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Côte d'Azur Weniger Marmor, Luxus und Prestige

26.05.2009 ·  Die Krise geht auch an der noblen Orten zwischen Marseille und Monte Carlo nicht spurlos vorbei. Seit die russischen Oligarchen auf dem Rückzug sind, hat der Preispoker ein Ende.

Von Anja Martin
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Ein Privathaus für knapp eine halbe Milliarde Euro? Der Verkauf der Villa Léopolda an der Côte d'Azur Ende vergangenen Jahres galt als Preisrekord, der alles übertraf, was reiche Russen in den vergangenen Jahren an der mondänen Küste für Luxusdomizile hingeblättert hatten.

Zweistellige Millionenbeträge für eine zwischen Monaco und Cannes gelegene Privatimmobilie waren keine Seltenheit. Die 100-Millionen-Hürde war längst genommen. Je teurer die Anwesen, umso besser verkauften sie sich. Schließlich punkteten die Neureichen damit nicht nur in der Nachbarschaft, sondern auch in der Weltpresse.

Das ultimative Statussymbol

Unter den „neuen Zaren“ an der französischen Riviera sind viele Namhafte, etwa Sulejman Kerimow, der rund um den Erdball Anteile an Banken hält, der Investor Andrej Melnichenko mit seiner von Philippe Starck designten 120-Meter-Yacht oder der im Westen wohl bekannteste Russe, Roman Abramowitsch, Besitzer des Fußballclubs FC Chelsea. Sechzig russische Großverdiener sollen am Cap d'Antibes fündig geworden sein, und in zwei Dritteln der pompösen Domizile in Saint-Jean-Cap-Ferrat residierten im vergangenen Jahr die sogenannten Novoritch, die Neureichen, so schätzt man.

„Das Haus an der Côte d'Azur ist so etwas wie das ultimative Statussymbol“, vermutet Sema Jonsson, Regionaldirektorin der Groupe Immobilier Mercure. „Wie wenn sich Franzosen ein Weingut kaufen, eine Art Bonus nach einem erfolgreichen Geschäftsleben. Hat man hier ein Haus, hat man es geschafft.“

Villa für den Putin-Günstling

Eines der schönsten Anwesen an der französischen Riviera, die prächtige Belle-Epoque-Villa Léopolda, hatte sich der Putin-Günstling Prochorow ausgeguckt. Vom belgischen König Leopold II. vor gut hundert Jahren in Villefranche-sur-Mer errichtet, war sie in den fünfziger Jahren im Besitz des Fiat-Chefs Agnelli, der sie zum Treffpunkt des Jetsets machte und hier so berühmte Gäste wie Ronald Reagan und Frank Sinatra begrüßte.

Das Anwesen versprach Geschichte und Glamour, einen Traumblick und einen Park, der von fünfzig Angestellten gepflegt werden muss. Noch im August letzten Jahres überredete Michail Prochorow die Bankiers-Witwe Lily Safra, selbst eine der reichsten Frauen der Welt, mit einem dreistelligen Millionenbetrag zum Verkauf und zahlte 39 Millionen Euro an. Doch dann die Finanzkrise: Die Oligarchen verloren an der Börse große Teile ihres Vermögens, die Zahl der russischen Dollar-Milliardäre sank um die Hälfte.

Fast hatte der mit Nickel reich gewordene Prochorow noch Glück - nach Angaben der russischen Zeitschrift „Finans“ schrumpfte seine Habe zwar von 21 auf 14 Milliarden Dollar, doch da die anderen noch mehr verloren, darf er sich heute „reichster Mann Russlands“ nennen. Trotzdem sitzt der Rubel nicht mehr so locker.

Traditionelle Klientel

„Seit Beginn der Krise nimmt das Interesse nicht der Russen überhaupt, aber der russischen Oligarchen ab. Wir haben nun eine traditionellere russische Klientel mit einem Budget zwischen 2 und 15 Millionen“, berichtet Heathcliff Zingraf, Sohn von Michael Zingraf, der seit dreißig Jahren die exklusivsten Objekte der Côte d'Azur vermittelt. „Es stimmt, dass die großen russischen Kunden durch die Krise viel verloren haben und verschwunden sind.“ Manche verkaufen nun ihre Domizile.

So gehen Gerüchte um, dass Roman Abramowitsch, nachdem er bisher keinen Käufer für seinen Fußballclub gefunden hat, das Château de la Croé in der Baie des Milliardaires am Cap d'Antibes loswerden möchte. Ein lokaler Fischer ertappte ihn vergangenen Sommer noch dabei, wie er einen Steg zu einem 25-Meter-Anleger ausbaute, um mit seiner Luxusyacht zu Hause vorfahren zu können. Damals sah es noch nicht so aus, als wolle er seine Zelte abbrechen. Zur selben Zeit kaufte er seiner Verlobten in Rom ein Café für 3,5 Millionen Euro. Sollen sich die Zeiten in wenigen Monaten so grundlegend geändert haben?

Im Reich der Spekulation

Geht es um die reichen Russen an der Côte d'Azur, bewegt man sich meist im Reich der Spekulationen. So hält sich hartnäckig die Vermutung, dass Prochorow den Vertrag gar nicht annullieren, sondern den Preis auf 200 Millionen Euro drücken möchte. Oder war von vornherein alles nur eine PR-Masche, die er sich 39 Millionen Euro kosten ließ?

Was auch immer hinter dem Léopolda-Deal stecken mag. Offenbar haben in jüngster Zeit nicht nur Oligarchen einen Rückzieher gemacht. „Viele haben Kaufverträge unterschrieben, bevor es mit der Krise losging“, erzählt Sema Jonsson, die bei der Agence Mercure für die Côte d'Azur zuständig ist. „Da man in Frankreich für den endgültigen Kauf ein zweites Mal unterzeichnen muss, entschieden sie sich, auf ihre Anzahlung zu verzichten und den Kauf zu vergessen.“

10 Prozent des Kaufpreises müssen in Frankreich beim Unterschreiben des Vorvertrags angezahlt werden. Eine Summe, die nur bei zwingenden Gründen zurückerstattet wird. „Das kam immer mal vor“, erklärt Antoine Garcin, Sohn des Agenturgründers Emile Garcin und mit der Côte d'Azur betraut. „Aber jetzt sind es viel mehr.“ Mal ist es die Bank, die keine Kredite vergeben möchte. Andere Käufer argumentieren, zu teuer gekauft zu haben, und lassen die Sache bewusst platzen.

Preise sinken in Frankreich

Im ganzen Land geben die Immobilienpreise nach. Gerade veröffentlichte der französische Maklerverband Fnaim (Fédération nationale de l'Immobilier) die aktuellen Zahlen: So war im ersten Quartal Wohnraum in Frankreich um 9,8 Prozent billiger zu haben als ein Jahr zuvor, Häuser sogar um 11,2 Prozent, und die Transaktionen gingen um 30 Prozent zurück. Auch gebaut wird seltener. Zwischen November und Januar gab es in der Region PACA (Provence-Alpes-Côte d'Azur) 28,8 Prozent weniger neue Baustellen als ein Jahr zuvor - und manch begonnene wurde einfach gestoppt. Kahle Mauern und Häuser ohne Dächer in den Hügeln zwischen Nizza und Antibes zeugen davon.

Der Immobilienmarkt ist ein Käufermarkt geworden, da macht die Côte d'Azur keine Ausnahme. Objekte, die rundum in Ordnung sind, verkaufen sich noch problemlos, berichten die Makler. „Wenn das Haus aber nur ein kleines Handicap hat - ein wenig Lärm, keinen Meerblick bietet oder Renovierungsbedarf -, dann wird es schwer“, erzählt Makler Garcin. Der kleinste Makel führe dazu, dass viel gehandelt werde, der Käufer den Preis um 20 bis 30 Prozent drücken könne. „Das kennen wir erst seit dem letzten Quartal 2008.“

Üppige Renditen gibt es nicht mehr

Wie günstig Häuser zurzeit weggehen, ist allerdings weniger eine Frage von statistischen Quadratmeterpreisen, sondern abhängig von der persönlichen Situation der Besitzer. „Die einen bleiben bei ihrem Preis, weil sie sich sagen, sie können die Immobilie gut noch drei Jahre behalten“, berichtet Heathcliff Zingraf. „Andere, die Geld brauchen, gehen um 15 bis 20 Prozent runter - oder sogar um mehr“, fügt er an.

Sema Jonsson von Mercure erzählt von einem Eigentümer in Cannes, der für 6 Millionen Euro verkaufen wollte, nun aber so klamm ist, dass er das Haus für weniger hergeben würde, als er einmal bezahlt hatte. Und das ist an der Côte d'Azur definitiv neu - schließlich war man über Jahre üppige Renditen gewohnt.

Neue Käufer kommen

Die Agenturen berichten von einem neuen Käufertypus in den Zeiten der Krise: Geschäftsmänner treten auf den Plan - und die kommen aus aller Welt, auch weiterhin aus Russland. Es sind sowohl Privatleute als auch Firmen, die investieren möchten. Während das Vertrauen in Banken schwindet, verlässt man sich offenbar wieder auf Grund und Boden - und zahlt cash. „Sie suchen so etwas wie Schlösser, Anwesen mit viel Land. Das muss dann auch nicht mehr am Meer sein“, berichtet Sema Jonsson. Auch Jeoffrey Betremieux, stellvertretender Direktor von Barnes International in Cannes, berichtet von einer neuen Generation: „Ihnen geht es weniger um Marmor, Luxus und Prestige, sondern um ein gutes Geschäft.“

Sicher kann manch Findiger einen guten Deal machen. Doch den großen Ausverkauf und Luxusvillen zu Schnäppchenpreisen erwartet niemand. Selbst wenn die Kreml-Oligarchen ausscheiden: Was kann schon Schlimmeres passieren, als dass die beinahe surrealen Preise für Top-Anwesen einen kleinen Dämpfer bekommen? Darüber hinaus schert sich die alte Dame Côte d'Azur wenig um Aktienwerte und Rohstoffpreise. Hier weiß man, dass es immer Superreiche geben wird, die dem Charme der mondänen Küste nicht widerstehen können. „Wir sehen alle zwanzig Jahre neue Millionäre aus neuen aufstrebenden Ländern“, meint Maklerin Jonsson zuversichtlich.

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