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Böhmisches Glasdesign : Träume aus Kristall

  • -Aktualisiert am

Böhmisches Glashandwerk, neu interpretiert: Das Prager Design-Studio Dechem setzt auf reduzierte Formensprache und schlichte Eleganz. Bild: Studio Dechem

Nach der Talfahrt der böhmischen Glasindustrie gibt es wieder Hoffnung: Junge Designer bringen moderne Entwürfe und altes Handwerk zusammen.

          Cheers, Darling! Lange Zeit galt: Keine ordentliche Party ohne das richtige Trinkglas. Egal ob Silvester, runde Geburtstage oder goldene Hochzeiten – Jahrzehnte, wenn nicht sogar Jahrhunderte lang stieß, wer etwas auf sich hielt, die Prickelbrause mit satt klirrendem Kristall an. Und zwar am besten mit böhmischem. Schließlich wusste man da, was man hat, ein mundgeblasenes Luxusprodukt von unnachahmlicher Brillanz.

          Doch mit der Jahrtausendwende traf die böhmischen Glashersteller eine schwere Branchenkrise. Zwar nicht die erste, wohl aber die nachhaltigste ihrer Geschichte. Einerseits, weil Kristall und Handgemachtes plötzlich out waren und Omas Keksdosen und Vasen aus dem Wohnzimmer in einem Pappkarton auf dem Speicher verschwanden. Andererseits, weil billige, maschinell hergestellte Ware aus China den Markt überflutete, sich der tschechische Arbeitsmarkt gleichzeitig aber EU-Kriterien wie beispielsweise höheren Löhnen anpassen musste. Als Resultat begann ein Glasmanufakturen-Sterben, das gravierende wirtschaftliche Folgen mit sich brachte. Die hohe Kunst der böhmischen Glasverarbeitung drohte verloren zu gehen.

          Junge Design-Talente für den Aufschwung

          Seit ein paar Jahren zeigen sich aber wieder Silberstreife am Horizont der gebeutelten Branche. Und die tragen Namen wie Lasvit, Brokis oder Studio Dechem – allesamt junge tschechische Unternehmen, die sich nicht nur gutes, zeitgenössisches Design für einen internationalen Markt, sondern auch den Erhalt des böhmischen Handwerks auf die Fahnen geschrieben haben. Jan Rebell, Gründer des Leuchtenherstellers Brokis, kaufte so beispielsweise die altehrwürdige, aber heruntergekommene Glasmanufaktur Jansteijn bei Prag und verschlankte sie, indem er auf traditionelle und aktuell nicht gefragte Techniken wie das Schleifen und die Malerei verzichtete und stattdessen in neue Öfen und den Ausbau der Glasbläserei investierte.

          Hinzu kommt eine moderne Gestaltung der Brokis-Produkte unter der Federführung der Designerin Lucie Koldova, die im kommenden Jahr auch die bekannte Installation „Das Haus“ auf der Internationalen Möbelmesse Köln übernehmen wird. Statt opulentem Kristall setzt man nun auf puristische, mundgeblasene Gläser in Kombination mit edlen Materialien wie Marmor oder Messing.

          „Seit meiner ersten Zusammenarbeit mit Brokis war jedes Produkt, das wir gemeinsam umgesetzt haben, eine neue Herausforderung, mit der wir die Grenzen der böhmischen Glasfertigung ausgelotet haben“, sagt die Art-Direktorin, die lange Zeit in Paris lebte, bevor sie in ihre Heimat zurückkehrte. Besonders faszinierend sei an dem Werkstoff für sie, dass er sich nicht immer so verhalte, wie sie es plane. „Manchmal hat er Eigenheiten, die ich respektieren muss, sodass ich meine ursprüngliche Idee dann daran anpasse“, erzählt sie.

          Das reicht allerdings nicht immer. So brauchte es für die Entwicklung der Glasleuchten-Serie „Night Birds“, die Vögel in verschiedenen Flugphasen abbildet, ganze zwei Jahre Forschungsarbeit, um eine Technik zu entwickeln, mit der sich das heiße Glas in die korrekte Form biegen ließ. Immerhin scheinen sich die Anstrengungen zu lohnen: Seit der Gründung im Jahr 2006 vertreibt das tschechische Label seine Produkte laut eigener Aussage in 70 Ländern.

          Süß wie Gebäck: Die Leuchte Macaron, gestaltet von Lucie Koldova für Brokis.
          Süß wie Gebäck: Die Leuchte Macaron, gestaltet von Lucie Koldova für Brokis. : Bild: Brokis

          Auch das 2007 gegründete Unternehmen Lasvit hat sich auf die Klientel im Ausland spezialisiert. Besonders im Nahen Osten kommen die opulenten, meist maßgefertigten Stücke aus böhmischem Glas hervorragend an. In Zusammenarbeit mit namhaften Designgrößen wie Nendo, Ross Lovegrove, Daniel Libeskind, Maarten Baas sowie René Roubíček und Bořek Šípek entstehen einzigartige Licht-Installationen und kinetische Skulpturen. Meist für Restaurants und Hotelprojekte, so wie zuletzt im „Four Seasons Jakarta“, wo der bombastische „Bismarckia“-Lüster, der der gleichnamigen Palme nachempfunden wurde, von der 13 Meter hohen Decke herabhängt und den ein oder anderen Gast zum Staunen bringen dürfte. Mit der Zielgruppe im Luxussegment hat sich Lasvit damit eine Nische gesucht, in der das Unternehmen nur wenig Konkurrenz durch billige Mitbewerber fürchten muss. Denn je aufwendiger und einzigartiger das Produkt, desto weniger riskiert man, dass es einfach kopiert wird.

          Das Prager Design-Studio Dechem hat dennoch mit Opulenz nur wenig am Hut. Michaela Tomišková und Jakub Jand’ourek, die kreativen Köpfe hinter dem Label, haben sich, ähnlich wie Brokis, komplett vom Bild des klassischen böhmischen Glases gelöst und setzen auf eine sehr reduzierte Formensprache sowie eine kleine, feine Kollektion. Natürlich nicht ohne sich auf das böhmische Glashandwerk zu beziehen. „We tell stories in bohemian glas“, lautet dementsprechend der Werbespruch des Duos, dessen schlichte Entwürfe wie zum Beispiel die „Bandaska-Vase“ mit zartem Farbverlauf auch schon auf dem internationalen Parkett der Mailänder Möbelmesse Beachtung fanden.

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          Ob die unterschiedlichen Strategien, mit denen sich die neuen Glasmacher eine passende Nische auf dem Markt zu schaffen suchen, am Ende aufgehen, wird die Zeit zeigen. Die Zeichen jedenfalls stehen gar nicht so schlecht, dass das Interesse an böhmischem Glas wieder aufflammt. Denn neben vielen neuen Ansätzen dürften die Manufakturen vom allgemeinen Trend nach individuellen, handgemachten Produkten profitieren. Einzigartige Stücke werden wieder geschätzt und gekauft. Das gilt für Glas im Allgemeinen wie auch für Kristall. Spätestens mit der Renaissance der guten alten Hausbar als i-Tüpfelchen des Mid-Century-Ambientes dürften die Speicher-Leichen aus den Nullerjahren endlich wieder zurück ins Wohnzimmer ziehen – und vielleicht werden sie ja sogar um ein paar neue ergänzt.

          Quelle: F.A.S.

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