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Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Ortswechsel Unfreiwillige Wohnungsnomaden

 ·  Jüngere Menschen wechseln ihren Wohnort öfter als ältere. Ausbildung und Karriereschritte sorgen dafür, dass junge Mietergruppen häufig auf gepackten Koffern sitzen.

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In 19 Jahren ist Antje Lantz mindestens sechsmal in eine neue Wohnung gezogen, im Schnitt also alle 3,1 Jahre einmal. Aber es kommt ganz darauf an, wie man zählt. Bei ihrem ersten Umzug war sie gerade einmal zwei Wochen alt - ihre Eltern wechselten damals von Dresden nach Berlin. Auf ihre eigenen Jahre der Wanderschaft blickt die heute 38-jährige jedenfalls mit gemischten Gefühlen zurück. Denn ob die Zeit als Nomadin endlich vorbei ist, kann sie bei ihrem Job nicht mit Gewissheit sagen.

Seit 1995 berät sie für eine große deutschen Agentur Unternehmen in Kommunikationsfragen. Wechsel innerhalb der Firma, die in mehreren deutschen Städten vertreten ist und auch Niederlassungen im Ausland unterhält, sind an der Tagesordnung. Im Kollegenkreis zählt Antje zu den besonders „umzugsfreudigen Beraterinnen“. „Und jedes Mal Anzeigen wälzen, zu Besichtigungsterminen latschen, Kisten packen. Und immer dieses Renovieren“, stöhnt sie.

Auf nach Dresden

1990 packte sie ihre kleinen Koffer und siedelte von Berlin nach Dresden um. In dem aufwendig rekonstruierten Studentenwohnheim lebte sie vier Jahre, zunächst in einem 6-Bett-Zimmer für 50 Mark Miete im Monat, später in einem eigenen Raum für 200 Mark. Nach dem Abschluss als Betriebswirtin nahm Antje Lantz ihren ersten Job als Public-Relations-Assistentin bei Raab Karcher in Hamburg an. Die 25 Quadratmeter große Ein-Zimmer-Wohnung in einem Hochhaus lag optimal - direkt an der Außenalster im Stadtteil Winterhude, mit guter Anbindung an die Stadt, zu Cafés und Geschäften. 900 Mark Miete zahlte die Jungakademikerin dafür, ein stolzer Preis. Der Arbeitsvertrag war befristet, und so wechselte die Berufseinsteigerin nach kaum 18 Monaten von Hamburg nach Düsseldorf. Dort stieg sie bei ihrem heutigen Arbeitgeber als Kommunikationsberaterin ein.

Wieder entschied sie sich für ein eher kleines Heim in guter Lage: ein Zimmer mit Küche, Bad und Loggia im Stadtteil Gerresheim. Für die gerade einmal 32 Quadratmeter große Wohnung blätterte die junge Beraterin 1995 bis 1998 monatlich 850 Mark warm hin. Auch das kein Schnäppchen.

Auf nach Berlin

Beruflich entwickelte sie sich weiter, und so kam nach schon knapp zweieinhalb Jahren in Düsseldorf der Ruf in die Berliner Agenturniederlassung: größere Kunden, verantwortungsvollere Aufgaben, mehr Gehalt. In der Charlottenburger Schillerstraße bezog Antje Lantz nun Quartier. „Das war die erste richtige Wohnung für mich. Mit Küche, Schlaf- und Wohnzimmer. Und die erste, die ich richtig eingerichtet habe“, erinnert sie sich. Da war sie immerhin schon 30 Jahre alt.

Für die 58 Quadratmeter im Seitenflügel eines renovierten Jahrhundertwendehauses verlangte der Eigentümer 400 Euro im Monat warm. Dort blieb sie mit einer Unterbrechung immerhin sechs Jahre lang. 2005 betreute Antje Lantz ein Agenturprojekt in Amsterdam, ein Jahr lang. Für ihr Ein-Zimmer-Apartment unweit der zentralen Prinsengracht waren an jedem Monatsanfang 800 Euro Miete fällig. „Küche, Wohnen und Schlafen, das fand alles in dem einen Raum statt“, erzählt sie. Immerhin: Die Miete übernahm der Arbeitgeber anteilig.

Auf nach Bonn

Gerade einmal zwei Wochen hatte sie nach ihrem Zwischenstopp in den Niederlanden Zeit - da hieß es schon wieder Kisten und Koffer packen. In Bonn sollte Lantz neue Großkunden übernehmen. Der Wechsel fiel nicht schwer, dieses Mal spielten auch private Gründe eine Rolle. Zusammen mit den neuen Agenturaufgaben erwartete Lantz in Bonn auch der langjährige Lebenspartner, mit dem sie dort nach jahrelanger Pendelei endlich zusammenzog. Eine nette Altbauwohnung in der Bonner Südstadt mit 68 Quadratmetern Fläche teilen sich die zwei seit nun mehr als drei Jahren. „Ich bin häufiger als meine Freunde umgezogen“, meint Lantz, und dass sie sich eher „zum Sklaven ihres Jobs“ gemacht hätte als alle anderen.

Ihr Traum: Nur noch einmal den Umzugswagen bestellen, packen, um zusammen mit ihrem Freund zurück in ihre Heimatstadt Berlin zu ziehen. In einem Altbau mit hohen Decken und fünf Räumen, am liebsten im Westteil der Stadt. „Im Job muss man flexibel sein“, sagt die Enddreißigerin. „Ein glücklicher oder zufriedener Job- und Wohnungshopper war ich aber nie.“

Zuzug im Süden

Wie ihr geht es inzwischen immer mehr Menschen. Studien belegen längst, dass die Erwerbsmobilität von Hochschulabsolventen deutlich über dem Schnitt anderer Mietergruppen liegt. Und dass bei den Wanderungsbewegungen die südlichen Bundesländer weit vor allen anderen von Zuzügen profitieren. Ebenso zeigt sich, dass eine Stadt wie Berlin auf junge Talente aus Imagegründen eine stärkere Anziehungskraft ausübt als etwa Frankfurt am Main. So hat etwa das Institut für Marketing und Medien der Universität Hamburg zusammen mit der Delta Branding GmbH bundesweit 1000 Akademiker Folgendes gefragt: „Wenn Sie morgen umziehen müssten - wohin würden Sie gehen?“ Bewertetet wurde dabei nicht nur die Attraktivität der 15 größten deutschen Städte, sondern auch, auf wie viel Gehalt die Akademiker verzichten beziehungsweise wie viel mehr sie verlangen würden, um in eine bestimmte Stadt versetzt zu werden.

Ergebnis: Berlin und Hamburg gelten unter Akademikern als die attraktivsten Städte zum Wohnen. Über die Hälfte der Befragten würden dorthin ziehen, müssten sie sich jetzt einen neuen Wohnort suchen. Auf den Plätzen drei, vier und fünf rangieren München, Köln und Dresden. Dortmund, Essen und Duisburg dagegen liegen in der Gunst der Akademiker auf den hinteren Plätzen.

Ruhelose Nomaden

Ausbildung, erste Karriereschritte und Projektarbeit machen aus gerne Sesshaften ruhelose Nomaden. Das bekommen Vermieter - private Hausbesitzer wie große Wohnungsgesellschaften - natürlich ebenfalls zu spüren. Eine landesweite Umzugsstatistik würde das Phänomen nicht sonderlich erhellen, da Standortwechsel innerhalb einer Gemeinde statistisch nicht erfasst werden. Michael Damacher, Mediengestalter aus Köln, hat es beispielsweise in elf Jahren auf acht Umzüge innerhalb der Domstadt geschafft. Im Schnitt packte er damit alle 1,375 Jahre Kisten und Koffer.

„Das Beständigste in meinem Leben ist meine E- Mail-Adresse“, sagt der 32-Jährige. Auf eine nicht ganz so hohe Frequenz kommen die Bohnenfelds aus Mülheim an der Ruhr. Das frei schaffende Künstlerehepaar war jahrelang auf der Suche nach dem idealen Platz, um Wohnen und Arbeiten miteinander zu verbinden. Fünf Umzüge innerhalb Essens und zwei in Mülheim an der Ruhr - so die Bilanz der beiden Enddreißiger aus zwölf Jahren.

Häufiger Wechsel

Auch Vermieter können bestätigen, dass junge Mieter viel häufiger ihre vier Wände wechseln als ältere. Zum Beispiel die THS, eine Wohnungsgesellschaft mit rund 70 000 Einheiten im Ruhrgebiet und im Rheinland. Zum Bestand gehören sanierte Zechensiedlungen, teilweise mit hohem Migrantenanteil, aber auch Altbauten im Bauhausstil, für die sich vor allem Akademiker und designorientierte Nutzergruppen interessieren. In ihrem Bestand stellt die THS eigenen Angaben zufolge die größte Fluktuationsrate in der Altersklasse der 20- bis 30-Jährigen fest. Diese machen laut THS allein ein Fünftel aller Umzüge im Jahr aus.

Fasst man Altersgruppen zusammen, so ziehen in der Gruppe der 20- bis 40-Jährigen im Vergleich zu den 40- bis 60-Jährigen beinahe doppelt so viele Bewohner im Jahr um. Betrachtet man das Umzugsverhalten der THS-Mieter in Zehnjahresintervallen - also etwa die 50- bis 60-Jährigen -, so bleibt die Fluktuationsrate von 50 Jahren an relativ gleichmäßig bei etwa 9,3 Prozent.

Fluktuation am oberen Ende

Interessant: Nicht die kleinen, günstigen Wohnungen werden ständig von neuen Mietern renoviert, sondern die besseren, teuren. „Eine höhere Fluktuation beobachten wir im hochwertigen Bereich, also in Objekten, die in den verschiedenen Städten jeweils am oberen Ende des Mietspiegels liegen und die urbane, designorientierte Zielgruppen ansprechen“, kann THS-Sprecher Ralf Radschun berichten. Das gelte etwa für das Gruga-Carree mit rund 111 Wohneinheiten in Essen oder auch das Bauhaus-Karree mit 127 Einheiten in Duisburg. Die Bewohnerschaft in diesen Objekten weist zwei deutliche Schwerpunkte auf: Einerseits leben dort Menschen, die bewusst mit langfristiger Perspektive einziehen, beispielsweise die Wohnung als Alterswohnsitz wählen, da sie den Komfort des Neubaus - sei es Aufzug, oftmals kleinere Wohnflächen, offene Grundrisse - schätzen.

Zweitstärkste Mieterfraktion seien hier gutverdienende, jüngere Bewohner, die oftmals aus beruflichen Gründen in die Stadt kommen und gezielt für den Übergang eine Unterkunft mieten, bevor sie dann Eigentum erwerben oder aus beruflichen Gründen wieder weiterziehen. Sicherlich habe auch Hartz IV Bewegung in den Vermietungsmarkt gebracht, aber hier versuche man unnötige Umzüge wegen weniger Euro, so weit es geht, zu verhindern.

Die Gagfah mit bundesweit 150 000 Wohnungen und 400 000 Mietern gibt keine Informationen über das Umzugsverhalten ihrer Kunden preis. Eine Sprecherin verrät aber, dass die Mieter im Durchschnitt elf Jahre bei der Gagfah wohnen, das sei länger als in anderen Wohnungsgesellschaften. Mit rund 6000 Wohnungen im Ruhrgebiet zählt auch die Unternehmensgruppe Häusser-Bau aus Bochum zu den größeren Vermietern in Nordrhein-Westfalen. Geschäftsführer Thorsten Heckendorf hat beobachtet, dass der Trend zu kleinen Wohnungen passé ist. Anders als bei der THS sind bei Häusser-Bau die kleineren Wohnungen am meisten von Umzügen betroffen. „Die Fluktuation beträgt hier das Zwei- oder Dreifache der Wechsel in den großen Wohnungen“, sagt Heckendorf. Einheiten mit bis zu 120 Quadratmetern Wohnfläche seien gefragt, wenn möglich mit Gartenanteil. Bei solchen Objekten sei die Verweildauer einfach höher.

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