hektar große Baugebiet im Süden der Eifel, an der Grenze zu Luxemburg. Unermüdlich brennt die Sonne auf die Anhöhe, treibt den Besuchern den Schweiß auf die Stirn. Ohne den strahlenden Himmelskörper könnte auch nicht entstehen, was sich in Umrissen abzeichnet: ein energetisch autarkes und obendrein CO2-neutrales Wohngebiet.
Solarsiedlungen sind längst keine Seltenheit mehr. 1997 legten drei Düsseldorfer Landesministerien das Programm „Mit der Sonne bauen - 50 Solarsiedlungen in Nordrhein-Westfalen“ auf. Von Aachen-Laurensberg bis Bielefeld-Kupferheide entstanden seither Wohngebiete, in denen ein Großteil des benötigten Warmwassers und Strombedarfs durch solarthermische Kollektoren und Photovoltaik erzeugt wird.
Projekte im In- und Ausland
Vergleichbare Projekte gibt es inzwischen vielerorts im In- und Ausland. In Freiburg im Breisgau gründeten derweil namhafte Vertreter der Branche, darunter der Solar-Architekt Rolf Disch, eine „100 Prozent GmbH“. Das Ziel: die Energieversorgung der Region in den kommenden beiden Jahrzehnten zu 100 Prozent auf regenerative Quellen wie Sonne, Wind und Biomasse umzustellen.
Auch Ewald Schares verfolgt mit seinem Projekt „Brodschrank“ ein 100-Prozent-Ziel: Der geschäftsführende Gesellschafter des luxemburgischen Unternehmens „Innovat“ hat sich in den Kopf gesetzt, mit Hilfe eines Solarheizkraftwerks (SHKW) eine komplette, insgesamt 47 Wohnhäuser umfassende Siedlung mit Heizenergie und Warmwasser zu versorgen und darüber hinaus auch einen Teil des Strombedarfs mit der Anlage abzudecken.
Zusätzliche Solarmodule auf den Wohngebäuden, die allesamt energetischen Mindeststandards genügen müssen und einen Heizwärmebedarf von durchschnittlich 60 Kilowattstunden pro Quadratmeter und Jahr nicht überschreiten dürfen, werden dafür sorgen, dass der Gesamtverbrauch mit Sonnenstrom bestritten wird.
Gewaltige Holzkonstruktion
Das SHKW, laut Schares das erste seiner Art in Deutschland, bildet den Kern des Konzepts. Mehr als zehn Meter ragt die gewaltige Holzkonstruktion in die Höhe, das nach Süden ausgerichtete Dach hat eine Neigung von 35 Grad. Mehr als 1900 Vakuum-Röhrenkollektoren finden darauf Platz, hinzu kommen noch einmal rund 320 Quadratmeter, die mit Photovoltaik-Modulen bedeckt wurden. In den Röhrenkollektoren wird die Sonnenwärme konzentriert und an die gewaltigen, im Inneren des SHKW aufgestellten Wassertanks abgegeben.
In drei Pufferspeichern mit je unterschiedlichem Temperaturniveau werden insgesamt 120.000 Liter Warmwasser gespeichert. Mit Solarstrom betriebene Wärmepumpen können dieses Wasser bei Bedarf auf die benötigte Temperatur bringen. Ein Rücklaufspeicher sorgt zudem dafür, dass überschüssige Solarwärme gespeichert und bei Bedarf eingespeist wird. „Auf diese Weise können wir den Wirkungsgrad der Anlage weiter erhöhen“, sagt Schares.
Getrennte Leitungen
Über ein Nahwärmenetz werden sämtliche Häuser mit Heizenergie und Warmwasser versorgt. Das Besondere an dem System: Kraftwerk und Wohnhäuser sind durch jeweils drei getrennte Leitungen miteinander verbunden - je eine für Brauchwasser, Heizung und Rücklauf. In den Wohnhäusern sorgt ein kleiner Pufferspeicher dafür, dass immer ausreichend Heizenergie vor Ort zur Verfügung steht, wobei die Versorgung zentral gesteuert wird.
Schares' Projekt unterscheidet sich von bereits bestehenden Solarsiedlungen vor allem dadurch, dass Heizenergie und Warmwasser zentral erzeugt und dann verteilt werden sollen. Das sei „in der Summe günstiger, als auf jedem Dach eine dezentrale Anlage zu installieren“, erläutert er und nennt das Stichwort „Gleichzeitigkeitsfaktoren“: Würde jeder Eigenheimbesitzer eine eigene Anlage errichten, müsste deren Leistung jeweils für den maximalen Bedarf ausgelegt werden.
Weniger Dachfläche
„Natürlich könnte man den Wärmebedarf auch dezentral mit thermischen Solaranlagen und zusätzlichen Wärmepumpen oder Gas- oder Ölkessel decken“, bestätigt der Projektentwickler, „doch dann würden insgesamt etwa 4000 Vakuumröhrenkollektoren und doppelt so viel Dachfläche benötigt.“
Das SHKW wird indes nicht ausreichen, um neben dem Wärme- auch den gesamten Strombedarf der Siedlung zu decken. Schließlich werden mehr als zwei Drittel des Stroms, der mit den Photovoltaik-Modulen auf dem Kraftwerksdach produziert wird, in den Betrieb der Wärmepumpen fließen. Schares rechnet damit, dass für seine Siedlung jährlich noch zusätzliche rund 155.000 Kilowattstunden Strom benötigt werden. Doch auch diese Menge lasse sich der Sonne abzapfen: dank zusätzlicher PV-Anlagen auf den Häusern.
Mehr Strom als benötigt
So eine bekommen auch Wolfgang und Monika Neumann noch aufs Dach, und weil ihre PV-Anlage mehr Strom produzieren wird, als sie selbst benötigen, wird aus ihrem Eigenheim ein Energieplushaus. Vor allem stellen sie sich auf niedrige und stabile Energiepreise ein: Nur rund 11 Euro monatlich müssen die Neumanns und ihre künftigen Nachbarn fürs Heizen berappen, dieser Betrag soll in den kommenden zehn Jahren nicht mehr steigen, verspricht der Projektentwickler. Im Gegenzug lassen sich die Bauherren den Anschluss an das 1,45 Millionen Euro teure Solarheizkraftwerk einiges kosten: insgesamt 20.000 Euro pro Haus.
Die Entscheidung der Neumanns, in den „Brodschrank“ zu ziehen, führt dazu, dass sie künftig zu ihren Arbeitsstellen nach Luxemburg pendeln müssen. Dabei hätte das Projekt eigentlich auch jenseits der Grenze realisiert werden können. Doch im Großherzogtum ist bezahlbares Bauland rar. Roth und das luxemburgische Bettel trennen zwar nur ein Rinnsal namens Our und ein paar Meter Luftlinie, doch zwischen den Dörfern tut sich ein extremes Preisgefälle auf: Kostet der fertig erschlossene Quadratmeter Bauland auf deutscher Seite 150 Euro, müssen jenseits der Grenze rund 350 Euro gezahlt werden.
Im Niemandsland
Und das, obwohl Bettel wie Roth quasi im Niemandsland liegen, fernab vom Schuss und ohne Nahversorgung. Ein CO2-neutrales Wohngebiet an einem Ort zu errichten, der eigentlich nur mit dem Auto erreichbar ist, in einer ÖPNV-freien Zone also - wie passt das zusammen?
Schares weiß um die Angriffsfläche seines Projekts, und er macht sich auch keine Illusionen, dass die Mehrzahl der Eigenheimbesitzer, von denen die meisten aus Luxemburg stammen werden, über zwei Fahrzeuge verfügt. Doch er will gegensteuern: mit einem Car-Sharing-Angebot, das auf Elektroautos setzt, deren Energiebedarf - wie sollte es anders sein - mit Solarstrom gedeckt werden soll.
Höhe der Subvention?
Michael Meier (never1)
- 21.08.2009, 10:29 Uhr
Solarenergie nutzen
Christa Pardeller (drchristapardeller)
- 21.08.2009, 11:56 Uhr
Wirklich Stromautark?
Moritz Liedtke (Folko)
- 21.08.2009, 15:31 Uhr
Jede Reise beginnt mit der ersten Schritten
Gerhard Schraube (GehherGerd)
- 21.08.2009, 20:41 Uhr