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Neue Häuser (1) Architekten gesucht, Nachbarn gefunden

04.07.2011 ·  Normalerweise erfahren die Architekten Kuhn und Clarke nicht, wie es sich in ihren Häusern lebt. Doch bei ihrem Projekt „L2“wurden die Planer erst Mit-Bauherren ihrer Auftraggeber - und dann Nachbarn.

Von Birgit Ochs
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„Trutzburg“ - das ist einer der vielen Kommentare, die Karin Thiele im Lauf der vergangenen neun Monate zu hören bekam. Seit September wohnen sie und Alf Poetzsch-Heffter mit den drei Kindern Jannis, Zoe und Philippa in dem markanten weißen Haus in einer ruhigen Straße in Berlin-Steglitz. In der näheren Umgebung stehen die steinernen Zeugen des 20. Jahrhunderts: großzügige Villen und Mietshäuser aus den Vorkriegsjahren, Zeilenbauten aus der Nachkriegszeit, dazwischen viel Grün. Inmitten dieser Nachbarschaft sticht der Neubau heraus - schon allein deshalb, weil er es an Höhe fast mit einem vierstöckigen Mehrfamilienhaus aufnehmen kann. Zur Straßenseite hin zeigt er sich mit nur wenigen Fenster eher verschlossen. „Trutzburg - das gefällt mir eigentlich“, sagt Karin Thiele.

Dass das Gebäude Passanten zu Reaktionen animiert, weiß auch Roland Kuhn. Manche äußern sich begeistert, manche verwundert, manche ablehnend. Die einen sprechen ihn direkt an, wenn er gerade im Vorgarten werkelt, die anderen werfen ihre Bemerkungen im Vorbeigehen hin. Normalerweise bekommt er die Wirkung seiner Häuser auf die Menschen im Umfeld persönlich gar nicht mit. Im Fall von „L2“, wie das Bauvorhaben in Steglitz im Büro Clarke und Kuhn heißt, ist das anders. Denn die von Thiele und Poetzsch-Heffter beauftragten Planer haben im Verlauf dieser Baugeschichte noch weitere Rollen übernommen: Maria Clarke und Roland Kuhn wurden erst Mit-Bauherren des Juristenehepaars, dann dessen Nachbarn.

Sie fährt nach Mitte, er nach Charlottenburg

Neun Monate nach dem Einzug in die „Trutzburg“ ist beiden Parteien immer noch eine leichte Verwunderung darüber anzumerken, dass das, was als Geschäftsbeziehung begann, nun ein auf Dauer angelegtes Verhältnis geworden ist - womöglich sogar eines auf Lebenszeit. Als Jurist dachte Alf Poetzsch-Heffter zu Beginn des Bauvorhabens professionell gleich an Rechtsstreitigkeiten, schließlich sind Zerwürfnisse zwischen Bauherren und Architekten keine Seltenheit. Daher entschieden er und seine Frau sich auch dagegen, einen der Architekten aus ihrem Freundeskreis mit dem Vorhaben zu beauftragen.

Auf das Büro Clarke und Kuhn waren sie schon vorher durch ein kleines Townhouse-Projekt in der Nähe aufmerksam geworden, welches sich aber zerschlug. Ihnen hätten der Baustil und die Herangehensweise der Planer gleich zugesagt, erzählt Karin Thiele. Sie lebten da noch in ihrer Altbau-Eigentumswohnung im benachbarten Bezirk Friedenau. Doch für die fünfköpfige Familie mit den zwei quirligen Töchtern und dem Teenager-Sohn wurde es zu eng. So suchte man ein Haus, das mehr Platz als die Wohnung bieten sollte, aber möglichst im vertrauten Kiez liegt. „Wir wollten hier bleiben“, nennt der 47-Jährige ein wesentliches Kriterium für die Suche. Die Familie ist durch die Kinder in diesem Teil Berlins sozial gut vernetzt. Zudem schätzt sie das urbane Umfeld, den guten Anschluss an den Nahverkehr. Und: Der Standort befindet sich zwischen den Arbeitsplätzen der Erwachsenen. Sie fährt nach Mitte, er nach Charlottenburg.

Eine Lebensentscheidung, kein Geschäftsmodell

Die gute Lage ihres jetzigen Grundstücks haben die Bauherren gleich erkannt. Nur knapp fünf Minuten sind es zu Fuß zum Bahnhof Steglitz. Auch das alte Haus aus den dreißiger Jahren, das damals noch stand, erschien ihnen charmant. Doch Roland Kuhn, den sie hinzuzogen, riet angesichts des schlechten Gebäudezustands von einer Sanierung ab. Ein Einfamilienhaus im Neubau auf dem etwa 1000 Quadratmeter großen Grundstück hätte den Kostenrahmen der Bauherren gesprengt. Clarke und Kuhn schlugen daher vor, die Fläche effizienter auszunutzen. Sie entwarfen ein Haus, das aus zwei eigenständigen Teilen mit dazugehörigem Grundstück besteht.

Den Auftraggebern gefiel der Entwurf an sich sehr. „Die Entscheidung, andere mit ins Boot zu nehmen, war allerdings schon ein kritischer Punkt“, erinnert sich Alf Poetzsch-Heffter. Gar nicht in Frage kam für ihn, das Vorhaben zunächst allein zu stemmen und dann die zweite Hälfte zu verkaufen - obwohl das lukrativer gewesen wäre. Aber weil es den Bauherren um eine Lebensentscheidung und nicht um ein Geschäftsmodell ging, entschlossen sie sich, nach passenden Mitstreitern zu suchen.

Die Gedanken der Bauherren waren widersprüchlich

Überraschenderweise brachten sich ihre Architekten selbst ins Spiel. Maria Clarke und Roland Kuhn lebten bis dahin im beliebten Gräfekiez in Kreuzberg - eine Gegend, die mit dem Slogan „Gerne lebenslänglich“ für sich wirbt. Tatsächlich habe er sich nie vorstellen können, dort wegzuziehen, räumt Kuhn ein. Aber auf einer längeren Autofahrt stellte sich dem Architektenpaar plötzlich doch die Frage, ob es das Abenteuer Hausbau nicht auch selbst wagen und die Altbauwohnung gegen ein Haus mit Garten eintauschen könnte.

Die Gedanken der Bauherren waren widersprüchlich: Will hier jemand auf unsere Kosten an ein günstiges Haus kommen? Aber auch: Wenn der Architekt für sich selbst baut, wird er dafür sorgen, dass die Ausführung gut ist und die Kosten im Rahmen bleiben. Am Ende überwogen Vertrauen und Sympathie. „Wir sind sehr froh über diese Entscheidung“, sagt Karin Thiele, während im gemeinsamen Garten Zoe und Philippa mit Nachbarskind Mathilda toben.

Die Bauherren haben 100 Quadratmeter mehr

So streng sich das Haus zur Straßenseite zeigt, so offen gibt sich „L2“ zum Garten hin. In der Öffentlichkeit tritt der Bau mit seiner großen geschlossenen Front angemessen städtisch auf. Rückwärtig zeigt er dagegen Raffinesse. Was von vorn wie eine Einheit wirkt, entpuppt sich von hinten als Baukörper, der aus zwei versetzt angeordneten Teilen besteht. Der Trakt der Architektenfamilie ist nach Westen ausgerichtet, das fast 100 Quadratmeter größere Zuhause der Bauherren nach Süden.

Entsprechend voneinander abgewandt liegen die Terrassen im Garten und auf dem Dach. Rückzugsräume bietet das Haus auch im Inneren: Im Keller finden sich neben dem Wirtschafts- und Heizungsraum ein Gästezimmer und eine Sauna. Im Erdgeschoss gehen Wohnraum und Küche nahtlos ineinander über. Hier begegnen sich alle Familienmitglieder.

Die Kinder residieren im ersten Stock. Dort haben die Mädchen die Zimmer zur Südseite hin bekommen. Der 16 Jahre alte Jannis wünschte sich das auf der Nordseite. Damit hat er sich, durch den langen Flur begünstigt, räumlich von den Schwestern abgesetzt. Im oberen Staffelgeschoss liegen Elternschlafzimmer und Arbeitszimmer, Ankleideraum und ein Bad. Die Kinder haben ein eigenes.

Der Eindruck von Großzügigkeit

„Im Vergleich zu unserer alten Wohnung hat sich vieles entzerrt“, beschreibt Karin Thiele einen wesentlichen Unterschied im Lebensgefühl. Im Wohnzimmer und auf der Terrasse hat sie ihre persönlichen Lieblingsorte gefunden. Zudem hat sie an sich eine ihr zuvor unbekannte Begeisterung für den Garten beobachtet. Ihr Mann hingegen hat das Arbeitszimmer zu seinem Lieblingsraum erklärt.

Aus ihrem Leben im Altbau hatten die Familie den Wunsch nach großen, hellen Räumen mitgebracht. Darauf müssen sie in „L2“ bei einer Deckenhöhe von 3 Metern nicht verzichten. Auch an Helligkeit mangelt es nicht. Nach Süden und Westen hin öffnet sich das Haus mit teilweise raumhohen Fenstern. Manchmal verlaufen die Öffnungen in der Fassade raumübergreifend. Das heißt, das Fensterelement zieht sich zum Beispiel von einem der Kinderzimmer zum Flur durch. Der Eindruck von Großzügigkeit verstärkt sich dadurch von außen noch. Im Inneren bedeutet dies aber auch, dass Räume anders geteilt oder zusammengelegt werden können. Prinzipiell sei es in den voll unterkellerten Häusern möglich Einliegerwohnungen abzutrennen, sagen die Architekten.

Das Kostenargument beim Energiekonzept

Das alles ordnende Element im Zentrum des Hauses ist die gerade Treppe mit Oberlicht. Auffällig ist, dass sich die Holz- und Schieferböden vom Keller bis zum Dach durchziehen. Die Bauherren wählten mit Industrieparkett und brasilianischem Schiefer eine vergleichsweise günstige Lösung.

Das Kostenargument wirkte auch in der Entscheidung für das Energiekonzept. Unter ökologischem Bauen verstehen Clarke und Kuhn nicht den Entwurf komplizierter High-Tech-Häuser, für die die Nutzer eine Bedienungsanleitung benötigen, um sie zu bewohnen. „Es geht nicht sklavisch um jeden Zentimeter Dämmung“, stellt Kuhn trocken fest. Sie folgen schlicht ihrem Anspruch, wonach ein Haus nie losgelöst von seiner Umgebung entstehen sollte. Das bezieht sich nicht nur auf den architektonisch-städtebaulichen Rahmen, sondern auch auf die Infrastruktur - im Fall von „L2“ den Anschluss ans Stadtgas. Um aber den Verbrauch des fossilen Brennstoffs zu verringern, ergänzt eine Thermosolaranlage das Heizsystem. „Alles andere rechnet sich nicht“, sagt Roland Kuhn. Als Baustoff wählten die Planer hochdämmenden Protonziegel, der einen monolithischen und zugleich diffusionsoffenen Wandaufbau ermöglicht. Dass heißt, der Ziegel kann Feuchtigkeit aufnehmen und nach und nach wieder abgeben.

Die Archtiekten warten auf ihre Türen

Eigentlich sei der Hausbau weitgehend reibungslos verlaufen, berichten die Erwachsenen. Nur die Kälte im vorletzten Winter erzwang einen zweimonatigen Baustopp. Die Baufamilie musste überdies mit einem langsamer als geplant trocknenden Estrich fertig werden. Die Architekten warteten nach dem Einzug noch einige Zeit auf die Zimmertüren - und brauchten unter Kollegen und Freunden für Spott nicht zu sorgen. Durch seine Doppelrolle habe er heute viel mehr Verständnis für Bauherren, sagt Roland Kuhn. Gleichzeitig weiß er, dass es nicht selbstverständlich ist, den Planern mit so viel Vertrauen zu begegnen, wie es seine neuen Nachbarn getan haben.

Karin Thiele und Alf Poetzsch-Heffter wiederum sind froh, dass ihre Architekten zu Mit-Bauherren geworden sind. Sonst, so meinen sie, würden sie heute nicht an einem so perfekten Ort wohnen. Mit dem Umzug in das Haus habe sich ihr Leben verändert und an Qualität eindeutig gewonnen. Vielleicht hat es tatsächlich etwas von einer Trutzburg, ein Klotz am Bein aber ist es garantiert nicht. „Seit wir das Haus haben, fühle ich mich freier“, sagt Karin Thiele.

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Jahrgang 1966, Redakteurin für „Immobilien“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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