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Leben in der Schrottimmobilie : Die anderen sind längst weg

Früher hingen hier Blumen, nun sind die Balkone verwahrlost. Bild: Erich Reuschenberg

Frau Fischer ist fast hundert und wohnt in einer Kölner Schrottimmobilie. Das Umfeld ist zum Fürchten, aber sie harrt aus.

          Als Frau Hildebrandt das letzte Mal von unten hochwinkte, saß Eleonore Fischer auf dem Balkon. Es war ein Frühsommertag, aber so frisch, dass Frau Fischer sich eine Decke um die Hüften geschlungen hatte, damit die Nieren nicht kalt werden. Sie hatte in die üppige Krone des Baumes vor ihrer Wohnung geblickt und die Augen etwas zusammengekniffen, „um das Grün zu sehen, aber nicht das Chaos, was dahinter ist“, wie sie sagt. Dann sah sie Frau Hildebrandt dabei zu, wie diese zusammen mit ihrer Tochter die letzten Kisten aus dem Haus trug und in den Kombi lud.

          Judith Lembke

          Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Frau Fischer kann sich nicht mehr erinnern, wie häufig sie dieses geschäftige Heraustragen, das angespannte Einladen und den letzten prüfenden Blick auf das Zuhause, das man hinter sich lässt, in den vergangenen Jahren schon beobachtet hat. Aber als die Nachbarin zum Abschied winkte, war es anders als die Male zuvor. Damals, so sagt sie, fühlte sie sich „ein bisschen wie diese einsame Riesenschildkröte“, die letzte ihrer Art, auf den Galapagosinseln. „Wann gehen denn auch Sie?“, hat Frau Hildebrandt noch nach oben gerufen bevor sie fuhr, aber Eleonore Fischer hat nur mit den Schultern gezuckt. „Wo soll ich denn hin?“

          Seitdem auch noch Frau Hildebrandt ausgezogen ist, sei sie nicht nur die einzige Mieterin, die von früher, als alles noch stimmte in dem Haus, übrig geblieben ist, und mit ihren 98 Jahren die älteste sowieso. Jetzt sei sie „wahrscheinlich auch die einzige Deutsche“, glaubt Eleonore Fischer, die eigentlich anders heißt. Ihren richtigen Namen möchte sie nicht in der Zeitung lesen, aus Angst davor, dass der Vermieter sie aus Ärger über ihre Aussagen aus der Wohnung schmeißen könnte. Oder dass einer der vielen ihr fremden Nachbarn, von denen sie meistens nur den Lärm mitbekommt und den Müll, bei ihr eindringen und sie überwältigen könnte. „Ich bin doch total hilflos“, sagt sie entschuldigend. Schließlich kennt sie bis auf die freundliche Russin in der Wohnung schräg gegenüber niemanden mehr im Haus, und wen sie auf dem Flur trifft, den versteht sie meist nicht.

          Einst herrschte Aufbruch, heute Verfall

          Dabei hat Frau Fischer eigentlich gar nichts gegen die „Ausländerjungs“, die ab Nachmittag auf den Stufen vor dem Hochhaus sitzen, Musik hören und Sonnenblumenkerne kauen. Die seien oft freundlich und böten an, ihren Rollator über die Schwelle zu heben, packten ihn dann aber meist an der falschen Stelle an, so dass die Einkäufe herausfielen. Aber die „Ausländerjungs“ seien eben ganz anders als die Mieter von früher, wie Frau Hildebrandt und ihre Tochter, die heute Beamtin bei der Stadt Köln ist – viel lauter und auch nicht so ordentlich, überall hinterließen sie ausgespuckte Sonnenblumenkernschalen.

          Wie Frau Fischer mit geradem Rücken auf ihrem Sessel sitzt und erzählt, auf dem Tisch der Kaffee und die Butterkringel, die sie selbst besorgt hat, würde man sie nicht für fast hundertjährig halten. Ihre Augen blicken wach unter ihrer Goldrandbrille hervor, ihr kurzes weißes Haar ist noch voll. Ihr Äußeres ist ihr noch immer wichtig, die lila Farbe der Weste findet sich auch in ihrem Rock, ihre Schuhe haben einen metallischen Glanz. Sie schaut Fernsehnachrichten und liest die Lokalzeitung, auch wenn sie das alles viel mehr aufregt als früher.

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          Nachdem Frau Hildebrandt mit ihren Sachen weggefahren war, schob Frau Fischer ihren Rollator langsam ins Innere, schloss die Balkontür fest hinter sich und zog die Spitzengardinen zu. In ihren eigenen vier Wänden fühlt sie sich sicher, wenn sie in ihrem schweren Plüschsessel sitzt und auf die Vitrine blickt, in der das zehnbändige Lexikon, das Sammelgeschirr und die zahlreichen Fotos stehen. Die meisten zeigen ihre Tochter, ihren Enkel und den vor drei Jahren verstorbenen Sohn. Selbst das dauernde Rattern des Fahrstuhls stört sie nicht, da weiß sie wenigstens, dass er funktioniert. Im Bad und im Schlafzimmer hat ihr Sohn vor Jahren Griffe angebracht, damit sie gut hochkommt, wenn sie aufstehen will. Bis auf diese Griffe ist fast alles noch genauso wie vor mehr als vierzig Jahren, als sie in die Wohnung gezogen ist. Nur die Figürchen und Kunstblumen auf dem Sideboard, die werden je nach Saison ausgetauscht.

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