Auf die Idee mit der Quitte kommt man erst später. Wer die steile Straße am Ortsrand von Bad Endorf im Chiemgau hinaufläuft, dem fällt das Haus mit der hellen Lärchenholzschalung zunächst seines Flachdachs und seiner freundlichen Rundungen wegen auf. Die Häuser zur Linken und zur Rechten zeigen klare Kante, strecken sich mit ihren Satteldächern dem satten Blau des bayerischen Himmels entgegen und sind zugleich doch tief in der Erde gegründet. Dagegen wirkt das kleine kellerlose Haus von Helga Maria Finsterwalder und Ernst Lichtnecker mit seinen fließenden Formen wie hingegossen zwischen all den Blumen, Gräsern und Obststräuchern. Für den Bau ist kaum Erde bewegt worden, trotz der leichten Hanglage. Stattdessen gleichen im Innern des Hauses vier Stufen den Höhenunterschied aus.
Sie hätten unbedingt ein Haus gewollt, das sich gut in die Umgebung integriert, erzählen die Bauherren. Was auch immer das damals für sie bedeutet haben mag - ein Haus wie dieses, in dem sich alles rundet, hatten sich die beiden beim besten Willen nicht vorstellen können. „Das ist doch sehr weit weg von dem, was man so kennt“, gesteht Helga Maria Finsterwalder. Die Frage, wie man in einem solchen Haus Möbel stellen soll, bereitete ihr ziemliches Kopfzerbrechen.
Ungewöhnliche Mischform
Lange hat sie sich gesorgt, ob so ein Vorhaben auch wirklich das Richtige für sie sei. Mittlerweile weiß sie es. Seit einem guten Dreivierteljahr lebt das Ehepaar nun in dem in Holzständerbauweise errichteten Haus, das bei näherer Betrachtung tatsächlich an eine Quitte erinnert. Das liegt nicht nur an der äußeren Gestalt, sondern auch am Innenleben des Hauses, das gleich der Frucht eine Art Kerngehäuse besitzt. Der Architekt Rudolf Finsterwalder hat in seinem Entwurf keinen Standardgrundriss geliefert: Das Haus, dass er für seine Eltern geplant hat, bietet auf 132 Quadratmeter Grundfläche eine ziemlich ungewöhnliche Mischform zwischen offenem Wohnen und klar voneinander abgegrenzten Räumen.
So umgibt ein einziger großer Raum den Kern, in dem die Speisekammer, ein kleiner Abstellraum, das Gäste-WC, aber auch ein Ruheplatz am großen Kachelofen angesiedelt sind. Rund um dieses Zentrum reihen sich vom Eingang aus Arbeitszimmer, Diele, Wohnzimmer, Essecke und die Küche. Alles geht fließend ineinander über. Durch die unterschiedlichen Rundungen wie auch durch die bodentiefen Fenster ergeben sich aber immer neue Raumbilder, die den Garten miteinschließen. Nur zwei Räume liegen separat: das kleine Gästezimmer und das Schlafzimmer, das sich, durch eine Schiebetür verborgen, gleich hinter der Küche befindet. Von dort aus gelangt man direkt ins Badezimmer.
Schwierige Bauplatzsuche
Es hat eine Weile gedauert, bis das Ehepaar den unkonventionellen Vorschlägen des Sohns folgte. „Unsere Vorstellungen haben nicht immer harmoniert“, räumen die drei freimütig ein. Als die Eltern sich mit fast siebzig Jahren entschieden, das Abenteuer Hausbau doch einmal in ihrem Leben zu wagen, gingen sie mit einer eigentümlichen Mischung aus Kindheitsträumen und Pragmatismus an die Sache heran. Helga Maria hatte es als Mädchen geliebt, sich im Garten ihres Elternhauses ein Phantasiereich zu bauen. Nun träumte sie von einem kleinen Haus, das wie eine schützende Höhle oder Burg sein sollte. In gewachsener Umgebung sollte es stehen, gut angebunden und für ein Leben im Alter geeignet sein. Auch möglichst natürliche Baumaterialien waren den beiden Chiemgauern wichtig.
Die Bauplatzsuche erwies sich jedoch als schwierig. Fast wollten sie schon aufgeben, als ihnen dann doch ein passendes Grundstück angeboten wurde. Ihr heutiger Nachbar verkaufte ihnen 670 Quadratmeter seines Gartens - eine Wiese voller Blumen, Sträucher und mit einem prächtigen Blutahornbaum. „Das war so wunderschön, dass klar war, wir wollen so viel wie möglich davon erhalten“, sagt Ernst Lichtnecker.
„Du fühlst dich umfangen“
Mit einem Architekten in der Familie erübrigte sich für das Ehepaar die Suche nach einem Planer. Wie sehr Rudolf Finsterwalders Idee einer organischen Architektur ihnen entgegenkommen sollte, war den Eltern damals jedoch nicht bewusst. Der Architekt und Herausgeber des Buchs „Form Follows Nature“ steht für einen ganzheitlichen Planungsansatz. Dabei geht es, verkürzt gesagt, nicht darum, einfach nur Formen der Natur nachzubilden. Denn der Stil steht gerade nicht im Vordergrund. Vielmehr lassen sich Planer wie er von der Natur inspirieren. „Eine organische Konstruktion versucht zum Beispiel die entstehenden Lasten fließend abzutragen, wie es Konstruktionen in der Natur auch tun“, erläutert der Architekt. „So kann nicht nur mit einem Minimum an Material gebaut werden, sondern es entstehen auch fließende Formen, die ihre innere Logik zeigen und damit auch ,schön’ sind.“
Für seine Eltern hat er auf diese Weise ein Haus entworfen, das sowohl deren Naturverbundenheit entgegenkommt als auch durch seine organische Form jene räumliche Geborgenheit spendet, die Helga Maria Finsterwalder sich als Kind in ihrem Phantasiereich erträumte. „Du machst die Tür auf, und du fühlst dich umfangen“, schwärmt auch ihr Mann.
Stulpschalung macht die Rundungen mit
Ohne Übertreibung kann man sagen, dass das „Mutterhaus“, so der Projektname, ein sinnliches Erlebnis ist. Dafür sorgt allein schon der Duft, den die Hölzer im Inneren verströmen: Der Boden ist aus Esche, die Innenwände, teilweise Sichtholz, sind aus Fichte. Die massive Decke aus Dickholz sollte ursprünglich ganz verkleidet werden, da sie die Elektrik birgt. Doch dann entschied man sich, auch hier nicht ganz auf die Holzoptik zu verzichten. So kam es zu den kreisförmigen Ausschnitten in der Zimmerdecke. Auch die Einbaumöbel und die große Küche sind aus Holz.
Die Innenwände bezeichnet der Planer als das „Rückgrat“ des Hauses. „Sie tragen das Dach und erlauben der nichttragenden Fassade ihr organisches Eigenleben.“ Dass die Lärchenbretter so perfekt auf den Rundungen sitzten, verdankt sich der vertikalen Stulpschalung, die eigens für dieses Vorhaben entwickelt wurde.
Obwohl nicht als Passivhaus geplant, kommen die Bewohner ohne Heizung aus. Die Gebäudehülle ist hochgedämmt. Und die großen Fenster an der Südseite bescheren den Bewohnern nicht nur einen herrlichen Blick in den Garten bis hin zu den Gipfeln des Karwendelgebirges, sondern fangen auch reichlich Sonnenlicht ein. Vor allem aber sorgt der große Kachelofen zur Winterzeit im ganzen Haus für Wärme. „Die strömt sogar noch bis ins Badezimmer“, berichtet der Hausherr. Zwar gibt es im Haus auch drei Elektroheizkörper, doch die hätten sie so gut wie nie angeschaltet. „Das ist eher zur Sicherheit, als Frostschutz, wenn wir im Winter doch mal länger verreist sein sollten.“
Damit ist allerdings kaum zu rechnen. Denn Helga Maria Finsterwalder gefällt es in ihrem neuen Haus so gut: „Was soll ich da woanders?“
- Baujahr 2011
- Bauweise Holzständerbau
- Energiekonzept hochgedämmt; Südausrichtung; Kachelofen, der das ganze Haus beheizt; Solarkollektor für Warmwasser
- Grundfläche 132 Quadratmeter
- Wohnfläche 113 Quadratmeter
- Baukosten ohne Grundstück 315 000 Euro
- Standort Bad Endorf