Was für ein Anblick. Wenn Katherina Reiß und ihr Mann Christoph Meyn am Küchentisch sitzen, sehen sie auf der gegenüberliegenden Straßenseite die Jacobikirche. Der stolze Backsteinbau scheint zum Greifen nah. Wand an Wand säumen die Häuser die schmale Straße, die dicht an der Kirche vorbeiführt - fast so wie einst im Mittelalter die Handwerkerbuden. Auch von der Wohnzimmercouch und ihrem Schlafzimmer aus genießt das Ehepaar den freien Blick auf Jacobi und die großen Fenster der Kulturkirche. An Abenden, an denen in ihrem Inneren die Lichter brennen, kann die Familie sogar durch den mächtigen Sakralbau hindurchsehen. „Das ist wirklich ein ganz besonders schönes Panorama“, schwärmt Katherina Reiß.
Nicht zuletzt diese Aussicht war es, die die beiden am Ende von der Qualität des Grundstücks überzeugte, das durchaus einige Tücken aufweist. Zwar war der Standort an sich perfekt, denn die Familie, die damals schon in der Innenstadt von Stralsund zur Miete wohnte, wollte unbedingt in die Altstadt ziehen, weil Kinder und Eltern von dort aus Kindergarten, Schule und Arbeitsplätze bequem zu Fuß erreichen. Außerdem ist der Hafen ganz nah. Von Osten, Süden und Westen her aber begrenzen mehrgeschossige Nachbarbauten das 150 Quadratmeter große Grundstück, das wie eine kleine Tasche zwischen den Bestandsgebäuden liegt. „Die zentrale Frage lautete daher, wie fängt man hier möglichst viel Tageslicht ein“, sagt Meyn.
Ausreichend Wohnraum für die vierköpfige Familie
Der Architekt wusste um die Gestaltungssatzung der Altstadtinsel, die klare Vorgaben für neue Häuser macht. Schließlich trägt Stralsund den Titel Weltkulturerbe. Neubauten sollen sich einfügen und prinzipiell ein Satteldach tragen. Für das Grundstück, das die Bauherren Meyn und Reiß erworben hatten, galt zudem, dass auch nach einer Bebauung sichtbar sein müsse, dass das Baufeld ursprünglich aus zwei Parzellen bestand. Die Kleinteiligkeit der alten Budenstraße soll weiter ablesbar sein.
Die Aufgaben hießen also: ausreichend Wohnraum für die vierköpfige Familie schaffen; die Frage der Belichtung lösen; auf den historischen Kontext Rücksicht nehmen, ohne sich anzubiedern - und energetisch das Maximum aus einem Haus herausholen, dessen Lage alles andere ideal ist, um die Wärme und Energie der Sonne zu nutzen. Weil Christoph Meyns Weg ihn auch in der Vergangenheit schon oft und zu allen möglichen Tages- und Jahreszeiten an dem lange brachliegenden Grundstück vorbeigeführt hatte, hatte er reichlich Gelegenheit, die Lichtverhältnisse vor Ort zu studieren und die Umgebung auf sich wirken zu lassen.
“Die Kubatur war dann eigentlich schnell klar“, sagt der 39 Jahre alte Planer im Rückblick. Die Form musste möglichst kompakt sein, das Haus sich zur einzigen unverbauten Seite, der Straße, hin öffnen, um von dort so viel Tageslicht wie möglich in die Innenräume zu lassen. Dass der moderne Bau in der Nachbarschaft nicht wie ein Störenfried wirkt, liegt daran, dass das Haus sich viel stärker an seine Umgebung anpasst, als es zunächst vielleicht den Anschein hat.
Kleiner Grundriss - Offene Lösung
Bezieht man nämlich Haus und Hof des Nachbarn im Westen mit in den Blick ein, so fällt auf, dass Meyns Entwurf das Fachwerkanwesen des Nachbarn spiegelt. In beiden Fällen gibt es ein Haupthaus, bei beiden einen zurückgesetzten Anbau, vor dem jeweils ein Hof liegt, dessen großes Tor ihn vor den Blicken der Passanten verbirgt. Nicht zuletzt dieser Lösungsvorschlag mag auch den einberufenen Beirat bewogen haben, dem Vorhaben zuzustimmen, das mit seinem Flachdach und dem provokanten Eckfenster von den Vorgaben der Gestaltungssatzung abweicht. Die Stadt wolle ihr Erbe bewahren, aber sich zugleich auch weiterentwickeln, sagt Meyn.
Insgesamt 150 Quadratmeter Wohnfläche sind durch den Neubau entstanden, von denen die Familie 125 für sich nutzt. Der Löwenanteil liegt im Haupthaus, das auf einer Grundfläche von nur 65 Quadratmeter über drei Etagen in die Höhe wächst. Im Erdgeschoss, direkt von der Straße aus separat zu erreichen, gibt es ein kleines Apartment, das die vielen Gäste der Familie nutzen. Der erste Stock ist das Zentrum des Hauses. Hier befinden sich ein Kinderzimmer, das Wohnzimmer und die Küche. Sie liegt in dem zurückgesetzten Anbau, der an das Nachbarhaus im Westen grenzt und durch den der Wohnraum großzügig erweitert wird.
“Offene oder geschlossene Küche - das war bei der Gestaltung die Gretchenfrage“, erzählt Katherina Reiß. Doch angesichts des relativ kleinen Grundrisses des Haupthauses fiel die Entscheidung dann doch schnell zugunsten der offenen Lösung.
Kein Passiv-, aber ein Niedrigenergiehaus
Da der Anbau ein Stück höher gelegen ist, ergibt sich ohnehin eine leichte räumliche Trennung. Zudem sorgt ein Raumteiler in Gestalt eines Tresens zwischen Küche und Flur nicht nur für einen Sichtschutz, sondern bietet auch nötigen Stauraum. Wie die anderen Einbaumöbel auch - besonders schön ist das über Eck gehende Regal zwischen Wohnzimmer und Küche - ist der Tresen in Weiß gehalten - mit dunklen Kanten. Meyn hat dafür wie auch für den Fußboden des Wohnzimmers und die Treppe Eichenholz gewählt. Die von einem Tischler gefertigte Treppe ist das Herz des Hauses, und bringt zusätzliche Offenheit ins Haus.
Dass die Räume nicht auskühlen, liegt an der dichten Gebäudehülle. Die Wände des massiven Mauerwerks sind mehr als 50 Zentimeter dick. Dadurch kommt das Haus ohne Styropordämmplatten aus. Es sei ihm wichtig gewesen, möglichst einfach zu bauen, sagt der Planer, damit das Haus weniger schadensanfällig sei. Christoph Meyn hat das Haus als Niedrigenergiehaus geplant, dessen Konstruktion der eines Passivhauses gleicht. Dass dieser Standard nicht erreicht wird, liegt, wie erwähnt, an der Ausrichtung. „Das Problem hat man in Altstädten häufig“, gibt er zu bedenken. Warmes Wasser und, wenn nötig, zusätzliche Wärme liefert der Holzscheitofen im Wohnzimmer. Jetzt, in den kalten Tagen, laufe der Ofen zwei bis drei Stunden am Tag. Wärme, die nicht sofort benötigt wird, kann gespeichert werden.
Die massive Bauweise erwies sich auf schlechten Baugrund in der Stralsunder Altstadt als schwierig. Meyn kennt das Problem: „Das ist hier Standard.“ Um den Bau zu gründen, mussten zunächst 28 kleine Pfähle zehn Meter tief im Boden versenkt werden. „Es ist, als ob das Gebäude auf einem Nadelkissen sitzt“, beschreibt der Architekt die Konstruktion. Diese Maßnahme hat das Vorhaben etwa 3 Prozent teurer gemacht.
Auch insofern ist es vorteilhaft, dass die versiegelte Grundfläche mit 65 Quadratmetern eher klein ist. Zudem bleibt so Raum für einen kleinen Innenhof, dessen durch den Anbau überdachter Teil von der Familie als Stellplatz für das Auto, die Fahrräder sowie als Lagerfläche für das Scheitholz genutzt wird. Für einen Garten ist auf dem Grundstück kein Platz. Dafür gibt es im ersten Stock nach Süden hin eine kleine, geschützte Terrasse.
Für Katherina Reiß als Landschaftsarchitektin bleibt da nicht viel Gestaltungsspielraum. „Man kann halt nicht alles haben“, sagt sie und scherzt, dass sie sich ja an den wenigen freien Flächen Richtung Nordwesten abarbeiten könne. „Die kriege ich schon klar.“
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Das Haus kurz und knapp
- Baujahr 2011
- Bauweise Massivhaus
- Energiekonzept KfW 40 Standard; kompakte Bauform, hohe Dämmung, Lüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung, Scheitholzofen und Solarkollektoren
- Grundfläche 65 Quadratmeter
- Wohnfläche 150 Quadratmeter
- Baukosten ohne Grundstück 260 000 Euro
- Standort Stralsund
Auf Sand gebaut - und doch abgesahnt.
Architekt Hutter (archhutt)
- 28.12.2012, 14:24 Uhr
Danke, Herrr Wolf für die Hintergrundinformation !
Dirk Lehmann (DkLehmann)
- 28.12.2012, 13:07 Uhr
Ungenügend recherchiert,
Horst Wolff (howol)
- 28.12.2012, 09:32 Uhr
Bauherrenhelden bauen Heldenwelten mit Architektenhelden
Sigi Krämer (kollege)
- 27.12.2012, 15:41 Uhr
Gelungen!
Günter Weber (GWeberBV)
- 27.12.2012, 13:20 Uhr