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Hufeisensiedlung Musterbeispiel aus Britz

05.09.2009 ·  Die Hufeisensiedlung von Bruno Taut ist eine von sechs Berliner Siedlungen, die den Unesco-Titel Weltkulturerbe tragen. Das verpflichtet. Ein Förderverein kämpft darum, dass der Charakter der Bauten erhalten bleibt.

Von Jörg Niendorf
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Schon die Haustüren verraten viel. Manche zieren große Farbflächen, andere bunte Kassetten oder Streifen. Keine gleicht der anderen. Und doch ist in der Hufeisensiedlung von Bruno Taut in Berlin-Britz nichts willkürlich. Auf Licht und Luft, Farbe und Grünflächen kam es Taut an, als er die Wohnanlage ab 1925 mit dem Berliner Stadtbaurat Martin Wagner plante. Als eine neue Mischung aus Großwohnsiedlung und Gartenstadt - und als Experiment für eine Systembauweise.

„Die Vielfalt gefällt mir sehr“, schwärmt Christoff Jenschke. Er mag die geordnete, aber vielgestaltige Welt. Nur hundert Meter entfernt ist er in einem schmalen Reihenhaus aufgewachsen. Vor drei Jahren kam er zurück. Mit seiner Frau und vier kleinen Kindern wohnt er im gleichen Haustyp wie damals, „nur der Grundriss ist spiegelverkehrt“, sagt der Neununddreißigjährige. Seine Eltern leben weiter nebenan, die Schwester hat gegenüber auch ein Haus gekauft.

Großes Interesse

„Dass früher wildfremde Leute bei uns fragten, ob sie sich auch drinnen umschauen könnten, das war normal“, erinnert er sich. Seine Eltern waren dafür aufgeschlossen. Heute öffnet auch der junge Jenschke seine Tür für Besucher. Er leitet einen Verein, in dem sich Bewohner, Freunde und Förderer der Hufeisensiedlung zusammengetan haben. „100 Leute arbeiten regelmäßig mit“, sagt er. Sie organisieren Straßenfeste und Besichtigungen, wie etwa in zwei Wochen zum Tag des offenen Denkmals.

Und sie setzen sich vehement für den Denkmalschutz und die Einhaltung seiner Vorschriften ein. So soll der Einbau von Kunststofffenstern, Rollläden oder das Verändern der Anstriche der Haustüren verhindert werden. Andernorts bringen bloße Ankündigungen solcher Baumaßnahmen Denkmalbewohner und Denkmalschützer gegeneinander auf. Hier finden Fachvorträge statt. „Das Maß der Selbstverpflichtung ist hoch“, erläutert der Jurist Jenschke. Seit einem Jahr zählt die Siedlung schließlich zum Weltkulturerbe der Unesco. Und das bedeutet: viel Ansehen, aber auch Pflichten und viel Abstimmungsbedarf. Daher der Verein.

Unter Denkmalschutz

Insgesamt schafften es sechs Berliner Siedlungen der zwanziger und frühen dreißiger Jahre auf die Liste der geschützten Kulturdenkmäler. Seit 1997 lief die Bewerbung. Die Eigentümergesellschaften beziehungsweise Genossenschaften bewarben sich gemeinsam, initiiert wurde das Vorhaben vom Landeskonservator, dem obersten Denkmalschützer Berlins. Zugpferd des Verfahrens war von Beginn an die Hufeisensiedlung, die die älteste und größte ihrer Art ist und als Schlüsselwerk des Neuen Bauens gilt.

Sie steht seit 1986 unter Denkmalschutz, seither existiert ein aufwendiges Gutachten, eine Art Standardwerk für den Umgang mit der Taut-Architektur. Damals erhielten alle Häuser ihre Originalfarbtöne zurück. Sie wurden nicht nur gestrichen, sondern mit eigens durchgefärbtem Putz versehen. Solch ein Aufwand half, das Ensemble ins öffentliche Interesse zu rücken - und blieb dennoch ein Einzelfall.

Hunderte Reihenhäuser

Danach sorgte die GEHAG, der damalige Eigentümer, nur noch für das Allernotwendigste. „Das war Fluch und Segen zugleich“, sagt Jenschke. Der Bausubstanz schadete es, doch gleichzeitig blieb der Originalzustand erhalten, weil die Mieter nicht kunterbunt drauflos renovieren konnten, dieses gar nicht durften. Genau das war in einer anderen berühmten Berliner Taut-Siedlung, Onkel Toms Hütte, geschehen. Ganz gleichmäßig schimmern dagegen die Häuserzeilen in Britz. Abwechselnd in Ochsenblut, in zartem Ockergelb und in einem kräftigen Blau. Der Putz hat gut gehalten. Nur die weißen Fassaden haben gelitten, sie sind nur noch grau.

679 Reihenhäuser stammen von Bruno Taut, alle liegen an Gassen, die nach Romanfiguren des mecklenburgischen Dichters Fritz Reuter benannt sind. Außerdem gibt es 1000 Mietwohnungen, zum Beispiel im „Hufeisen“, einem dreigeschossigen, fast geschlossenen Gebäudeoval, sowie in angrenzenden Häuserzeilen. Die meisten der Eineinhalb- bis Dreieinhalbzimmerwohnungen haben einen Balkon oder zumindest viel Aussicht durch die Sprossenfenster in grüne Innenhöfe oder zum See in der Mitte der Wohnanlage. In den Bauabschnitten nach 1930 wurde Tauts Stil experimenteller, dort haben die Häuser großflächige Fenster und Flachdächer.

Formenstrenge Sachlichkeit

Betont sachlich sind alle Bauten gestaltet, ältere wie neuere. Formstreng, aber nicht monoton. Simple Mittel reichten Taut aus, um Abwechslung zu schaffen. So fassen Klinkerreihen die Putzwände ein, und natürlich wechseln überall die Farben. „Rote Front“ heißt eine kantige Fassadenreihe bis heute im Volksmund. Das passt, dahinter lagen kleine Arbeiterwohnungen. Genauso ochsenblutrot ist eine rautenförmige Zeile von Einfamilienhäusern ganz in der Nähe. Sie liegen in einem lieblich-dörflichen Idyll. Allerdings streng gerahmt von genormten Vorgärten: quadratischen Hecken, kugelrunden Ahornbäumen. Sachliches Grün.

Streift man umher, finden sich aber auch grüne Ausreißer vor manchen Haustüren. Verspielte Blumenbeete, Gartenzwerge - oder Autostellflächen auf dem Rasen. Auch das gehört zur Vielfalt, müssen selbst die Puristen einräumen und konzentrieren ihr Augenmerk lieber auf die bauliche Einheitlichkeit. „Das kräftige Blau an den Fassaden steht immer für eine Torsituation“, erläutert Christoff Jenschke. Dieser Farbton hat Strahlkraft.

Architekten, Kunsthistoriker, Gestalter

Überhaupt ist die Hufeisensiedlung gerade hier, in den Einfamilienhauszeilen, ein Magnet geworden. Siebzig Prozent der Eigenheime seien in privater Hand, sagt Ines Przygodda, die für den Eigentümer der Siedlung, die Deutsche Wohnen AG, die Reihenhäuser nach und nach verkauft. „Viele neue Bewohner sind Architekten, Kunsthistoriker oder Gestalter“, erzählt sie, „alle fühlen sich der Sache verbunden.“ Genauso kauften bisherige Mieter ihre Häuser und die wüssten ohnehin um deren Wert. Die Aufklärungsarbeit habe gefruchtet, „mit jedem Jahr ist die Welterbe-Begeisterung gestiegen“.

„Leben im Denkmal.“ So wirbt die Deutsche Wohnen auch für ihre Quartiere im Hufeisen, das der ganzen Siedlung ihren Namen gab. Alle 1000 Wohnungen sollen im Besitz der Gesellschaft bleiben. Derzeit wohnen meist ältere Mieter dort, aber die Nachfrage von Jüngeren steige, berichtet eine Mitarbeiterin des Vermietungsbüros. Sanierte Wohnungen richten sie extra in „Bauhausfarben“ her, außerdem „mit viel aufgearbeitetem Echtholz“. Alte und junge Mieter sollten ermutigt werden, das Innere klassisch-modern zu gestalten. Nur die Bäder nicht. Die hatten früher nur abwaschbare Wandfarben statt Fliesen, „solch einen Standard kann man niemandem abverlangen“, heißt es. Da sei man sich mit dem Denkmalschutz einig.

Energetische Sanierung

In einem Großvorhaben beginnt die Gesellschaft außerdem mit der energetischen Sanierung der Wohnblöcke. Zuständig ist das Architekturbüro, das schon in den achtziger Jahren die Fassadensanierung leitete. Aus einem Bundesförderprogramm für die Welterbestätten stehen mehrere Millionen Euro zur Verfügung. Wieder soll die Hufeisensiedlung ein Pilotprojekt sein. Und wegweisend will auch der „Verein der Freunde und Förderer der Hufeisensiedlung“ sein. Er wird mit dem Landesdenkmalamt eine Datenbank aufbauen. In ihr können alle Hausbesitzer Informationen finden, wo sie Originalbauteile und spezialisierte Handwerker finden.

„Vor allem wollen wir verlässlich auflisten, was denkmalgerecht ist und was nicht“, erläutert Jenschke ein Ziel des Vorhabens. Bisher gab es eine solche Datensammlung nicht. Aus eigener Erfahrung weiß er noch, wie schwer es war, die nötigen Informationen für die Sanierung zu beschaffen. Mit konservatorischem Eifer haben er und seine Frau ihr sechs Meter breites Reihenhaus auch im Inneren umgebaut. Vorher hatte es nur Kohleöfen, jetzt ist es auf drei Etagen modern ausgestattet, mit viel Liebe zum Detail. Einen kobaltblauen Kachelofen haben sie im Schlafzimmer erhalten, ebenso alle Holzeinbauten. Selbst die für die zwanziger Jahre typischen Drehlichtschalter haben sie wieder einbauen lassen.

Noch originalgetreuer wollen der Verein und die Deutsche Wohnen ein Museumshaus sanieren, das Interessierten die Welt des Neuen Bauens nahebringen soll. Gleichzeitig könnte es ein Stadtteilzentrum sein. Wie ernst der Verein seine Imagekampagne zur Bewahrung Tautscher Ideen nimmt, beweist auch Folgendes: Gerade steht in der zuständigen Denkmalschutzbehörde in Berlin-Neukölln ein personeller Wechsel an, da meldet sich der Verein mit einem offenen Brief zu Wort. Er fordert, im Amt mehr Fachleute einzustellen, um allein den mehr als 450 privaten Hausbesitzern aus dem Welterbe-Areal gerecht zu werden. Wenn schon Denkmalschutz, dann auch richtig.

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29.05.2012 14:28 Uhr
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