Häuser in Hanglage zeichnen sich fast immer durch eine gewisse Eigenwilligkeit aus. Manchmal ragen sie im wörtlichen Sinn aus ihrer Umgebung heraus. Die einen geben sich stolz und erhaben, andere sitzen trotzig und fremd auf dem steilen Untergrund. Wieder andere wirken dagegen wie hingegossen in die Landschaft – wie das Haus der Familie Bickel. Hoch oben über Schlangenbad-Bärstadt liegt der Neubau inmitten einer früheren Wochenendhaus-Kolonie. Die Straßen sind dort schmal und die Grundstücke riesig. Hier und da stehen noch die kleinen Ferienhäuschen in den Gärten. Die meisten sind jedoch längst stattlichen Einfamilienhäusern gewichen, deren steile Satteldächer sich kühn dem Himmel entgegenrecken.
Anders das Haus von Annette und Alexander Bickel: Im Gegensatz zu seinen Nachbarn sucht es die Nähe zum steilen Hang. Von der Straße aus betrachtet, scheint es zurückzutreten. Das liegt nicht nur daran, dass es sich erst ein gutes Stück hinter dem Carport erhebt, sondern auch an Flachdach und Staffelgeschoss des Baukörpers selbst.
Alle Parzellen des kleinen Ortes waren schon vergeben
„Eigentlich ist das ein schwieriges Grundstück“, sagt Architekt Carl Magnus Bickel über den Bauplatz, den sein Bruder und seine Schwägerin sich ausgesucht haben. Denn das Areal fällt stark nach Osten ab. Und auch wenn dieser schon nahe an den Weinbergen des Rheingaus gelegene Teil des Taunus weit lieblicher und lichter ist als andere Gegenden des hessischen Mittelgebirges, so ist der Untergrund an den Hängen um Bärstadt doch felsig.
„Ein Traumgrundstück“, sagen indes der Fernsehredakteur und die Förderschullehrerin. Die Eltern und ihre beiden Kinder lebten zuvor in einer Wohnung in Wiesbaden. Auf den Ort Bärstadt kamen sie, weil von dort aus beide ihre Arbeitsplätze ohne allzu großen Zeitaufwand erreichen können. Zudem bietet der Ort für junge Familien mit Kindergarten, Grundschule und Musikschule eine ziemlich gute Infrastruktur. „Das war mir wichtig – dafür immer nach Wiesbaden zu fahren, das wäre nichts“, nennt Annette Bickel ein für die Auswahl wesentliches Kriterium. Hinzu kam außerdem, dass dem Ehepaar die Landschaft in dieser Region sehr gut gefällt.
Weil alle Parzellen im kleinen, nahe der Schule gelegenen Neubaugebiet des nicht einmal 1500 Einwohner zählenden Ortes schon vergeben waren, machte sich das bauwillige Ehepaar auf eigene Faust in der etwas höher gelegenen ehemaligen Wochenendhaus-Siedlung auf die Suche – und wurde fündig. Ursprünglich war das mehr als 800 Quadratmeter große Grundstück Teil eines fast doppelt so großen Gartens, in dessen oberem Teil sich schon ein Einfamilienhaus befindet. Der Eigentümer war bereit, die Hälfte seines Grundbesitzes an die Bickels zu verkaufen. Allerdings fürchtete er, dass der Neubau die Aussicht auf den bewaldeten Kamm im Osten rauben würde.
Nicht nur ein optischer, sondern auch ein praktischer Effekt
Die Vorbehalte des Nachbarn waren nicht ganz unbegründet, schreibt doch der Bebauungsplan ein eingeschossiges Haus mit steil geneigtem Dach und kleinen Gauben vor. Hätte sich die Planung an diese Vorgaben gehalten und zudem den Raumwünschen der vierköpfigen Familie entsprochen, das Ergebnis wäre ein viel zu großes Haus gewesen, über dessen Giebel der Nachbar nicht mehr hätte hinwegsehen können.
Die Vorgaben des Bebauungsplans, die Wünsche der Bauherren, die Sorgen des Nachbarn - mit seinem Entwurf wollte Carl Magnus Bickel nicht nur den Anforderungen gerecht werden, sondern auch die Nachteile zum Vorteil wenden, wie er es formuliert. So passt sich der gestaffelte Baukörper nicht nur den topographischen Gegebenheiten an, sondern erfüllt zudem die Forderung, dass der Neubau eingeschossig sein muss. Denn ein Staffelgeschoss zeichnet sich dadurch aus, dass es in Bezug auf das darunter liegende Geschoss zurücktritt und eine wesentlich kleinere Grundfläche aufweist.
Das hat nicht nur einen optischen Effekt, sondern in diesem Fall auch einen praktischen: Die kleinere Etage wird nicht als eigenständiges Geschoss gewertet. Das Satteldach hat der Planer vermeiden können, indem er ein begrüntes Flachdach vorschlug, das dem Nachbar nicht gänzlich die Sicht nimmt - und bei der Baubehörde damit auf Zustimmung stieß. Für die Bauherren hat diese Lösung den Vorteil, dass sie im oberen Stockwerk durch keine Dachschrägen eingeschränkt werden und auf Gauben verzichten können.
„Am Ende ist der Entwurf immer eine These“
Konkrete Vorstellungen, wie ihr Haus einmal aussehen sollte, habe er zunächst nicht gehabt, erzählt Alexander Bickel. „Nur nichts mit Erkern“, das sei klar gewesen, ergänzt er. Seine Frau Annette hätte sich zunächst auch ein in Holzständerbauweise errichtetes Haus vorstellen können. Wichtig war den beiden, dass in ihrem künftigen Haus jeder ein eigenes Arbeitszimmer haben sollte. Auch wünschten sie sich einen kurzen Weg zwischen Küche und Wohn-Esszimmer.
Die Idee, Schlaf- und Kinderzimmer im unteren Geschoss unterzubringen und die obere Etage neben Arbeitszimmer und WC vor allem als Küche mit fließendem Übergang zum Ess- und Wohnraum zu nutzen, war schon vage vorhanden. „Es ist ähnlich wie beim Friseur“, sagt Alexander Bickel. „Man kommt mit einer ungefähren Vorstellung und lässt sich dann beraten.“ Als spannend haben er und seine Frau es erlebt, im Verlauf der Planungs- und Bauphase Wünsche und Möglichkeiten abzugleichen - und ein ums andere Mal Kompromisse zu finden.
Sein Architekten-Bruder nimmt für sich in Anspruch, zunächst „ergebnisoffen“ an das jeweilige Bauvorhaben heranzugehen. „Am Ende ist der Entwurf eines Hauses immer eine These, die sich in der Praxis bewähren muss“, stellt er fest. Wie ein Haus wird, hängt ab vom Ort, an dem es steht, und den Ansprüchen, die es erfüllen muss. Die ergeben sich vor allem daraus, wie die Bewohner die Räume im Alltag nutzen wollen.
Die Bickels wollten sich unabhängig vom fossilen Brennstoff machen
Zentrum im Haus der Bickels ist derzeit das Obergeschoss, von dem aus die Familie nicht nur die große Terrasse betritt, sondern auch einen Zugang zum Garten hat. Einen weiteren Zugang gibt es von den Räumen des Untergeschosses aus: Vom Schlafzimmer, von den beiden Kinderzimmern wie auch von Alexander Bickels Arbeitszimmer aus - sie reihen sich entlang des Flurs aneinander - können die Bewohner den Garten betreten. Zur Straßenseite hin verfügt der Neubau über raumhohe Fenster. Im unteren Wohnbereich sorgt zur Hangseite hin ein Fensterband für Tageslicht in den beiden Badezimmern und im Flur.
Die großen Glasflächen gäben ihnen das Gefühl, stark mit der Natur verbunden zu sein, beschreibt Annette Bickel eine Qualität ihres Hauses, die sie und ihre Familie besonders schätzen. Jalousien schützen an schönen Tagen vor zu viel Sonne und neugierigen Blicken. Denen freilich sind die Bickels kaum ausgesetzt. Ihre Straße liegt so weit abseits, dass nur selten Passanten vorbeikommen. „An diesem Ort kann man sich eine solche Offenheit leisten; an einem belebteren Standort würde das anders aussehen“, schränkt Carl Magnus Bickel ein.
Da die Entscheidung für einen Neubau zu einem Zeitpunkt fiel, als die Preise für Rohöl und Gas ein historisches Hoch erreicht hatten, wollten sich die Bickels möglichst unabhängig von fossilen Brennstoffen machen. Durch die großen, nach Südosten ausgerichteten Fenster lässt sich die Wärme der Sonne passiv nutzen. Vor allem aber stützt sich das Energiekonzept auf eine Erdwärmepumpe mit Tiefbohrung. Eine Lüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung ergänzt das System.
Die Urteile der Bauleiterin sorgten für Unsicherheit
Dass sich die Bauherren für diese Variante entschieden, liegt auch an den Zuschüssen aus dem Förderprogramm Erneuerbare Energien des Bundesamtes für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle. Zudem bietet ihr Energieversorger einen besonderen Stromtarif für Erdwärmepumpen. Die Massivbauweise dämpfe zudem die Wirkung der schwankenden Außentemperatur auf die Innenräume, hebt Architekt Bickel hervor.
Außen wie innen zeichnet das Haus eine ruhige und freundliche Atmosphäre aus. Das liegt zum einen an der klaren Organisation des Grundrisses, zum anderen an der Materialwahl. Als Fußbodenbelag wählten die Bewohner graue Steinfliesen und helle Eiche. Auch die Fensterrahmen sind aus hellem Holz.
Dass sie den Planungsfachmann in ihrer Familie beauftragen würden, war für die Bauherren keine Frage. Da das Büro Donath Bickel Architekten aber in München seinen Sitz hat, brauchte die Baufamilie eine Bauleitung vor Ort. Mit ihrer ersten Wahl hatte sie allerdings Pech. Denn wie sich zeigte, urteilte die Bauleiterin in vielen Punkten anders als der planende Architekt. „Das hat bei uns zu großer Unsicherheit geführt“, erinnert sich Annette Bickel. Die Situation verschärfte sich, als die Planerin kurzfristig kündigte und dies zwischenzeitlich einen Baustopp zur Folge hatte. Doch da sich ziemlich rasch ein Nachfolger fand, konnte das Vorhaben bald weitergehen. „Am Ende sind wir mit einem Jahr Bauzeit hingekommen.“
Trotz dieser Turbulenzen haben Bickels ihre Entscheidung nicht bereut, selbst zu bauen. Für ihn habe sich der Hausbau emotional ausgezahlt, resümiert Alexander Bickel. Als Bauherr kenne man die Geschichte seines eigenen Hauses. „Man weiß, warum alles so ist, wie es ist - und auch wie viel Kompromiss darinsteckt.“
Das Haus kurz und knapp
Baujahr: 2010
Bauweise: Massivbau,Mauerwerk verputzt
Energiekonzept: Erdwärepumpe mit Tiefbohrung. Eine Lüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung reduziert Lüftungswärmeverlust.
Grundfläche: 144 Quadratmeter
Wohnfläche: 200 Quadratmeter
Baukosten: (Kostengruppe 300 und 400) 433.000 Euro
Standort: Schlagenbad-Bärstadt
