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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Küchentrends 2013 Versteckspiel an der Herdfront

 ·  Die offene Küche ist Trend. Neben Esstisch und Wohnzimmersofa soll die Kochstelle so wenig wie möglich nach Küche aussehen - und intelligenter, leiser und praktischer sein als jemals zuvor.

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© Ballerina Küchen Materialmix, Farbe, Muster – und die neuerdings obligatorische Sitzecke: Diese Musterküche von Ballerina zeigt alles, was derzeit in ist

Ganz egal, wie klein, funktional und ungemütlich Küchen in ihrer Geschichte zwischenzeitlich einmal waren, nichts konnte je ihrer Anziehungskraft den Garaus machen. Immer bleibt der Herd das Herz des Hauses. Keine Party, bei der nicht alle in der Küche landen. Der schnelle Kaffee am Morgen, der Plausch beim Kochen. Die vielen Telefonate, auf der Arbeitsplatte sitzend. Immerhin jeder dritte Deutsche bezeichnet die Küche als seinen liebsten Raum.

Ihr Stellenwert als gefühltes Zentrum ist inzwischen gebaute Realität. Vor allem an der offenen Küche zeigt sich das. Mehr als 20 Prozent der Deutschen wohnen in einer wandlosen Kombination aus Kochen, Essen und Wohnen. Müsste man dafür in bestehenden Gebäuden nicht Mauern einreißen, wären es sicher noch mehr. Doch nun gehen die Designer einen Schritt weiter: Die Küche selbst mutiert zum Wohnraum. Denn jetzt, wo sie Seite an Seite mit dem Eames Chair und der gedeckten Tafel in den Blick gerät, muss sie ganz anderen ästhetischen Ansprüchen genügen.

An der Küchentechnik haben sich in den vergangenen Jahren schon die Ingenieure abgearbeitet: Dampfbacköfen, Glaskeramik-Woks, Teppan-Yaki-Flächengrills - der technisch-kulinarischen Kochrevolution ist derzeit kaum noch etwas hinzuzufügen. Jetzt geht es um die Optik und um die Atmosphäre. Die neue Herausforderung sei die wohnliche Anmutung, heißt es bei der Arbeitsgemeinschaft Die Moderne Küche (AMK). Der Verband muss es wissen - zumal er Anfang des Jahres eine ausführliche Umfrage unter seinen Mitgliedern abgeschlossen hat, über die 80 Prozent des Umsatzes der Branche laufen.

Küchenhersteller wagen sich in den Wohnraum

„Küchenmöbel sehen heute schon fast aus wie schicke Wohnzimmermöbel“, postuliert Frank Hüther, der AMK-Geschäftsführer, hinsichtlich des sich anbahnenden Trends. Wo die Wand gefallen ist, beginnen sich die Funktionen zu überlapgern. Zwar wird noch nicht auf dem Wohnzimmertisch gekocht, aber dafür in der Küche gelümmelt und gelesen. Neuerdings gibt es Küchenzeilen, die an einem Ende zu Sitzecken werden (Ballerina). Überhaupt gestalten sich die Übergänge zwischen Kochen und Wohnen immer öfter fließend: Da wird der Esstisch eins mit der Kochinsel, und man schlemmt an der automatisch heruntergelassenen Arbeitsplatte (Zeyko).

Die Folge: Die ersten Küchenhersteller wagen sich in den Wohnraum, bieten etwa Schränke für beide Bereiche an, entwerfen auch Esstische samt Sitzbänken oder vice versa Kochinseln in Esstischmanier (Schüller). Auch optisch schmiegt sich die Küche ans Wohnen an: Ein deutliches Signal sind die Akzentfarben - von Gewürzfarben wie Curry oder Kurkuma über die leuchtenden Farben der Siebziger bis zu Blau, das man in der Küche seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen hat. Neuerdings tauchen sogar wieder Muster in der Kochzone auf, beispielsweise Karos.

Allenthalben brechen die Designer unsere Vorstellung davon auf, wie eine Küche auszusehen hat. Das einheitliche Erscheinungsbild von Arbeitsplatte, Schränken und Co. gerät offenbar aus der Mode. Nun werden Materialien gemischt. Strukturierte und glänzende Oberflächen wechseln sich ab. Passend zu den Designermöbeln setzt sich Glas durch, und die Arbeitsplatten werden deutlich schlanker und damit eleganter. Überhaupt: Die neuen Küchen sind technisch zwar Alleskönner, wollen aber nicht mehr auf den ersten Blick als solche erkannt werden.

An keinem anderen Ort des Hauses wird derzeit so viel Verstecken gespielt. Die Hersteller haben Türen, Rollos und Klappen im Programm, hinter denen die Küchen- und Elektrogeräte verschwinden. So hat Leicht mit Xtend+ gerade eine Küche vorgestellt, bei der Regale auf die Küchenplatte aufgesetzt und mit Lamellenrollos verkleidet sind. Passé ist damit die traditionelle Dreiteilung in Unterschränke, Fliesenspiegel und Oberschränke. Außerdem entwickeln die Küchengerätehersteller Modelle, die per Knopfdruck oder Fernbedienung verschwinden, etwa Dunstabzugshauben, besser Downdraft-Hauben, die hinterm Kochfeld versenkt werden.

„Die Küche, die nicht da ist“

Auf die Spitze treibt das Versteckspiel die modulare Küche Miniki, die zugeklappt gleich wie ein Sideboard aussieht und die nach dem Red Dot Award im vergangenen Jahr nun den Interior Innovation Award 2013 gewonnen hat. Die Marketingleute sagen über sie, sie sei „die Küche, die nicht da ist“. Voraussetzung für die friedliche Koexistenz von Wohnen und Kochen ist zum einen das veränderte Kochverhalten. Dies bestätigt auch der Innenarchitekt Roger Mandl. „Es wird nicht mehr stundenlang geschmort, wir essen kurz Angebratenes.“

Zum anderen sind die Abluftanlagen leistungsstärker geworden. Die Technik ist nun tatsächlich, wie von Werbetextern schon früh gelobt, flüsterleise. „Bei Spülmaschinen braucht man nun echt das Kontrolllämpchen, weil man sie nicht mehr hört“ , sagt Frank Hüther. Viel Ingenieurskönnen wurde in den vergangenen Jahren auf die Details verwendet, die das Benutzen der ganzen Küche fast geräuschlos machen: Die Rede ist von Einzugsdämpfungen der Schubladen und lautlosen Oberschrankliften.

Schließlich soll kein Dezibelkampf zwischen klappernden Türen, brummendem Kühlschrank und durchstartender Dunstabzugshaube und dem Liebesgeflüster der Fernsehschnulze oder dem Plappern der Tischrunde entstehen. In der neuen Küche wird zudem alles komfortabler: Trinkwasserspender erübrigen das Wasserkistenschleppen. Mit Kochendwasserarmaturen kann man sich direkt aus dem Hahn einen Tee aufbrühen oder Tomaten blanchieren. Es geht nicht mehr so stark ums große Ganze, sondern ums Detail, an dem weiter gefeilt wird.

Den kleinen alltäglichen Widrigkeiten geht es nun an den Kragen: Null-Grad-Fächer in den Kühlschränken sollen dafür sorgen, dass nicht so viele Lebensmittel verderben. Intelligentere Kochfelder mit der sogenannten Vollflächeninduktion erlauben, dass Töpfe beim Herumschieben auf dem Herd die eingestellte Temperatur mitnehmen. Und selbstreinigende Backöfen machen Lust auf Braten und selbstgemachtes Grillhähnchen.

All das hat seinen Preis. Die Küchen, die sich die Deutschen anschaffen, werden immer teurer. Jede dritte kostet heute mehr als 10.000 Euro, vor zehn Jahren war es nur jede fünfte. Diese Zahlen hat die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) jüngst vorgelegt. Der Grund für den Kostenanstieg der Anschaffung: Die Küchen werden ständig größer, und immer häufiger entscheiden sich die Käufer fürs gehobene Segment. Zu den Preistreibern zählen Lackoberflächen, außerdem die moderne Technik mit neuen Geräten à la Dampfgarer. Es gibt durchaus Küchen, die mehr als 100.000 Euro kosten.

Schließlich ist die Küche kein schnöder Arbeitsraum mehr, der vor allem praktisch und funktional sein soll. Er ist das, was die Hausherren immer im Blick haben, wenn sie vor dem Fernseher sitzen, Zeitung lesen oder mit Freunden dinieren. Der Raum, der nicht mehr nur das soziale, sondern auch das optische Zentrum der Wohnung geworden ist. Wer würde daran sparen wollen.

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24.05.2013 17:45 Uhr
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