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Neue Häuser (6) Die klassische Wohnkiste

 ·  Quadratisch, praktisch, modern: Die Magdeburgerin Kathrin Zänker liebt die Architektur der Moderne. Für die Ärztin kam daher nur ein Neubau ohne Schnickschnack in Frage.

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Kathrin Zänker hat ihr Haus gut versteckt. Wer im Westen Magdeburgs durch den beschaulichen Kern des Stadtteils Diesdorf spaziert, findet den Neubau nicht ohne weiteres. Dabei tanzt das gut ein Jahr alte Wohnhaus im Vergleich zu seiner Umgebung architektonisch ganz schön aus der Reihe. Quadratisch, praktisch, modern - so steht der zartgraue Kubus, der im Sonnenlicht fast weiß erscheint, unter alten Gehöften, Fachwerkhäusern und gedrungenen Einfamilienhäusern mit klassizistischem Dekor. Seltsamerweise wirkt er in diesem reichlich betagten Ensemble jedoch nicht störend, sondern nur überraschend anders.

Das mag daran liegen, dass zur Straße hin ein großes Tor zunächst den Blick verwehrt. Öffnet es sich, beschert der Anblick dem Betrachter ein Aha-Erlebnis. Ziemlich genau in der Mitte eines langgestreckten Grundstücks liegt ein Haus jenes Typs, der von Anhängern dieses Stils wohlwollend, von den Gegnern abwertend als Kiste bezeichnet wird. Es ist ein schlichter zweigeschossiger Bau mit Flachdach, dessen äußerer Reiz sich nicht zuletzt durch den Kontrast zur alten Scheune in unmittelbarer Nachbarschaft entfaltet. Hier der fast herrschaftliche historische Zweckbau mit Denkmalstatus, dort das funktionale Wohnhaus von demonstrativer Bescheidenheit.

"Etwas anderes als ein Haus dieses Typs wäre für mich nicht in Frage gekommen", sagt die Bauherrin. 2002 war die gebürtige Magdeburgerin mit ihrem Sohn zur Miete in ein Reihenhaus im Bauhausstil gezogen. Dort hätte sie eigentlich auch weiter wohnen bleiben können - und wollen, erzählt sie. Die Nachbarschaft war nett, das Haus komfortabel und hell, ganz nach ihrem Geschmack. Mit dem Eigentümer, so meint sie, hätte sie sich schon auf einen akzeptablen Kaufpreis einigen können. Und für Ehemann Ulrich Müller, mit dem sie seit 2005 ein Paar bildet, wäre auch noch Platz gewesen. Zumal Müller unter der Woche in Berlin lebt, wo er eine Architekturgalerie betreibt.

„Grundstück zu verkaufen“

Doch dann kam jenes Wochenende vor etwa drei Jahren, an dem das Ehepaar durch das ländliche Diesdorf radelte und das Schild mit der Aufschrift "Grundstück zu verkaufen" sah. Kathrin Zänker kann im Rückblick gar nicht mehr genau sagen, warum sie damals vor dem großen Tor anhielten und von dem Angebot angesprochen wurden. "Denn Bauen war bis zu diesem Tag eigentlich keine Option für mich." Doch irgendetwas habe sie angezogen - obwohl das Anwesen, als sie es besichtigten, nur wenig ansprechend gewesen sei.

Damals stand noch ein schmales, ziemlich kaputtes, kleines Wohnhaus zur Straßenseite hin. Und dort, wo heute der Neubau ist, befand sich eine zwar charmante, aber ebenfalls völlig marode ehemalige Tischlerei mit Schuppen. "Und? Kannst du Dir vorstellen, dass man daraus etwas machen kann?" So fragte Ulrich Müller seine Frau. Zu seiner wie auch ihrer eigenen Verblüffung lautete die Antwort: Ja. Gut ein Jahr verhandelten sie mit dem Vorbesitzer, bis der Kauf des 860 Quadratmeter großen Grundstücks möglich war. Ursprünglich wollte der Eigentümer gleich die zweite, angrenzende Parzelle mit veräußern. Daran aber hatte Kathrin Zänker kein Interesse.

Als der Kauf endlich besiegelt war, begannen zunächst die Abbrucharbeiten. "Im Prinzip hatten wir ja eine Müllhalde gekauft", beschreibt die 48 Jahre alte Medizinerin den Zustand, in dem sich das Grundstück befand. Die zuständige Baubehörde genehmigte einen Neubau exakt auf der Fläche der früheren Tischlerei. Die Nachbarn stimmten dem Plan zu, die Ostseite des Hauses direkt auf der Grundstücksgrenze zu errichten. Da der inzwischen erwachsene Sohn in Berlin studiert, wo auch Ulrich Müller die Wochentage verbringt, waren vor allem die Wünsche Kathrin Zänkers für die Raumplanung maßgeblich. "Ich liebe es übersichtlich", gibt die Ärztin über ihre Raumbedürfnisse Auskunft.

Weniger ist mehr

Weder das Verspielte noch das Gemütlich-Rustikale liegen ihr. Auf keinen Fall wollte sie ein Haus aus dem Katalog. Was nicht zuletzt auch daran lag, dass zwei ihrer Freundinnen - ohne von der Wahl der anderen zu wissen - sich für exakt das gleiche Hausmodell entschieden hatten. Außerdem wollte die Magdeburgerin durchaus ein Zeichen gegen die in ihrem Freundeskreis verbreitete "Krüppelwalmdach-Mentalität" setzen. Das ist ihr gelungen.

Der zweigeschossige, durch die fassadenbündigen Fenster besonders kompakt wirkende Baukörper gibt sich nicht nur äußerlich so pragmatisch wie unaufgeregt. Auch im Innern ist Funktionalität Trumpf. Dem Motto "Weniger ist mehr" stimmt die Bewohnerin sofort zu. Kleinkram sucht man im Haus "Emmzett", wie das Projekt in Anspielung auf die Nachnahmen Müller und Zänker heißt, vergeblich. "Da kein kleines Kind mehr im Haus lebt, bleibt es leicht übersichtlich", räumt die Eigentümerin ein.

Im Erdgeschoss sind neben je einem kleinen Raum für die Haustechnik und den Vorrat noch ein WC, die Küche und das Wohn-Esszimmer untergebracht. Alle Funktionsräume liegen auf der Ostseite, die wegen der Grenzbebauung fensterlos ist. Diele, Küche und das Wohn-Esszimmer gehen ineinander über. Diese Offenheit liebt die Hausherrin: "Hier trifft sich die Familie, kommen wir mit unseren Freunden zusammen." Da sie gern und viel koche, sollte die Küche unbedingt Bestandteil des Wohnraums sein. Je nach Bedarf kann Kathrin Zänker allerdings Küche und Wohn-Esszimmer von der Diele mittels raumhoher Schiebetüren abtrennen. "An kalten Tagen ginge sonst zu viel Wärme verloren."

Alles in allem herrscht Einigkeit

Für die Türen haben die Bewohner ein transluzentes Polycarbonat gewählt. Das Material kommt für gewöhnlich im Industrie-, nicht im Wohnungsbau zum Einsatz. Auch der Fußbodenbelag im Erdgeschoss ist für ein Wohnhaus eher selten. So haben sich die Bewohner für einen hellen Sicht-Estrich entschieden. "Die Farbe ist super", lobt Kathrin Zänker das Ergebnis. Sie weiß aber auch, dass nicht alle Freunde ihren Geschmack teilen. "Vielen ist das zu kalt." Sie selbst jedoch sieht den fast zart schimmernden Boden als ideale Ergänzung zu den weißen Einbauschränken und den lichtdurchlässigen Schiebetüren. Für die zum Obergeschoss führende Treppe wurde übrigens ein silbergraues Resopal gewählt. Die Räume der ersten Etage verfügen mit Ausnahme des Badezimmers über Holzböden. Hier befinden sich zudem ein Arbeitszimmer, das Schlafzimmer und ein Ankleideraum. Auch Kathrin Zänkers Sohn hat hier noch eine Bleibe.

Ursprünglich habe sie einen Architekt beauftragen wollen, erzählt Kathrin Zänker. Denn ihr Ehemann, wiewohl ausgebildeter Planer, hatte sich schon 2002 ganz seiner Galerie gewidmet. Doch im Vorfeld musste er schon so viele grundsätzliche Fragen rund um das Bauvorhaben klären, dass er sich schließlich doch dafür entschied, das Haus selbst zu entwerfen. Um manches Detail hat das Ehepaar in Diskussionen gerungen. "Die Ehefrau als Bauherrin - das bedeutet nicht automatisch, dass so ein Vorhaben schneller geht", erzählt der Architekt. "Fremde trauen sich vermutlich gar nicht, so viel zu fragen." Alles in allem habe aber Einigkeit geherrscht, berichtet das Ehepaar. Das Revier der Katze

Besonderes Augenmerk hat der Planer auch auf die Anordnung und Größe der Fenster gelegt. Weil die Ostseite des Hauses völlig fensterlos ist, erhellt ein Oberlicht das dort angesiedelte Treppenhaus. "Die Fenster sind so angeordnet, dass sie im Innern wie Bilder an den Wänden funktionieren", beschreibt Müller die Wirkung. Vor allem die warme Ausstrahlung der natursteinernen Scheune beeindruckte die Bauherren so stark, dass sie deren Anblick von möglichst vielen Räumen aus immer neuen Blickwinkeln genießen wollten.

Zudem verstehen sie den Wohnraum als Verlängerung des Gartens und umgekehrt. Diese Haltung findet in der vollständigen, sich teils noch über Eck ziehenden raumhohen Verglasung des Wohn- und Esszimmers ihren Niederschlag. Das Ehepaar kann sich diese Offenheit leisten, weil das Grundstück nicht nur von der Straße, sondern auch von den umliegenden Häusern aus kaum einsehbar ist.

Die Außenanlage sollte möglichst pflegeleicht sein. Hier wie im Haus hat übrigens die Katze der Ärztin ihr Revier. Da die Nachbarn das Wegerecht haben, das heißt ihr Haus über das Grundstück von Müller und Zänker erreichen, haben die Hausbesitzer eine gepflasterte Zufahrt angelegt, die so breit ist, dass sie auch als Stellplatz genutzt werden kann. Eine immergrüne Hecke schirmt sie vom Haus ab. Der größte Teil des unbebauten Grundstücks ist jedoch Rasen. Die Bewohner haben sich dafür entschieden, die Terrasse auf der Nordseite des Gebäudes anzulegen. Dort fehlt es auch in den Nachmittagsstunden nicht an Helligkeit. An warmen Tagen ist es jedoch weniger heiß als auf der Südseite.

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Jahrgang 1966, Redakteurin für „Immobilien“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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