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Schiffscontainer Der neue Wohn-Trend

23.06.2009 ·  Bauprojekte aus Schiffscontainern kommen in Mode. Die Stahlmodule eignen sich für temporäre Gebäude. Oft sind die Vorhaben mit großem Aufwand verbunden - und billig sind sie auch nicht immer.

Von Anja Martin
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Das vielleicht bekannteste Symbol der Weltwirtschaft ist 2,44 Meter breit, 2,59 Meter hoch und 6,06 Meter lang. Es ist eine simple Kiste aus Stahl, farbig lackiert und mit dem Namen der Reederei versehen. Der Seecontainer transportiert beinahe alles: Weinflaschen und Schnittblumen, Strandspielzeug und Ersatzteile, Staubsauger und Turnschuhe.

Der Container als universelles Transportmittel fasziniert auch viele Architekten. Das Icon der Logistik ist für sie ein Baustein, ein vorgefertigtes Modul. Genormt, robust, stapelbar und international verfügbar, erscheint er wie gemacht für moderne Baukunst. Zudem ist die Stahlbox günstig, kann schnell auf- und abgebaut werden. Dass Millionen ausgemusterter Container auf Wiederverwertung warten, verleiht dem Industriestil gar einen grünen Touch.

Container als Penthouse

Aus den Frachtkisten entstehen inzwischen ganze Studentenstädte, preisgekrönte Wohnhäuser oder Kreuzfahrtterminals. Sie sitzen als schicke Penthouses auf New Yorker Dächern, stapeln sich zu Vier-Sterne-Hotels oder Apartmentblocks. Designer funktionieren sie zu mobilen Ferienhäusern oder auch mal zu Saunen um. Shigeru Bans „Nomadic Museum“ basiert auf ihnen, an der A 38 wurde ein Wettbewerb für eine Autobahnkirche aus Containern ausgeschrieben, und in Zürich reckt sich der Flagshipstore des Taschenlabels Freitag neun Container hoch in den Himmel.

Bekannt sind die Stahlkisten auch als triste Übergangslösung, wenn es um Großbaustellen, kurzzeitige Einsatzzentralen für Polizei und Feuerwehr oder um Unterkünfte für die Spargelernte geht. Dann allerdings handelt es sich meist um die leichteren, von Haus aus isolierten und zum Wohnen ausgestatteten Bürocontainer, die sich nicht an die ISO-Maße der Schiffscontainer halten müssen, denen aber auch der Charme der weitgereisten Schwergewichte fehlt.

Erlebniswelt im Stahlkarton

Nahezu jeder Puma-Sneaker ist einmal in seinem Leben im Container unterwegs gewesen. Da erscheint es nur folgerichtig, dass der mobile Verkaufsraum „Puma City“, der zurzeit um die Welt tourt, aus 24 Frachtcontainern besteht. Der Bau mit einer Nutzfläche von 11.000 Quadratmetern wird für jede Fahrt zerlegt und per Containerschiff transportiert. Geplant wurde die dreistöckige und gewagt gegeneinander verschobene Filiale von Lot-ek in New York.

„Es war eine Art Doppelprojekt“, sagt die italienische Architektin Ada Tolla. „Wir mussten ein richtiges Gebäude konstruieren, mit Wasser, Klimaanlage und Strom, wie man es erwartet. Gleichzeitig mussten die Container ganz autark sein.“ Für größere Räume nahm man Teile der Wände heraus, die zum Transport wieder eingesetzt werden müssen. Schon Anfang der Neunziger entwickelten Lot-ek aus Containern ein Memorialmuseum auf der senegalesischen Insel Gorée, später die vielbeachtete „Mobile Dwelling Unit“, eine Wohnung für Menschen, die auf der ganzen Welt zu Hause sind. Momentan plant das Büro große Wohngebäude in New York und Almere bei Amsterdam.

Containerstadt am Südpol

Bald soll sogar in der Antarktis ein Gebäude aus 128 Containern stehen: Die indische Polarstation ist ein Projekt von Bof Architekten, der IMS Ingenieurgesellschaft und M+P Consulting. „Die Verwendung von Containern ist in diesem Fall wirklich dem Thema Transport geschuldet“, erläutert der zuständige Architekt Bert Bücking. Da das ganze Material ohnehin in Containern zum Zielort transportiert werden muss, kam die Idee auf, die Kisten gleich für die Konstruktion des Gebäudes zu verwenden.

„Ich hege sonst rege Zweifel am Sinn der Modulbauweise“, gesteht Bücking. Das ist ein wenig provokativ, gilt doch die Modulbauweise als Steckenpferd vieler Planer. In der Antarktis erscheint sie auch Becking sinnvoll. Vermutlich bleiben dort nur zwei eisfreie Wochen, und die Station muss schnell und ohne viele Handwerkertrupps aufgebaut werden.

Um Transport geht es, zumindest konzeptuell, auch beim Freitag-Turm in Zürich, der in diesem Jahr mit dem Deutschen Designpreis ausgezeichnet wurde. Ein Shop aus Containern für Taschen aus Lkw-Planen - das klingt stimmig. Freilich war es nicht damit getan, die im Hamburger Hafen von den Freitag-Brüdern persönlich ausgesuchten Stahlkisten in Zürich zu stapeln und mit Twistlocks zu versehen, den genormten Drehverschlüssen, die Container gewöhnlich an den Ecken miteinander verbinden. „Sie verhalten sich hier anders als auf dem Schiff“, erklärt der Schweizer Architekt Harald Echsle. Dort stapele man zwar auch neunfach. „Aber sie stehen nicht wie Nadeln im Wind.“ Außerdem sind sie nicht leer. So musste das Büro Spillmann Echsle zusätzlich ein neues statisches System ersinnen.

Es sind Gebäude auf Zeit

Wie lange kann ein Bau aus betagten Containern halten? „Das sind immer Gebäude auf Zeit“, schränkt Echsle ein. Es gibt jährliche Kontrollen, und einer der Container wird im nächsten Jahr ausgewechselt. Der Bau ist so konzipiert, dass das problemlos möglich ist. Denn auch für den Fall, dass der Mietvertrag für das Grundstück ausläuft, muss das Gebäude zerlegt und anderswo wieder aufgebaut werden können.

„25 Jahre, dann ist eigentlich Schluss“, sagt der Architekt Han Slawik zur Lebenserwartung eines Containers. Er hat sich als einer der Ersten in Europa an Container gewagt und arbeitet seit mehr als zwanzig Jahren mit den Stahlkisten. Heute lehrt er an der Universität Hannover und ist gerade dabei, mit Hilfe seiner Mitarbeiter einen Containeratlas herauszugeben, eine Art Handbuch mit Beispielen aus aller Welt. „Im Moment gibt es eine richtige Explosion von Containerprojekten“, hat Slawik beobachtet. „Es ist ein Riesenthema, das jeder aufgreift.“

Architekt im Zwiespalt

Der Architekt sieht den Einsatz von Frachtcontainern vor allem fürs Wohnen zwiespältig. Intensiv hat er sich auch mit den Nachteilen auseinandergesetzt. Stapelt man Container, hat man alle Wände doppelt. Bauphysikalisch ist das wenig sinnvoll. Außerdem ist die Breite mit 2,50 Metern sehr knapp bemessen. Zieht man den Platz für eine zeitgemäße Isolierung ab, wird es eng. Und mit dem Mobiltelefon muss man nahe an die Glasscheibe treten, um Empfang zu bekommen. Dann die Wärmebrücken: „Ein Passivhaus, das heute ja viele anstreben, ist mit solchen Containern jedenfalls nicht machbar“, fügt Slawik an.

Seine Faszination schmälert das keineswegs, er sucht nach Lösungen. Am Institut beschäftigt er sich mit seinen Studenten damit, Profile thermisch zu trennen. Das könnte helfen, ist aber aufwendig. Zudem hat der Architekturprofessor ein eigenes Containersystem entwickelt, das allein über den Rahmen trägt, so dass die doppelten Wände entfallen und wohnklimatisch viel angenehmere Holzfüllungen eingesetzt werden können.

Ein entscheidender Pluspunkt sind die günstigen Baukosten, vorausgesetzt, man wählt einen gebrauchten Container. Ein solcher, in der Regel zehn bis zwölf Jahre alt, ist nach Angaben des Containerhändler CHS aus Bremen für 800 Euro zu haben. Neu kostet er 2000 Euro. Doch auch wenn Container-Architektur nach Recycling klingt, nicht immer ist sie es. Für viele Projekte greifen die Konstrukteure auf neue Container zurück, die sie oft in China für ihre Zwecke umbauen lassen. So wurde etwa „Puma City“ komplett in Asien gefertigt. Und für die Polarstation werden sogar eigens Container entwickelt, die sich zwar an die ISO-Maße halten, aber technisch ausgefeilter sein müssen.

Star-Architekten springen auf den Trend

Dass sich auch Stararchitekten auf den Schiffscontainer beziehen, beweist vielleicht am besten, wie etabliert er mittlerweile in der Architektur ist. So wollen Herzog & de Meuron im Düsseldorfer Innenhafen dem Museum Küppersmühle einen überdimensionierten Frachtcontainer obendrauf setzen.

OMA, das Büro von Rem Koolhaas, hat Pläne fürs Science Center in der Hamburger Hafencity vorgelegt, die an ein riesiges, aus Containern gestapeltes „O“ erinnern. Das funktioniert offenbar: Bei der Vorstellung des Entwurfs stand prompt ein Zuhörer auf und meinte, es sei das erste Gebäude in der Hafencity, das ihn an seine Arbeit als Hafenarbeiter erinnere.

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29.05.2012 14:34 Uhr
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