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Der „Rundling“ in Leipzig Das Fadenkreuz der Moderne

30.08.2009 ·  Die Nibelungensiedlung in Leipzig zählt zu den spektakulärsten Bauprojekten der dreißiger Jahre. Der Architekt des „Rundlings“ war zu modern für die Stadt und wurde vergrault. Heute ist die Großanlage mit fast 1000 Wohnungen ein Denkmal, ein bewohntes.

Von Christian Geinitz
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Johanna Ziegenhagen erinnert sich noch gut an den Umzug in den Rundling. „Das war am 1. August 1930. Da war ich sieben Jahre alt und sehr aufgeregt, weil die neuen Gebäude so groß und modern waren.“ Ihr Vater, ein Kutscher, siedelte mit seiner Frau und den drei Kindern aus einer der Arbeitersiedlungen im Osten der Stadt an den Rand von Leipzig-Lößnig im Süden.

Dort, auf der grünen Wiese, hatte der Stadtbaurat und Architekt Hubert Ritter in kaum drei Jahren sein kühnstes Projekt geplant und gebaut: eine Wohnsiedlung aus drei konzentrischen Kreisen, in der so viele Menschen unterkamen wie nirgendwo sonst in der mit 700 000 Einwohnern viertgrößten Stadt Deutschlands. Noch heute, viele Plattenbauten später, zählt die Anlage mit knapp 1000 Wohnungen zu den eindrucksvollsten Siedlungen in Mitteldeutschland.

Spektakuläre Gestaltung

Es sind nicht ihre Ausmaße, die die Nibelungensiedlung so besonders machen, es ist ihre Gestaltung. Die Bauten ragen im Wortsinne heraus aus der übrigen Siedlungsstruktur. An dieser Stelle fand Ritter zufällig, wie er später erzählte, eine leichte natürliche Erhebung vor, die er städtebaulich nutzen wollte. Ritter unterstrich diesen Effekt, indem er die innere Bebauung vierstöckig ausführte, ein Geschoss höher als die übrigen Ringe.

Außerhalb Leipzigs ist der avantgardistische Architekt weitgehend unbekannt. Er entstammte einer Nürnberger Künstlerfamilie. Sein Großvater mütterlicherseits hieß Bernhard von Gudden und war jener Psychiatrieprofessor, der mit dem bayerischen König Ludwig II. im Starnberger See ertrunken sein soll. Nach dem Abitur in München studierte Hubert Ritter an der Technischen Hochschule Architektur bei Friedrich von Thiersch.

Es folgten Stationen in Frankfurt, München und Köln. Im Range eines Baurats auf Lebenszeit kam Ritter 1924 nach Leipzig. Besonders wohlgelitten war Ritter in Sachsen allerdings nicht. Der Stadtrat verlängerte seinen Vertrag nicht, nach 1936 bekam Ritter keine öffentlichen Aufträge mehr. 1941 nahm er den Ruf als Stadtbaurat nach Luxemburg an. Nach dem Krieg wollte er nach Leipzig zurückkehren, blitzte aber auch bei den neuen Gewalten ab. Er zog nach München, wo er 1967 starb.

Nicht nur politische Vorbehalte

Ritter stieß in Leipzig nicht nur auf politische Vorbehalte, sondern auch auf städtebaulich-architektonische. Die Stadt rühmt sich bis heute ihrer Gründerzeitsubstanz, deren geschlossene Quartiere zu den bedeutendsten in Deutschland zählen. Diese Tradition um neue Formen zu ergänzen fiel Ritter nicht leicht. Er selbst schulte sich am Neuen Bauen, war ein bekennender Anhänger der Moderne und prägte sie mit.

1927 rief er Städtevertreter aus Europa und Amerika zur Leipziger „Siedlungswoche“ zusammen, um über den modernen Wohn- und Siedlungsbau zu sprechen. Gleichzeitig saß er neben dem Bauhaus-Gründer Walter Gropius in einem Ausschuss der Forschungsstelle für Wirtschaftlichkeit im Bau- und Wohnungswesen.

Zeitgemäßes Wohnen

Wie sich Ritter zeitgemäßes Wohnen vorstellte, illustriert sein Rundling. Die Kreisstruktur bricht mit traditionellen Quartierformen und bündelt das Siedlungsleben, um die gemeinschaftsstiftende Wirkung zu unterstreichen. Die kreuzartig die Ringe durchschneidenden Quartierstraßen sind Zugänge, Gliederungselemente und Sichtachsen zugleich. Auf dem Siegfriedplatz in der Mitte sollte ursprünglich eine Kapelle entstehen.

Stattdessen schuf man für die kinderreichen Familien ein überdimensionales Planschbecken. Heute gibt es hier so wenig Nachwuchs, dass die Leipziger Wohnungsbaugesellschaft (LWB) als Eigentümerin Spielgeräte abbauen muss. An die Stelle des Bassins ist ein Rosenbeet getreten, für das skurrilerweise die Stadt verantwortlich ist: Während die LWB Eigentümerin der Gesamtanlage ist, gehört der kleine Siegfriedplatz zur Kommune - eine Laune der Besitzgeschichte.

Außergewöhnlich, nicht einzigartig

Die Rundbebauung ist außergewöhnlich, aber nicht einzigartig. Die preußischen Architekten Bruno Taut und Martin Wagner hatten schon 1925 mit dem Bau der Hufeisensiedlung in Berlin-Britz (Die Welterbe-Medaille hat zwei Seiten) begonnen. Ritter ging allerdings darüber hinaus, nicht nur in der Dimension, sondern auch in der Wohnungsgestaltung.

Er entwarf elf unterschiedliche Grundrisse, um einerseits den unterschiedlichen Bedürfnissen der Bewohner und den Anforderungen des ungewöhnlichen Gebäudeschnitts zu entsprechen. Andererseits aber auch, um die besten Lichtverhältnisse für die Wohnräume zu garantieren. So wurden Zimmer in Nordrichtung vermieden.

„Ritter wollte die Leute aus den dunklen Hinterhöfen der Stadt ins Grüne holen, ihnen Luft und Helligkeit geben“, sagt Ines Gillner, Prokuristin der LWB und Leiterin der Baukoordination, während der Sanierung nach der Wiedervereinigung. „Auch heute ist der ruhige Standort äußerst beliebt.“ Tatsächlich stehen nur 6 der 936 Wohnungen leer, was aber auch dem niedrigen Mietpreis von 5 Euro je Quadratmeter geschuldet sein dürfte.

Bomben auf den Rundling

Johanna Ziegenhagen, heute 86 Jahre alt, schwärmt: „Als wir hier ankamen, waren wir von den Socken. Es gab Licht und Grün und Kühe auf den Weiden.“ Grausam getrübt wurde das Bild wenig später im Krieg, als Bomben auf den Rundling fielen. „Ich habe beim Löschen geholfen und gesehen, wie einer Frau die Lunge aus dem Körper hing“, sagt Ziegenhagen. Einer makabren Anekdote nach fühlten sich die Angreifer zum Bombenwerfen ermuntert, weil der Rundling aus der Luft aussah wie ein Fadenkreuz. Wahrscheinlicher ist, dass es die Amerikaner auf ein Elektrizitätswerk abgesehen hatten.

Die DDR-Zeit hat Ziegenhagen in unvorteilhafter Erinnerung, da die Privilegien der Funktionäre auch in den Rundling Einzug gehalten hätten. „Die Parteileute hatten Gasheizung, wir Öfen“, sagt sie. Die vorgebliche Gleichheit im Sozialismus ging immerhin so weit, dass alle Gebäude gleichermaßen vernachlässigt wurden - zugunsten der Plattenbauten. In den achtziger Jahren kam der Rundling auf die Denkmalschutzliste, was zwar keine Sanierung zur Folge hatte, aber den Abriss verhinderte.

Sanierung in Etappen

Die Sanierung nach der Wende erfolgte in mehreren Etappen. Zunächst baute die LBW die im Krieg zerstörten Gebäude mit 120 Wohnungen wieder auf, um die Ringe zu schließen; zu DDR-Zeiten standen in den Baulücken Garagen. Anschließend modernisierte man Block für Block. Insgesamt flossen gut 44 Millionen Euro in die marode Siedlung, Unterstützung kam vom Land Sachsen und der Förderbank KfW.

Denkmalschutz, Stadt und die kommunale LWB zogen weitgehend an einem Strang, so dass auch aufwendige Details wiederhergestellt werden konnten: die Eckfenster aus Holz, die Vordächer an den Ladengebäuden, die rechtwinkelig abstehenden Hausnummern, die grünen Außenjalousien. Die Neubauten haben keine Sprossenfenster und andere Hausnummern, um sie für das geübte Auge unterscheidbar zu halten.

Ein Denkmal, ein bewohntes

Natürlich gab es auch Reibereien, wie sich Gillner erinnert. So bestand der Denkmalschutz darauf, an den Fassaden keine zusätzliche Wärmedämmung anzubringen, um den Eindruck des Sichtmauerwerksockels nicht zu schmälern. In den Giebeln kommt es deshalb vereinzelt zu Schwarzschimmelbefall. „Der Rundling ist ein Denkmal, aber ein bewohntes Denkmal“, sagt Gillner, „diese Balance haben wir gut hinbekommen.“

Um die Gebäude nach der Wende sanieren zu können, mussten die Bewohner zwischenzeitlich ausziehen. Das führte zu ähnlichen Verstimmungen wie die schrittweise Mieterhöhung von ursprünglich 0,75 DM je Quadratmeter auf das heutige Marktniveau. Johanna Ziegenhagen zahlt für ihre Zweiraumwohnung, die sie mit Foxterrier Uschi teilt, 463 Euro. „Wenn's auf 500 raufgeht, kann ich das nicht mehr zahlen“, sagt sie und blickt fragend. „Muss ich dann nach 80 Jahren aus dem Rundling ausziehen?“

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Jahrgang 1968, Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Peking.

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