Am Ortsrand der Gemeinde Glatten steht seit kurzem ein Haus, das Schwarzwaldarchitektur von ihrer besten Seite zeigt: traditionsbewusst, doch zeitgemäß; wohnlich-einladend, aber bar jedes schwülstigen Kuckucksuhren-Kitsches. Es ist ein schlichtes Satteldachhaus mit Lärchenverschalung und ohne Dachüberstand, damit das Holz über die Jahre einen gleichmäßigen Grauton annehmen kann. Nicht von ungefähr erinnert es an die kleinen Hütten, die überall in der Gegend auf den Wiesen stehen und in denen die Bauern ihr Heu lagern.
Besonders auffällig sind die quadratischen Fenster des Neubaus. Vor allem zur Westseite hin scheinen sie geradezu über die Fassade springen zu wollen und die Geschosshöhen aufzulösen. Von innen ermöglichen sie weite Blicke auf die umliegenden Tannenwaldhügel – und in den Himmel. Die typischen Schwarzwald-Fensterläden in Grün verleihen dem Baukörper etwas Spielerisches.
„Es fühlt sich gut an“
„Wir wollten ein Haus mit Ausstrahlung. Ein besonderes Haus, das aber zur Region passt, aus möglichst natürlichen Baustoffen gebaut. Das haben wir jetzt“ resümiert Bauherr Stefan Kopf. Er, seine Frau Jessica und der drei Monate alte Sohn Noah wohnen erst seit Ostern in ihrem neuen Zuhause. Die Kisten sind noch längst nicht alle ausgepackt. Lampen fehlen, und im Untergeschoss des am Hang gelegenen Gebäudes sind noch nicht alle Räume fertig, von der Anlage des mehr als 1000 Quadratmeter großen Grundstücks ganz zu schweigen. Balkon und Terrasse harren ihrer Befestigung.
Eine Baustelle ist das Haus in Küche, Ess-, Wohnzimmer, Bad und Schlafzimmer aber mitnichten. Die junge Familie hat ihr neues Domizil schon geprägt, auch weil sie sich mit dem Neugeborenen momentan in der häuslichen Phase befindet. So haben die Bewohner binnen weniger Wochen auch das Raumklima sowohl an hochsommerlichen wie an regnerisch kühlen Tagen kennengelernt. „Es fühlt sich gut an“, sagen die beiden.
Als besonders angenehm empfinden sie, dass die Luft nie abgestanden riecht, auch wenn die Fenster über einen längeren Zeitraum geschlossen bleiben. Das liegt teilweise an den überdurchschnittlich hohen Räumen, die sich durch die Galerie, aber auch das steile Satteldach ergeben. Vor allem aber sehen die Kopfs in den atmungsaktiven Baustoffen die Ursache für die insgesamt gute Raumluft.
Das Gebäude besteht weitgehend aus natürlichen Materialien wie Holz, Lehm und Zellulose als Dämmstoff. Vor allem der Lehm trägt maßgeblich zur guten Raumluft bei. Der Baustoff ist für seine Fähigkeit bekannt, Feuchtigkeit aufzunehmen und wieder abzugeben. Dadurch ist die Luft nie zu trocken – oder zu feucht.
Aus ungebrannten Lehmziegeln gemauert
Dass das im Haus der Kopfs so gut funktioniert, liegt nicht nur am Lehmputz auf den Innenwänden. Vielmehr verfügt der von Partnerundpartner Architekten entworfene schlichte Holzständerbau im Zentrum über einen Lehmkern, der vom Untergeschoss bis zur Decke der oberen Etage durchgezogen ist. Er ist aus ungebrannten Lehmziegeln gemauert, die für die notwendige Wärmespeichermasse des Leichtbaus sorgen.
In dem Kern haben die Planer den Kaminofen, die Treppe und die Versorgungsleitungen untergebracht. So ist er für die Organisation des Wohnhauses von zentraler Bedeutung und prägt gleichzeitig fast jeden Raum – in Anlehnung an den Kachelofen in den historischen Schwarzwaldhäusern. Der Kaminofen selbst gibt übrigens zu 50 Prozent Strahlungswärme an den Innenraum ab. Die Restwärme fließt der Warmwasseraufbereitung für die Fußbodenheizung zu.
Mit Lehm zu bauen, daran hätten sie am Anfang gar nicht gedacht, erzählen die Kopfs. Sie wollten ein Holzhaus – ohne besonderen technischen Aufwand. Eine Lüftungsanlage kam für sie nicht in Frage. Deshalb schlugen Jörg Finkbeiner und Klaus Günter von Planerundplaner Architekten den Einsatz von Lehm vor.
Ein Zimmermann aus der Gegend hatte das Ehepaar auf das Architektenbüro aufmerksam gemacht. Günter und Finkbeiner kommen ebenfalls aus dem Nordschwarzwald und haben ein Faible dafür, mit regionalen Potentialen zu spielen. Diese Einstellung gefiel Stefan und Jessica Kopf. Als die beiden dann die Internetseite der Planer studierten, begeisterten sie auch die Projekte. Angesichts des Wirkungskreises des Büros kamen aber plötzlich Zweifel, ob sie hier an der richtigen Adresse waren. „Bauten in Barcelona, Berlin und der Entwurf für ein Baumhaushotel in Baiersbronn - das hat uns so beeindruckt, dass wir dachten, unser bescheidenes Häusle in Glatten bauen die uns nicht“, erinnert sich Jessica Kopf. Das Ehepaar verzichtete auf einen Anruf.
Auf das Grundstück stieß er im Internet
Der Zimmermann hatte jedoch schon Günter und Finkbeiner von den Bauwilligen erzählt. Die Planer lockte die Aussicht, wieder in ihrer Heimat tätig zu werden - mit Holz zu bauen, aber frei vom „barock speckigen Schwarzwaldstil“, wie Finkbeiner es ausdrückt. So griffen sie zum Telefonhörer.
Es folgten mehrere Treffen, viele E-Mails und etliche Telefonate, in denen Wünsche und Möglichkeiten gegeneinander gestellt wurden. Die Chemie habe auf jeden Fall sofort gestimmt, sagen beide Seiten. Die Bauherren sind zum Beispiel froh darüber, dass die Architekten ihnen auch die Grenzen aufzeigten. Stefan Kopf etwa hatte sich immer eine gerade Treppe vorgestellt. Doch die hätte ein viel größeres Haus erfordert.
Finkbeiner und Günter bremsten die Familie auch etwas beim Thema Eigenleistung. „Da muss man die Bauherren schützen, sonst übernehmen sie sich gesundheitlich und verspielen im Schadensfall die Gewährleistungspflicht“, erklärt Finkbeiner. An die 30.000 Euro hätten seine Auftraggeber etwa durch eigenen Einsatz auf der Baustelle eingebracht, schätzt er. „Das ist schon enorm“. Die „Schlagkraft“ des Bauherren habe ihn sehr beeindruckt, gesteht der Architekt. Mit Hilfe von Freunden und Familienangehörigen mauerte er mit und deckte das Dach.
Die anfängliche Unsicherheit und Furcht, dass das Bauen mit einem eigenen Architekten grundsätzlich eine unsichere Angelegenheit sei, schwand bei Stefan Kopf bald. Ursprünglich hatten er und seine Frau sich nach einer Bestandsimmobilie umgesehen.
„Hier hat ja jeder irgendwann ein eigenes Haus - die grundsätzliche Frage Mietwohnung oder Eigenheim hat sich gar nicht gestellt“, beschreibt der Programmierer seine grundsätzliche Haltung zum Immobilienkauf. Auf das Grundstück in Glatten stieß er im Internet. Der Ort sagte dem Paar sofort zu. Zwar kommen sie selbst aus anderen Gemeinden, haben aber schon seit längerem Freunde in ihrem neuen Wohnort. Zunächst erwogen die Kopfs, ein Fertighaus zu bauen. Nach einigen Informationsterminen überzeugte sie sogar ein Hersteller. Allerdings war dessen Angebot für die Bauherren zu teuer.
Nicht wirklich befriedigend: die Lösung für das Heizsystem
Beide haben weder beruflich mit Architektur zu tun, noch hegen sie privat ein ausgeprägtes Interesse für diese Disziplin. „Doch für uns war schnell klar, dass man mit diesen Bauherren gestalterisch etwas erreichen kann“, blickt Architekt Finkbeiner zurück. Jessica und Stefan Kopf bewiesen nicht nur ein gutes Gespür bei ihren Anforderungen und Bedürfnissen. Sie zeigten sich auch aufgeschlossen für die Entwürfe der Architekten, ohne alles abzunicken. Neben dem Wunsch nach einem Haus aus natürlichen Baustoffen wollte das Paar unter anderem zwei Kinderzimmer für die möglicherweise noch wachsende Familie, eine Etage für die Eltern und eine zentrale Wohnküche.
All diese Wünsche konnten erfüllt werden. Küche und Essbereich dominieren das mittlere Stockwerk, in dem auch der Eingang von der Straßenseite her liegt. Zudem ist hier eine Wohnzimmerecke untergebracht - die sich bescheiden auf wenigen Quadratmetern an Küche und Essplatz anschließt. „Eine weitläufige Wohnlandschaft war uns bei weitem nicht so wichtig, weil wir uns gerade auch mit Besuch immer in der Küche und am großen Esstisch aufhalten“, erläutert Jessica Kopf.
Durch die Galerie, auf der sich ein kleines Büro befindet, öffnet sich der Raum zur oberen Etage hin, wo neben dem Schlafzimmer mit begehbarem Kleiderschrank ein Bad und ein kleines Zimmer liegen, das Baby Noah zunächst als Kinderzimmer dienen soll. Die Bewohner schätzen diese Offenheit. „So sind wir in Kontakt, auch wenn wir uns auf unterschiedlichen Stockwerken aufhalten“, haben sie erfahren.
Nicht wirklich befriedigend finden Kopfs die Lösung, die sie für das Heizsystem gefunden haben. Das sagen sie unumwunden. Die kleine Solaranlage auf dem Dach ergänzt die Ölheizung. Ursprünglich haben die Bauherren mit einer Wärmepumpe geliebäugelt, diese Variante aber verworfen. „Mit Strom heizen, das kann es auch nicht sein“, winkt der Hausherr ab. Überdies fielen die Anschaffungskosten ins Gewicht, die fast doppelt so hoch wie die Investition in die Ölheizung gewesen wären. Der Preis hat am Ende auch die jetzige Größe der Solaranlage bestimmt. Vielleicht werden die Hausherren sie noch ausbauen. Bisher ist allerdings nicht absehbar, dass sich das rechnet.
Das Haus kurz und knapp:
- Baujahr: 2011
- Bauweise: Holzständerbau mit hochgedämmten (Zellulose) Außenwänden und Lehmfunktion als Wärmespeichermasse
- Energiekonzept: Ölheizung, die durch einen wassergeführten Kaminofen und eine Solaranlage auf dem Dach ergänzt wird
- Grundfläche: 83 Quadratmeter
- Wohnfläche: 188 Quadratmeter
- Baukosten: ohne Grundstück 270.000 Euro inklusive Eigenleistung
- Standort: Glatten (Baden-Württemberg)