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Passivhausbauweise Südwester für Landratten

05.11.2011 ·  Auf den ersten Blick wirkt „JustK“ in Tübingen nicht gewinnend. Das Einfamilienhaus verblüfft aber gleich in mehrfacher Hinsicht. Auch weil es zeigt, wie individuell die Passivhausbauweise sein kann.

Von Birgit Ochs
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© Brigida González Erinnert an den Helm des Star-Wars-Schurken Darth Vader: Das Haus „JustK“

Wie sieht das denn aus? Es gibt wohl kaum jemanden, der sich beim Anblick des grauen Hauses im Süden Tübingens diese Frage nicht stellt. Gut, der Bau besitzt Fenster und Tür, ein Dach und einen großen Freisitz, wie man es von einem neuen Einfamilienhaus erwartet. Die Form allerdings ist merkwürdig. Sie wirkt sperrig und mit dem geknickten Walmdach zunächst ziemlich manieriert. Nur zur Hälfte haftet das Gebäude dank eines Sockels am Boden; der übrige Teil schwebt. Der Bau hat kein Satteldach wie aus dem Bilderbuch, kein Pultdach wie aus dem Katalog und ist auch kein weißer Würfel wie aus dem Hochglanz-Magazin. Wer zu wissen glaubt, wie ein Haus auszusehen hat, den bringt dieses Objekt durcheinander.

Wieso also diese eigenwillige Gestalt, die Kenner der Star-Wars-Saga an den Helm des Schurken Darth Vader denken lässt, andere wiederum an jene alten Kaffeekannen erinnert, die im mit Filz gefütterten Metallmantel stecken? Das Architektenteam Amunt, zu dem Björn Martenson, Sonja Nagel und Jan Theissen zählen, gibt eine einfache Erklärung: „Der Umstände wegen.“

Die waren tatsächlich nicht ohne. Als Amunt vor etwa drei Jahren den Auftrag erhielt, für die Familie von Björn Martensons Schwester Kathrin ein Haus zu planen, gab es folgende Wünsche und Zwänge: Das in einem von grauen Tuffsteingebäuden aus den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts umgebene Grundstück ist nur 365 Quadratmeter groß. Die Baufamilie legte unbedingt Wert auf einen kleinen Garten. Auch wollte sie die Blickachse zum Tübinger Schloss erhalten. Der Bebauungsplan schrieb Abstandsflächen zu den Nachbargrundstücken vor, so dass sich ein Baufeld von gerade einmal 60 Quadratmetern ergab. Darauf galt es ein Haus für die damals sechs, demnächst sieben Köpfe zählende Familie zu errichten.

Sparsamer Umgang mit Ressourcen

Ein eigenes Zimmer für jedes Kind lautete eine weitere Grundbedingung. Auch sollte das Gebäude im Notfall in zwei Einheiten zu teilen sein. Das Budget für die Baukosten: 310.000 Euro. Außerdem wollten Martensons ein Haus, das mit einem minimalen Bedarf an Heizenergie auskommt: ein Passivhaus. „Als Großfamilie liegt es auf der Hand, dass wir uns über einen sparsamen Umgang mit Ressourcen Gedanken machen“, sagt Kathrin Martenson. Wirklich viel hätten sie damals aber nicht über diesen Gebäudetyp gewusst.

Damit steht sie nicht allein. Auch wenn das Passivhaus - 20 Jahre nachdem der Prototyp dieses Gebäudes im südhessischen Darmstadt erbaut wurde - zunehmend den Standard im energieeffizienten Bauen beeinflusst. Das Prinzip ist einfach: Passivhäuser verfügen über eine hochgedämmte, luftdichte Gebäudehülle. Die Raumluft erwärmt sich durch Sonnenlicht, die Körperwärme der Bewohner und die Wärme elektrischer Geräte - daher der Begriff „passiv“. Das Herzstück ist eine Lüftungsanlage mit integrierter Wärmerückgewinnung. Auf diese Weise kommen die Gebäude (fast) ohne Heizung aus. Als Richtwert der KfW für die Förderung von Passivhaus-Neubauten gilt ein jährlicher Heizenergieverbrauch von 15 Kilowattstunden je Quadratmeter.

Individuelle Lösungen

In Deutschland dürften nach Angaben des Passivhaus Instituts 16.500 Wohneinheiten diesen Wert erreichen, weltweit sind es rund doppelt so viele. Immer mehr Großstädte schreiben diese Bauweise für öffentliche Gebäude vor: Altbauten werden entsprechend saniert; neue Schulen, Behördenzentren und auch Schwimmhallen rundum verpackt.

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© Amunt Energiekonzept für den Winter: Kontrollierte Lüftung mit Wärmerückgewinnung - bei Bedarf springt ein Nachheizelement ein

So viel Eifer steckt jedoch nicht zwingend an. Im Gegenteil: Die Bauweise ist vielen Architekten immer noch verdächtig, gerade weil sie politisch verordnet wird. Passivhäuser stehen im Ruf, eine Spielwiese technikbegeisterter Ingenieure mit Klimaschutztrieb zu sein, für die „Baukultur“ ein Fremdwort ist. Vorhaltungen wie diese bringen den langjährigen Passivhaus-Planers Folkmer Rasch in Rage: „Die basieren schlicht auf Unkenntnis.“ Die Häuser seien erstens weit weniger technisch hochgerüstet als angenommen. Und zweitens hätten die Fachleute nach 20 Jahren Erfahrung etliche Kinderkrankheiten kuriert. Eine Bedienungsanleitung, wie es früher immer spöttisch hieß, müsse man den Bewohnern zum Einzug nicht in die Hand drücken.

Für Amunt Architekten war die Planung eines solchen Gebäudes neu. Das Team las sich in die Materie ein, befragte - mit eher mäßigem Erfolg - Kollegen, besuchte Messen, besichtigte Passivhäuser. „Wie immer haben wir aber auch hier eine individuelle Lösung gesucht und bei der Planung das Haus keinem technischen Konzept untergeordnet“, stellt Amunt-Architekt Jan Theissen klar.

Energieeffizientes Bauen

Als größte Herausforderung des Vorhabens nennt er die Aufgabe, angesichts der geringen Grundfläche und der Einschränkungen durch den Bebauungsplan genügend Wohnraum zu schaffen. Dies lösten die Planer, indem sie das Gebäude so weit wie möglich in die Höhe streben ließen. Die merkwürdige Dachform ergibt sich aus dem Zwang, das maximal mögliche Raumvolumen auszuschöpfen. Insgesamt 145 Quadratmeter Wohnfläche entstanden letztlich; ein sparsamer Flächenverbrauch für eine Großfamilie, zumal nur 30 Quadratmeter Grundfläche versiegelt sind. Was anfangs gewollt wirkte, erweist sich bei näherer Betrachtung als klug durchdacht.

Haus „JustK“, wie der Projektname lautet, ist aus 136 massiven Holzfertigteilen errichtet. Der Einsatz von Holz war für Bauherren wie Planer konsequent. „Energieeffizient zu bauen heißt auch zu bedenken, wie viel Energie schon in der Herstellung steckt“, sagt Theissen. Zudem weist Holz eine gute Kohlendioxidbilanz auf und muss dereinst nicht als Sondermüll entsorgt werden. Im Innern sind die Holzoberflächen weitgehend - auch aus Kostengründen - unverkleidet. +

„Bei uns ist immer gute Luft“

Zur Freude der Bewohner hält sich der Holzduft auch noch zwei Jahre nach dem Einzug. Von außen schützen graue Dachplanen Dach und Obergeschoss gegen Nässe und Wind. Dieser „Südwester“, wie die Architekten die Hülle in Anspielung auf die Kopfbedeckung der Seefahrer nennen, sei die kostengünstigste Lösung gewesen.

Unterstützung für das energetische Konzept fand Amunt beim Berliner Ingenieur Jörg Lammers, der dazu riet, unterschiedliche Klimazonen zu schaffen. So wird die Kaltluft im tiefer gelegenen Eingang abgefangen. Lammers regte auch an, zur nächtlichen Lüftung nach heißen Tagen den Kamineffekt zu nutzen.

Der Vorschlag hat sich nach Angeben der Hausherrin bewährt. „Durch die bis unters Dach offenen Fenster holen wir uns dann die Kühle ins Haus“, sagt Kathrin Martenson, die es grundsätzlich aber schätzt, dass sie nicht mehr täglich mehrfach die Fenster aufreißen muss. „Bei uns ist immer gute Luft.“

Tage des Passivhauses

Am 11. November beginnen die diesjährigen Tage des Passivhauses. Bis zum 13. November öffnen weltweit 700 Gebäude ihre Türen. Unter www.passivhausprojekte.de sind viele der in Deutschland gezeigten Gebäude, Informationen zu den Öffnungszeiten und Führungen erfasst, auch zu Haus „JustK“. Das Passivhaus Institut in Darmstadt lädt am 12.November zum Tag der offenen Tür ein www.ig-passivhaus.de.

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Jahrgang 1966, Redakteurin für „Immobilien“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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