Immer nur die Treppe hinauf durch das geräumige Treppenhaus bis zum dritten Stock: Der Weg zu ihrer Dachwohnung ist Roland Fehr und seiner Frau Marion Kroll seit Jahrzehnten vertraut. Die moderne raumhohe Eingangstür, die das Reich unterm Dach vom übrigen Haus trennt, macht indes deutlich, dass dahinter längst nicht mehr die verschachtelten Mansarden von einst liegen, in denen sie als Studenten wohnten.
Wie sehr sich der Raum im obersten Geschoss des Hauses durch Umbau und Sanierung verändert hat, wird erst richtig deutlich, wenn man weitere neun Stufen nimmt - und sich in einer lichtdurchfluteten, weitläufigen Dachlandschaft wiederfindet: Auf 264 Quadratmeter erstreckt sie sich über zwei Etagen; den einstigen Spitzboden mit eingeschlossen.
Im unteren Teil der Wohnung gibt es neben der großen Wohnküche ein Wohnzimmer, ein Duschbad nebst Ankleide und zwei Räume, die zum Arbeiten, Lesen oder als Gästezimmer dienen. Außerdem ist da noch ein kleines Gästebad, dessen Wände mit einem violettroten Bisazza-Mosaik versehen sind, so dass man meinen könnte, in einem Amethyst zu stehen.
Sanierungsstau und jede Menge Zweifel
Sowohl von der Wohnküche aus als auch über das Bad führt je eine Treppe in die obere Etage. Hier finden sich das Schlafzimmer und ein großer schöner Raum, der einzig der Entspannung dient - zum Beispiel in der freistehenden Badewanne. Von dort aus erreicht man eine kleine Loggia, die ebenfalls neu entstanden ist.
Noch gut anderthalb Jahre nach Abschluss des Aus- und Umbaus wundere er sich manchmal darüber, wie sehr sich der Raum unterm Dach verändert hat, gesteht Roland Fehr. Als er das Haus nach dem Tod seiner Mutter erbte, war der Arzt sich zunächst nicht sicher, ob er es behalten solle. Im Rückblick erscheint es fast unvorstellbar, dass sich jemand von so einem Anwesen trennen könnte. Das 1905 von Fehrs Urgroßvater erbaute Wohnhaus befindet sich im Stadtteil Wiehre. Das Quartier mit seinen vielen Altbauten liegt zentral und doch ruhig. Kein Wunder, dass es eine der begehrtesten Lagen Freiburgs ist, einer Stadt, in der Wohnraum ohnehin teuer ist.
Für Roland Fehr jedoch, der mit seiner Frau seit Jahren schon in einer anderen Stadt lebt und arbeitet, spielte das zunächst keine Rolle. Er sah vor allem ein Baudenkmal, das sich in einem alles andere als guten Zustand befand. Zuletzt war das Haus Mitte der siebziger Jahre umfassend saniert worden. „Danach wurde nur noch instand gesetzt, was unbedingt sein musste - und das auch nicht immer fachgerecht“, erzählt der Freiburger. Als ihm dann der Familienbesitz zufiel, herrschte Sanierungsstau.
Schrägen, Balken, Winkel
Die Ratlosigkeit wich, als seine Frau eines Tages in einer Zeitschrift Bilder einer sanierten Dachwohnung sah, die der Darmstädter Architektin Anja Thede gehört. Mit einem Mal hatten die beiden eine Idee davon, was vielleicht auch in ihrem Haus möglich sein könnte. Warum nicht einen Ausbau des Dachs wagen? Zumal die beiden im Alter wieder nach Freiburg zurückziehen wollen.
So nahm das Ärztepaar Kontakt zur Planerin auf. „Wir waren völlig naiv, was da auf uns zukommt“, berichtet Fehr. Als die Architektin ihn während des Ortstermins fragte, an welche Investitionssumme er denn insgesamt denke, nannte er 200000 Euro. Das ist weniger als die Hälfte dessen, was das Vorhaben tatsächlich kostete. Auch was den zeitlichen Aufwand anging, machten sich Roland Fehr und Marion Kroll falsche Vorstellungen.
Mit Anja Thede fanden die beiden allerdings eine Architektin, die über reichlich Erfahrung auf dem Feld des Umbaus und der Sanierung von Baudenkmälern verfügt, mit deren Eigenheiten vertraut ist. Schrägen, Balken und Winkel mögen dem Laien den Blick für das Potential des Raums verstellen, nicht der Fachfrau. „Jedes Dachgeschoss hat seine Eigenheiten, aber in der Regel geht es darum, die Kleinteiligkeit aufzuheben“, sagt die Darmstädterin.
Freiburger Wildwuchs
So war es auch in Freiburg: Dort lies die Architektin sämtliche Innenwände abbrechen, Teile der Decke zum Spitzboden öffnen; die tragenden Stützen jedoch blieben stehen. „Eingriffe in die Statik sind viel zu aufwendig“, erläutert Thede. Ohnehin war der Umbau des Jugendstildenkmals insgesamt kompliziert genug und zeitaufwendig. Das lag auch daran, dass die zuständige Denkmalbehörde die Entscheidung vertagte, den Dachausbau zu genehmigen oder nicht. Damals lief ein Prozess um ein ähnliches Dachausbauprojekt, bei dem die Bauherren sich nicht an die eingereichten Pläne gehalten hatten. Die Behörde, des Wildwuchses in der Freiburger Dachlandschaft leid, forderte den Rückbau - und vertagte die Entscheidung über andere, vergleichbare Projekte. Fast anderthalb Jahre mussten die Bauherren Fehr und Kroll sich gedulden, bis das Denkmalamt ihren Plänen schließlich zustimmte.
Im Rückblick haben die Bauherren Verständnis für die Haltung des Amtes. „Wenn man sich mal umsieht, entdeckt man ziemlich viele Bausünden, eigentlich muss man dankbar sein, dass die Behörde da durchgegriffen hat“, sagt Roland Fehr. Er und seine Frau hatten zuletzt auch deshalb gute Karten, weil die Pläne von Anja Thede vorsahen, einige ursprüngliche Details wiederherzustellen. Dazu zählen vor allem die Sprossenfenster. Auch dass die Architektin von Anfang an eine Innendämmung eingeplant hatte, brachte dem Vorhaben die Sympathie der Behörde ein. Die Galeriefenster, die mehr Licht in die Räume bringen, waren dagegen umstritten.
Blickfang: schwarze Treppe
Die Architektin vertritt eine pragmatische Haltung: „So ein Dach muss ohnehin alle 50 Jahre erneuert werden - warum nicht mit einer gut gemachten Glasfläche?“ Durch das Oberlicht, das dann doch genehmigt wurde, hat der Innenraum deutlich an Qualität gewonnen; doch auch nach außen wirken die Eingriffe behutsam. „An einem Denkmal zu arbeiten ist immer eine Gratwanderung zwischen Bewahren und Modernisieren“, sagt Thede.
Wie das aussehen kann, erleben die Bewohner, wenn sie das Wochenende in ihrer Freiburger Dachwohnung verbringen. „Vieles, was diesen Raum ausmacht, ist jetzt erst sichtbar geworden“, stellt Marion Kroll fest. Dazu zählen die Ziegelmauer und das Giebeldach. Ebenso die Holzbalken, die nun - freigelegt und weiß gekalkt - wie Skulpturen in der Wohnlandschaft stehen. Ein Blickfang ist auch die schwarze Treppe, die sich von der Wohnküche nach oben wendelt.
Gutes Klima
Die neu entstandenen großen Räume gliedern moderne Einbauten. So wird zum Beispiel die Küche um eine schwarze Box ergänzt, die nicht nur einen Abstellraum beherbergt, sondern auf der Seite zum Flur hin auch die Garderobe. Ein schönes Detail ist auch der Einbauschrank, der den Raum unter der einläufigen Treppe füllt, die vom Bad aus nach oben zum Schlafzimmer führt. Hier hat sich die Architektin noch eine Überraschung erlaubt und eine schmale Durchreiche eingeplant. Das sieht witzig aus, hat aber auch praktischen Nutzen, weil so Luftaustausch im Schlafraum verbessert wird.
Vom Raumklima sind die Bewohner ohnehin sehr angetan, hatten sie die alten Mansarden doch im Sommer als unerträglich heiß und im Winter als eiskalt erlebt. Zu den wesentlichen Bauaufgaben zählte die Umrüstung auf eine modernes, denkmalverträgliches Energiekonzept. Nun versorgt eine Luft-Wasser-Wärmepumpe die Heizung und liefert Warmwasser. Für die Innendämmung und den Putz wählte Anja Thede ausschließlich natürliche und regenerative Materialien. „Das Haus muss atmen können“, sagt die Planerin.
Baujahr 1905; Sanierung und Dachausbau im Jahr 2011
Bauweise Massivbau mit Holzbalkendecke
Energiekonzept Innendämmung diffusionsoffen; Luft-Wasser-Wärmepumpe
Grundfläche 223 Quadratmeter
Wohnfläche 264 Quadratmeter
Baukosten 526000 Euro
Standort Freiburg
