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Neue Häuser (10) Alles - nur kein Lückenbüßer

10.12.2011 ·  Für ein Stadthaus ist ein schmales Grundstück kein Hindernis: Eingekeilt zwischen den Nachbarn, kann es erst recht zeigen, was es zu bieten hat - wie der Neubau von Majbritt Paul und Lars Olaf Brüning in Lübeck.

Von Birgit Ochs
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© Henning Bode Offenes Wohnen im Erdgeschoss: Von der Küche aus haben die Bewohner den Durchblick – auch in die obere Etage. Der Platz unter der Treppe wird als Garderobe genutzt

Das Haus passt wie angegossen: zu seinen Bewohnern wie auch auf das Stückchen Bauland im Lübecker Stadtteil St. Jürgen. Auf einem nicht einmal 9 Meter breiten Restgrundstück schließt der schlanke Neubau der vierköpfigen Familie Paul-Brüning die Lücke zwischen seinen beiden schon reichlich betagten Nachbarn. Schmale Stadthäuser haben in Hansestädten durchaus Tradition. In der Riege der mehr als hundert Jahre alten Villen von St. Jürgen allerdings ist Gedrängel eher selten. Hier wahrt man Abstand, dafür sorgen schon die Gärten.

Der eingekeilte Neuling macht dennoch eine gute Figur, obwohl es keine ganz leichte Übung ist, sich in einem solchen Umfeld vorteilhaft auszunehmen. Die historischen Fassaden schmeicheln nun mal dem Auge. Während das Haus zur Linken die gelassene Eleganz einer frühen Gründerzeit verbreitet, gibt sich der Bau zur Rechten so großbürgerlich wie verspielt.

Weder anbiedernd, noch auf Distanz

Das Einfamilienhaus von Majbritt Paul und Lars Olaf Brüning biedert sich diesem Umfeld weder mittels einer historisierenden Fassade kratzfüßig an, noch hält es die Umgebung durch eine verstörende Architektursprache auf Distanz. Der Bau nach einem Entwurf des Büros MM Architekten aus Hannover tritt mit seiner klaren Form und dem Flachdach zeitgemäß auf. Er sucht zugleich aber unübersehbar in Höhe und Proportionen sowie über die Putz-Klinkerfassade den Bezug zur Nachbarschaft.

Wäre er von Anfang an in das Vorhaben eingebunden gewesen, hätte er ob des schmalen Restgrundstücks womöglich abgeraten, gesteht Martin A. Müller. Der Architekt wurde mit den Plänen von Majbritt Paul und Lars Olaf Brüning erst betraut, als die beiden das 259 Quadratmeter kleine Grundstück in der Lübecker Innenstadt längst zum Standort für ihr neues Zuhause auserkoren hatten.

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© Henning Bode Eingepasst: Der Neubau greift Elemente der Nachbarn auf

Der Makler und die Kindermoden-Designerin mit zwei kleinen Kindern waren zuvor schon eine ganze Weile in ihrem Viertel auf der Suche nach einer neuen Bleibe mit Garten gewesen. Majbritt Paul erinnert sich, dass sie im Internet auf die Anzeige stieß und diese immer wieder angeklickt habe. Aber da der Grundstücksverkauf an ein Bauträgerangebot gekoppelt sein sollte, schenkte sie der Sache zunächst keine große Beachtung.

Irgendwann sei sie dann aber doch an der Annonce hängengeblieben, erzählt sie. Die Ehepartner haben Architektur studiert, verspürten aber keinerlei Neigung, selbst zu planen, sondern ließen sich vom Bauträger einen Entwurf anfertigen und den Kostenrahmen berechnen. Was der Bauunternehmer übersah: Für das Wohngebiet besteht eine Gestaltungssatzung; das heißt, es gelten präzise baurechtliche Vorschriften.

Ein halber Meter trennt die Gebäude

Die fielen erst Martin A. Müller auf. Er und die Bauherren kennen sich aus der Studienzeit. Paul und Brüning hatten ihn gebeten, sich ihr Vorhaben einmal genauer anzusehen. Das Ergebnis: Der ursprüngliche Plan hätte sich baurechtlich gar nicht durchsetzen lassen und überdies den Kostenrahmen gesprengt. Von da an übernahm Müller den Auftrag und fing mit dem Entwurf ganz von vorne an.

„Letztlich muss man problematische Grundstückszuschnitte als Chance sehen“, sagt der Architekt, der aber auch berichtet, dass Lage und Größe des Bauplatzes dem Entwurf des Gebäudes als Niedrigenergiehaus Grenzen setzten. Das betrifft nicht allein die Gebäudehülle. Auch Solarkollektoren konnten nicht effizient eingesetzt werden, da sowohl das Nachbargebäude im Süden als auch der Baubestand für Schatten sorgen. Müller und seine Auftraggeber hatten insofern Glück, dass sich die zuständige Baubehörde gesprächsbereit und offen für das Nachverdichtungsvorhaben zeigte und den Wunsch genehmigte, mit dem Baukörper dicht an die seitlichen Grundstücksgrenzen zu rücken. Weil auch das nördliche Nachbargebäude fast auf der Grenze sitzt, trennt die beiden Häuser gerade mal ein halber Meter. Dadurch gelang es aber, für den Neubau wenigstens eine Breite von knapp 7 Metern zu verwirklichen.

Als offene Wohnlandschaft konzipiert

Der Wohnraum des Hauses erstreckt sich über zwei Etagen und ein kleines, zurückversetztes Dachgeschoss, an dessen Ost- und Westseite jeweils eine Terrasse anschließt.

Um die 160 Quadratmeter Wohnfläche sind entstanden. Im Erdgeschoss, das als offene Wohnlandschaft konzipiert ist, befinden sich Küche und Essplatz. Außerdem liegen dort das große Wohnzimmer und, abgetrennt davon, eine Kombination aus Gästebad und Hauswirtschaftsraum sowie ein kleines Arbeitszimmer. Das kann bei Bedarf auch als Gästezimmer dienen, zum Beispiel wenn Majbritt Pauls Mutter zu Besuch kommt.

„Alltagstauglichkeit geht vor Ästhetik“

Mit Rücksicht auf deren Gehbehinderung ist das Erdgeschoss barrierefrei. Überdies haben die Bewohner für die zum Garten führende Tür ein breiteres, behindertengerechtes Maß gewählt als für das Nachbarfenster. „Alltagstauglichkeit geht in so einem Fall vor Ästhetik“, sagt Brüning.

Im ersten Stock bewohnen die beiden Kinder helle, geräumige Zimmer, die sich durch eine Schiebetür zueinander öffnen lassen. Außerdem gibt es ein weiteres Bad und das Elternschlafzimmer. Das Dachgeschoss schließlich ist ein echtes Refugium: Mit der rustikalen Balkendecke und einem festen Holzeinbau, der nicht nur die Stufen zu den Terrassen integriert, sondern auch Bücherregale und Sitzplätze, verströmt der Raum Geborgenheit. „Das ist eindeutig unser Lieblingsplatz“, schwärmen die erwachsenen Bewohner.

Unerwartete Großzügigkeit

„Insgesamt hätten es wohl auch weniger Quadratmeter sein können, aber man meint immer, dass man mehr braucht“, sagt Lars Olaf Brüning, der sich persönlich für gut durchdachte Mini-Häuser begeistern kann. Der größte Luxus, den sein neues Eigenheim bietet, ist zweifelsohne der sich über alle drei Geschosse geradezu verschwenderisch erstreckende offene Treppenraum. Er prägt und gliedert das ganze Haus und integriert im Erdgeschoss zudem geschickt die Garderobe.

Architekt Müller hat ihn so geplant, dass durch die Oberlichter des Dachs und Aussparungen in den Geschossdecken das Licht bis hinunter in den Flur und die Wohnküche fällt. Diesen Effekt verstärken zusätzlich schmale, gläserne Bänder, die in der ersten Etage in den Flurboden eingelassen sind. Das erhellt das Haus, das an Nord- und Südseite ohne Fenster auskommen muss, und verleiht ihm trotz seiner schmalen Gestalt im Inneren eine unerwartete Großzügigkeit.

Wenn man die vielen Skizzen betrachtet, die Müller während der Planungsphase gezeichnet hat, bekommt man eine Ahnung davon, wie intensiv die Auseinandersetzung zwischen Architekt und Bauherren gewesen sein muss. Allein für die Fassade gab es zahlreiche Entwürfe. Aus Kostengründen fiel die Wahl dann auf die Putz-Ziegel-Kombination. „Man darf eigentlich erst aufhören, wenn alle sagen: Das ist es“, beschreibt Martin A. Müller seine grundsätzliche Erfahrung aus Gesprächen mit Bauherren.

Da Hannover weit vom Bauplatz in Lübeck entfernt ist, wurde ein Generalunternehmer verpflichtet und ein Jurist hinzugezogen. Dieser entwarf einen Vertrag, der den Bauherren die Einhaltung von Baukosten und Bauzeit sowie die architektonische Qualität garantierte.

Momentan eher verpönter Farbmix

Unzählige Fragen hatten Müller und das Ehepaar Paul-Brüning im Vorfeld besprochen. Auffällig ist, dass der Neubau in vielen Details vom gegenwärtigen Trend - wie zum Beispiel durchgängig bodentiefen Fenstern - abweicht. Auch haben weder Müller noch die Bewohner den momentan eher verpönten Material- und Farbmix gescheut: Im Erdgeschoss etwa liegt erdig-dunkles Eichenholzparkett, für die oberen Etagen wurde ein hellerer Ton gewählt. In den Bädern finden sich Fliesen aus Feinstein, die im Familienbad ein grün-schimmerndes Mosaik belebt.

In unterschiedlichen Grüntönen sind auch der untere Teil der Treppe und der Gästebad-Arbeitszimmer-Trakt gehalten. Für einen weiteren Kontrast sorgen in Erdgeschoss und erstem Stock zudem die Decken aus Sichtbeton. Tritt das Haus nach außen eher zurückhaltend auf, ist sein Inneres um so persönlicher. „Ach, aus dem Architekten-Modus sind wir völlig raus“, winkt Majbritt Paul ab. „Es geht ja nicht darum, wie man sich einzurichten hat, sondern was zu uns als Familie passt.“

Das Haus kurz und knapp

Baujahr: 2010

Bauweise: Massivbau mit Holzrahmenbau im Dachgeschoss

Energiekonzept: Sehr gute Außenwanddämmung, im Dachgeschoss Holzkonstruktion mit integrierter Dämmung plus Wärmeverbundsystem

Grundfläche: 87 Quadratmeter

Wohnfläche: 160 Quadratmeter

Baukosten: (Kostengruppe 300 und 400) 252.800 Euro

Standort: Lübeck

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Jahrgang 1966, Redakteurin für „Immobilien“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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