Wie verblüffend samtig die graue Fassade des schmalen Häuschens im warmen Sonnenlicht wirkt. Alles andere als kalt, hart, abweisend. Der Anblick, den der Bungalow des Architekten Jörg Reith am Rande des Neubaugebiets der Gemeinde Hilgert bietet, ist eine echte Überraschung. Nicht nur, weil er so unaufgeregt anders daherkommt als die anderen Häuser auf diesem Hügel des Westerwalds. Die sind allesamt groß, ausladend, raumgreifend. Möchtegern-Platzhirsche, die mit ihren mächtigen Gauben und Säulen um Aufmerksamkeit buhlen. Wo das nicht genügt, wird - stets eine Spur zu dick - Toscana-Orange aufgetragen. Der wahre Exot dagegen belegt ein Randplätzchen, bescheidet sich mit einer sanften Dachneigung und hat trotz seiner ungewöhnlichen Ummantelung aus Aluminiumblech so gar nichts Effektheischendes.
Blechbüxx nennt Reith liebevoll sein Zuhause in Anspielung auf die ungewöhnliche Fassade, die das Gebäude keinem exzentrischen Einfall des Planers verdankt. Vielmehr ist das Alu-Kleid der Versuch, die Räume im Innern vor möglichen Strahlen der Starkstromleitung abzuschirmen, die in unmittelbarer Nähe am Grundstück vorbeiführt.
Dem herrlichen, unverbauten Panorama erlegen
Denn als der Planer das 690 Quadratmeter große Grundstück am Feldrand von Hilgert als möglichen Bauplatz für sein neues Haus ins Auge fasste, sah er sich mit drei Tatsachen konfrontiert. Erstens: einem phantastischen Ausblick Richtung Nordwesten über Felder und Wipfel des Westerwalds. Ungünstigerweise aber ist diese Himmelsrichtung eigentlich nicht die erste Wahl, wenn es darum geht, Terrasse und Wohnräume anzusiedeln. Zweitens: einer sehr schmalen Baufläche. Drittens: einer 110-Kilovolt-Überlandleitung in unmittelbarer Nachbarschaft.
Die ersten beiden Punkte betrachtete Reith als reizvolle Herausforderung. „Mit den Gegebenheiten nicht nur notgedrungen irgendwie fertig zu werden, sondern auszuprobieren, was an einem speziellen Ort geht, ist ja gerade das Schöne an meinem Beruf“, beschreibt der 44 Jahre alte Architekt seine Haltung.
Unsicherer war er indes, was die möglichen Auswirkungen der Starkstromleitung angeht. „Welche Langzeitfolgen Strahlen für die Gesundheit haben, kann ja niemand verbindlich sagen“, schildert er seine Bedenken. Gerade diese Unsicherheit war ihm letztlich jedoch Ansporn, eine Lösung dafür zu suchen, wie man die Strahlenbelastung in Wohnräumen deutlich verringern kann. Zudem war der Bauherr längst dem herrlichen, unverbauten Panorama erlegen, das sich von der Höhe aus bietet. „Das hat dann die für einen Neubau eigentlich ungünstige Himmelsrichtung einfach getoppt“, schwärmt er.
Ein kleines Haus, perfekt für Singles oder Paare
Nach einigen Überlegungen kam er, unterstützt von seinen Architekten-Kollegen der FGS GmbH, auf die Idee mit der Aluminiumfassade. Wenn die Hülle eines Automobils wie ein Faradayscher Käfig wirkt, wieso sollte etwas Ähnliches bei einem Haus nicht möglich sein? Also entwarf er ein von Metall ummanteltes Holzhaus. Wie die Fertighausunternehmen auch fertigte ein lokaler Holzbauer die Wandelemente, die die Arbeiter dann vor Ort innerhalb von zwei Tagen zusammengesetzt haben. Diese hochgedämmten Wände sind außen beplankt, also mit Holzlatten versehen, damit sie hinterlüftet werden. Dann erst folgt das Blech.
Die Blechbüxx ist schon das zweite Haus, das Reith für sich gebaut hat. Damit dürfte er, nebenbei erwähnt, unter seinen Berufskollegen eher zu den Ausnahmen zählen. Das erste Haus hatte er nach der Trennung seiner damaligen Frau überlassen; er selbst kam vorübergehend in einer Mietwohnung unter. „Mit Laminatboden - das war für mich schwer erträglich“, räumt der Design-Fan ein. Drei Jahre sollte die Übergangszeit dauern. Eines Tages hörte er dann von dem Grundstück in Hilgert - und ergriff die Chance.
Um die Erfahrung reicher, dass sich mit veränderten Liebesbeziehungen auch die Wohnverhältnisse ändern können, hat Reith sich diesmal ein kleines Haus gebaut - perfekt für Singles oder Paare - und „nicht unbedingt mein letzter Wohnsitz“. Auf 87 Quadratmeter Wohnfläche sind Küche, Esszimmer, Schlaf- und Wohnzimmer, Bad und WC untergebracht. Dazu kommt ein großer Nutzraum, der als Kellerersatz dient und in dem auch die Haustechnik Platz findet. Zudem bieten die bis unter die Decke reichenden weißen Einbauschränke in Flur und Küche zusätzlichen Stauraum.
Kein Kompromiss beim Fußboden
Dass das Gebäude weder in die Tiefe noch in die Höhe strebt, hat mehrere Gründe. Zum einen finanzielle. Sowohl ein Keller als auch ein weiteres Geschoss hätten die Baukosten deutlich in die Höhe getrieben. Zum anderen auch baurechtliche. Durch die unmittelbare Nähe zur Stromleitung darf das Haus eine bestimmte Höhe nicht überschreiten, da Sicherheitsabstände eingehalten werden müssen. Im Fall der Blechbüxx oblag es nicht nur der zuständigen Baubehörde, die Pläne abzusegnen, sondern auch dem Stromkonzern. Aus den Vorschriften ergab sich ein sehr begrenztes Baufeld. Das Haus ist an der schmalsten Stelle nur sechs Meter tief, streckt sich dafür aber auf fast 20 Metern in die Länge.
Als langweiligen Schlauch darf man sich das Gebäude allerdings nicht vorstellen. Das liegt unter anderem auch daran, dass die Blechbüxx kein Haus mit Flachdach ist, was sich in ihrem Fall als unvorteilhaft erweisen würde. Dagegen besitzt sie ein leicht geneigtes Satteldach, was ihr bestens steht. Und während die schmalen Fensterbänder zur Straße hin dem Haus eine ruhige, fast gediegene Ausstrahlung bescheren, geht es Richtung Feld nicht nur der großen Fenster wegen deutlich lebendiger zu: Dort an der Nordwestseite der Fassade hat der Planer dank geschickt gesetzter Einschnitte und Vorsprünge Monotonie vermieden. Das jedoch hat seinen Preis. Durch die Einschnitte besitzt das Haus vergleichsweise viel Außenhaut im Verhältnis zur Wohnfläche, was die Kosten je Quadratmeter erhöht und der Energiebilanz schadet.
Reith hat das in Kauf genommen und lieber an anderer Stelle Abstriche gemacht. So nahm er zum Beispiel von der Idee Abstand, den Innenraum als Kontrast zur Metallfassade komplett aus Holz zu bauen. „Das hätte den Bau um bis zu 25.000 Euro verteuert“, schätzt er. Keinen Kompromiss hat er hingegen beim Fußboden gemacht: Dafür wählte er massive Eichendielen. Fenster- und Türrahmen sowie die beiden Außenterrassen sind aus Lärchenholz.
„Ohne Tor – das wäre mir dann doch zu offen“
Schon während seines Architekturstudiums hatte der Westerwälder von einem Atriumhaus geträumt. Als sein eigener Architekt variierte er nun das Thema, den örtlichen Gegebenheiten entsprechend. Betrachtet man den Grundriss des Hauses, so gleicht dieser einem umgedrehten F. So gesehen, liegt das Atrium zwischen den beiden Querbalken, in deren größerem sich das Esszimmer befindet, während im kleineren das Schlafzimmer untergebracht ist. Beide Zimmer wie auch der verbindende Flur öffnen sich zum Innenhof hin mit großen Fenstern beziehungsweise Schiebetüren. Zum Feld hin lässt sich das Atrium mittels einer Holztür gegen fremde Blicke abschirmen oder über die ganze Länge öffnen; je nach Bedarf, Stimmung und Tageszeit.
Reith hat sich eine sehr offene Bauweise im Innern wie auch nach außen gewünscht. Durch die großen Fenster, die das Atrium umgeben, sind innerhalb des Gebäudes viele Blickbeziehungen möglich. Das sorgt nicht nur dafür, dass die Räume alle schön hell sind, sondern auch, dass sie größer wirken. Abends ist es dem Bewohner allerdings ganz angenehm, dass er den Hof schließen kann. „Ohne Tor – das wäre mir dann doch zu offen“, schränkt er ein.
Auch im Innern ist die Balance zwischen fließenden Übergängen und geschützten Zonen gewahrt. Besonders gut ist dies für Küche und Esszimmer gelungen, die eigentlich in einem einzigen Raum liegen. Nur durch einen großen Kamin getrennt, wirken beide Hälften doch sehr unterschiedlich. Während die geräumige Küche klar und übersichtlich gehalten ist, bietet das Esszimmer in einer Ecke neben dem Kamin einen gemütlichen Leseplatz.
Überhaupt besticht die Blechbüxx in ihrem Innern durch eine ausgesprochen behagliche Atmosphäre. Und was ihren Alu-Schutzanzug angeht, ist Reiths Idee offenbar aufgegangen: Ein in Strahlenfragen versierter Professor hat nachgemessen und kam zu dem Ergebnis, dass die empfohlenen Grenzwerte deutlich unterschritten werden. Als Architekt freut sich Reith, dass seine Überlegungen richtig waren. Als Bewohner nimmt er dafür gern in Kauf, dass der Handy-Empfang zu Hause schlecht ist.
- Baujahr 2011
- Bauweise Holzständerbau mit Metallummantelung aus Aluminiumblech
- Energiekonzept gedämmt und mit Dreischeibenglas; Gasanschluss
- Grundfläche 140 Quadratmeter
- Wohnfläche 87Quadratmeter
- Baukosten ohne Grundstück 190.000 Euro
- Standort Hilgert
