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Immobilien im Alpenvorland : Gelbe Kräne im Blauen Land

Kein Geheimtipp mehr: Schlehdorf nahe Kochel am See. Bild: Rüdiger Köhn

Das Voralpenland erfreut sich zunehmender Beliebtheit. Die idyllische Region südlich von München lockt nicht nur Freizeitsportler und Wanderer – sondern auch Immobilienkäufer. Die Folgen sind nicht zu übersehen.

          Gabriele Münter, Franz Marc und Wassily Kandinsky konnten sich schon vor mehr als hundert Jahren für das Farbenspiel und die gewaltige Kulisse begeistern, die Wetterstein- und Estergebirge, Ammergauer Alpen, Herzogstand und Heimgarten – und hinten die Zugspitze – bestimmen. Staffel-, Kochel- und Walchensee oder die Loisach-Auen haben die Künstlergruppe, die den Expressionismus prägte, in den Bann gezogen. Franz Marc und Wassily Kandinsky liebten die Farbe Blau; der eine war von Pferden angetan, der andere von Reitern. Beide saßen dereinst vor rund 110 Jahren in einer Gartenlaube im kleinen Dörfchen Sindelsdorf, wenige Kilometer von Murnau und Kochel entfernt, tranken Kaffee und tauften sich „Blaue Reiter“.

          Rüdiger Köhn

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in München.

          So ist die oberbayerische Voralpenlandschaft mit ihrer von der Autobahn zu bewundernde Silhouette zum Blauen Land geworden. Die Gemeinden rund um Murnau, Kochel und Bad Tölz nutzen das für ihre Tourismus-Werbung. Nicht nur die Landschaft inspiriert, auch unzählige Freizeit- und Sportmöglichkeiten. Staufrei mit dem Auto von München in einer Dreiviertelstunde vor Ort, ist die Region ein Hort für Wanderer, Mountainbiker, Renn- und Tourenradfahrer und andere Outdoor-Sportler.

          Doch nicht nur die Freizeit-Karawane zieht gen Süden. Auch die Käufer von Immobilien haben das Blaue Land für sich entdeckt. Durch den nun untertunnelten Mittleren Ring im Münchner Südwesten gibt es gar einen verbesserten Anschluss zur Autobahn A95 nach Garmisch-Partenkirchen. Das Voralpenland ist zum Vorgarten Münchens geworden. Autobahnausfahrten wie Wolfratshausen, Seeshaupt südlich vom Starnberger See oder gar Sindelsdorf sind einen Katzensprung von der idyllische Freizeitflucht entfernt.

          So sind gelbe Baukräne zum Teil der von den Blauen Reitern so bewunderten Bergkulisse avanciert. In jedem Dörfchen geht es auf der Suche nach Baugrund und Lebensraum mit hoher Wohnqualität zu wie bei den Goldgräbern. Verglichen mit dem kaum bezahlbaren Wohnungspreisen und Mieten in der 70 Kilometer entfernten Landeshauptstadt, ist es hier bislang noch kommod zugegangen. Damit ist es vorbei. Die Lage spitzt sich in einer Region zu, die noch bis vor kurzem als Geheimtipp für Käufer galt.

          Allenthalben Bauplätze, erschlossene Parzellen, Fertighausbau zwischen Bauernhöfen, alten ländlichen Häusern, Viehställen, Ackerflächen und Wiesen. Hier ein Bagger, dort ein Kran. Dennoch: Das Angebot an Flächen und Neubauten bleibt rar – ob Einfamilienhäuser oder Doppelhaushälften; an Erwerb von Eigentumswohnungen ist so gut wie gar nicht zu denken. Seit zwei Jahren steigen die Preise fast astronomisch. Kommen überhaupt Angebote, sind sie schon vergriffen. „Wir haben einen Zuzugsdruck, der nicht befriedigt werden kann“, sagt Rupert Poettinger.

          Er ist Immobilienmakler in Murnau am Staffelsee, dem einstigen Refugium von Malerin Gabriele Münter. Nun ist Poettinger unter die Bauträger gegangen, um sich unabhängiger von der extrem schwankenden Vermittlung zu machen. Er hat gleich mit seinem ersten Bauträgerprojekt hinreichend Erfahrungen gesammelt, einem dreistöckigen Mehrfamilienhaus mit acht Wohneinheiten zwischen 50 und 100 Quadratmetern in recht zentraler Lage von Murnau. Ein großes Bauschild brauchte er gar nicht erst aufzustellen. Schon gar nicht musste er im Internet dafür werben. Es reichte das im Juni 2016 pflichtgemäß am Bauzaun angehängte kleine gelbe Bauschild – und der gelbe Baukran. „Kaum habe ich ihn aufgestellt, rannten mir Interessenten die Tür ein.“ Drei Monate später waren alle Wohnungen verkauft. Im Oktober ist Übergabe.

          Von Engpässen weiß auch Immobilienfachmann Markus Schweiger von der Sparkasse Bad Tölz-Wolfratshausen zu berichten. „Die Nachfrage nach Eigentumsobjekten im gesamten Landkreis ist enorm, selbst in kleineren Gemeinden und Dörfern“, sagt der Vermittler. „Überall in unserem Einzugsgebiet sehen wir extreme Steigerungen bei den Preisen, und die werden auch bezahlt.“ Rupert Poettinger etwa hat für seine Neubauwohnungen in Murnau zwischen 5.500 und 6.000 Euro pro Quadratmeter verlangt. Das ist der Preis für bevorzugte Lagen, und er bewegt sich in einer Bandbreite, wie sie als Minimum in der Landeshauptstadt für mittlere Lagen aufgerufen werden. Einfache Lagen für neue Eigentumswohnungen beginnen in Murnau bei 3.000 bis 4.000 Euro.

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