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Wohnen in Münster : Schön, satt und selbstgewiss

Rückzugsort des liberalen Bürgertums: Das Münsteraner Kreuzviertel Bild: Imago

Die deutsche Fahrrad-Metropole lockt mit historischen Bauten und junger Bevölkerung. Trotz der hohen Lebensqualität gehen nicht nur die hohen Mieten manchem Bewohner auf die Nerven.

          An lauen Sommerabenden treten Ulrich Kleinert und seine Frau Hille abends oft aus ihrem gepflegten Altbau im Münsteraner Kreuzviertel und schlendern die paar Meter bis zur Kreuzkirche. Dann setzten sie sich dort in eins der Lokale und fühlen sich, als säßen sie auf einer Piazza in Italien. „Das Stimmengemurmel, das Lachen, und man trifft immer jemanden, den man kennt“, schwärmt Hille Kleinert, Justizbeamtin. Und ihr Mann Ulrich, Mediator und pensionierter Richter, ergänzt: „Das ist hier ein Dorf in der Stadt. In fünf Minuten sind wir mit dem Rad überall: auf dem Domplatz, am Aasee, im Schlossgarten oder am Rathaus.“

          Katrin Hummel

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Das Münsteraner Kreuzviertel ist das, was in Freiburg die Wiehre ist und in Frankfurt das Nordend: ein Rückzugsort des liberalen Bürgertums, zentral gelegen, akademisch und von Altbauten geprägt. Freie Wohnungen gehen hier fast immer unter der Hand weg – so war es auch bei den Kleinerts, die schon seit 1990 in ihrer Fünfzimmerwohnung leben. Zunächst als Mieter und seit 2005 als Eigentümer. Denn die Erben wollten das Haus mit dem parkähnlichen Garten, der von der Straße aus nicht einmal zu erahnen ist, damals verkaufen. Und Kleinerts griffen, gemeinsam mit der Familie, die damals unter ihnen wohnte, zu. Wenn sie diese Geschichte heute neuen Bekannten erzählen, lächeln die meistens nur wissend und voller Anerkennung und fragen nicht weiter. Denn die Preise für Altbauten im Kreuzviertel haben sich seit 2005 zum Teil verdoppelt. Auch die Mieten liegen hier in Neubauten bei 16 Euro pro Quadratmeter, sagt Markus Baumgarte vom Maklerhaus Engel &Völkers in Münster.

          Auch in anderen Stadtteilen ist Wohnen in Münster teuer, zum Beispiel am innerstädtisch gelegenen Aasee. Und in der Fläche ist die Stadt mit durchschnittlichen Mietpreisen von 10,40 Euro die zweitteuerste in ganz Nordrhein-Westfalen – nach Düsseldorf. Für viele Menschen, die in schlechtbezahlten Branchen arbeiten, ist das schlicht nicht finanzierbar. „Die Krankenschwester, auch wenn sie einen guten Job hat, muss aufs Land“, sagt Baumgarte ganz nüchtern.

          „Ich bin ziemlich genervt“

          Auch was den Wohnungsmangel angeht, rangiert Münster weit oben in der Landesstatistik. In der Lokalpolitik kursiert die Zahl von 10.000 fehlenden Wohnungen, und eine Entspannung ist nicht in Sicht: Die Stadtverwaltung geht davon aus, dass Münster in den nächsten acht Jahren um mehr als fünf Prozent wachsen wird, auf dann rund 325.000 Einwohner. Und dabei wird die Stadt immer jünger: 2030 wird es außer München keine Stadt in Deutschland mehr geben, in der das mittlere Alter der Bevölkerung niedriger ist, besagt eine Studie der Bertelsmann-Stiftung – in Münster wird das Durchschnittsalter dann bei 41,2 Jahren liegen. Mit dazu bei tragen auch die etwa 55.000 Studenten, die in der Stadt leben und natürlich ebenfalls Schwierigkeiten haben, bezahlbaren Wohnraum zu finden.

          Alejandra Schrama kann ein Lied davon singen. Seit Anfang Oktober lebt die 20 Jahre alte Hannoveranerin im 20 Kilometer westlich von Münster gelegenen Havixbeck, einer Gemeinde mit 12.000 Einwohnern im Kreis Coesfeld. Um zur Uni zu kommen, muss sie erst 15 Minuten Fahrrad fahren, dann 25 Minuten Zug und dann noch einmal zehn Minuten Bus. Von Haustür zu Haustür braucht sie über eine Stunde. „Ich bin ziemlich genervt“, gibt sie zu. Aber ein Zimmer in Münster zu finden sei schlicht unmöglich gewesen, obwohl sie schon Ende August angefangen habe zu suchen: „Erst habe ich eine Einzimmerwohnung gesucht, das gab es kaum. Dann habe ich es bei kleineren WGs probiert, da haben sich auf jedes Zimmer über zehn Leute beworben.“

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