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Bauhaus-Villa in Wiesbaden: Haus gesucht, Ikone gefunden

© Michael Kretzer

Haus gesucht, Ikone gefunden

Von JUDITH LEMBKE

16.06.2017 · Ein Paar aus dem Taunus verguckt sich in einen maroden weißen Bungalow. Was keiner ahnt: Es ist das einzige Haus des Bauhaus-Architekten Marcel Breuer in Deutschland.

Meistens formt ein Bauherr das Haus nach seinen Vorstellungen. Manchmal jedoch ist es umgekehrt. Monika Maria Eller sitzt auf dem Freischwinger S 64 von Marcel Breuer und lässt ihren Blick vom langen Tisch, auf dem nichts weiter steht als eine Vase mit Pfingstrosen, weiter durch den weiten, fast leeren Raum schweifen: „Wir werden immer minimalistischer“, sagt sie und lacht. Und ihr Mann Stefan Eller zeigt auf die Bauhaus-Möbelklassiker und fügt hinzu: „Mit der Zeit passen wir nicht nur das Haus an seinen Originalzustand an, sondern auch die Einrichtung.“

Das liegt nicht nur daran, dass die Ellers in einem Denkmal wohnen, dem einzigen erhaltenen Wohnhaus des Bauhaus-Designers und Architekten Marcel Breuer in Deutschland, sondern auch am besonderen Anspruch des Planers: Breuers Ideal war es, eine untrennbare Einheit von Architektur und Einrichtung zu schaffen – ein Ideal, das er in Wiesbaden zum ersten Mal verwirklichen konnte, bevor er nach seiner Emigration in die Vereinigten Staaten zum Stararchitekten avancierte.

© Michael Kretzer Der Bungalow versteckt sich am Hang. Die Natursteinmauer gliedert den langen Bau.

Völlig ungeplant sind die Ellers zu den Hütern von Breuers architektonischem Erbe geworden und haben ihre Rolle nach anfänglichem Zaudern begeistert angenommen. Denn vor sieben Jahren war das Ehepaar keineswegs auf der Suche nach einer Ikone, sondern sehnte sich einfach nach einer größeren Stadt. Aus dem beschaulichen Taunusstädtchen Bad Soden zog es sie nach Wiesbaden oder Frankfurt, egal, Hauptsache urbanes Leben. Doch dann stießen sie auf eine Immobilienanzeige bei der örtlichen Sparkasse, die für ein „renovierungsbedürftiges Haus in guter Lage“ warb. Von dem berühmten Architekten stand da nichts, denn auch in Fachkreisen war bis dahin nicht bekannt, dass es sich bei dem maroden weißen Bungalow um ein Werk Breuers handelte. Zwar ist das Vorgänger-Gebäude, eine Villa, die der Architekt 1932 für den Generaldirektor der Erdal-Werke, Paul Harnischmacher, und seine Frau entwarf, in allen Breuer-Monographien vermerkt. Doch sie wurde im Krieg zerstört. Das zweite Haus für die Harnischmachers, das Breuer 1954 aus Amerika auf demselben Grundstück baute, geriet in Vergessenheit.

Verlassen und trostlos wirkte der Bungalow auch, als Ellers ihn 2010 das erste Mal betraten: Er war zugewachsen, von Schimmel befallen, das Dach war undicht. Hinter den Eternitplatten des Simses steckte Asbest. Außerdem war das Haus energetisch eine Katastrophe. Einfach verglast und nicht gedämmt, schluckte es 8000 bis 10.000 Liter Heizöl im Jahr. „Die Nachbarn haben uns erzählt, es sei das einzige Haus in der Gegend gewesen, auf dem niemals Schnee lag“, sagt Stefan Eller.

© Thonet/Achim Hatzius Kalifornisches Flair in Wiesbaden: Das Gebäude der Nachkriegsmoderne liegt inmitten eines historischen Villenviertels.

Doch das Gebäude berührte das Ehepaar – mit seinen klaren Linien, den großen Fenstern, seiner Großzügigkeit. Umgeben von historischen Villen, strahlt es mit seinen weißen Mauern, der Natursteinbrüstung und dem glitzernden blauen Pool fast schon eine kalifornische Leichtigkeit aus. Kein Wunder, hatte der Architekt aus Amerika, wo er unter anderem das Whitney Museum in New York baute, auch architektonische und technische Innovationen mitgebracht. Das L-förmige Haus folgt Breuers „Sun and Shadow“-Philosophie: Zur Sonnenseite, wo Terrasse und Garten liegen, öffnet es sich mit großen Glasschiebetüren, für die Breuer eigens einen Kugellagermechanismus entwickelte. Auch der Hauswirtschaftsraum, der sich separat von außen begehen lässt, findet sich zu der Zeit kaum in deutschen Wohnhäusern – aber in amerikanischen.

Offen nach Süden, verschlossen gen Norden

© Schreiber und Partner

Es waren vor allem die technischen Details, die Stefan Eller, der Maschinenbau studiert hat, von dem Haus überzeugten. „Mich hat das Haus technisch begeistert, meine Frau emotional“, sagt der Bauherr.

Über die Bank fanden sie den Architekten Volker Schreiber, mit dem sie sich zunächst auf eine gemeinsame Reise begaben. Nachdem den Bauherren klar wurde, was für eine besondere Geschichte dieses Haus mit sich bringt, wollten sie alles darüber wissen. „Wir sind zum Bauhaus nach Dessau und Berlin gefahren, weil wir alles über das Bauhaus lernen und uns damit identifizieren wollten“, erzählt Eller. Schließlich gilt Marcel Breuer als einer der bekanntesten Protagonisten dieser Schule, ist einer der Erfinder der Stahlrohrmöbel und hat 1925 mit dem Wassily Chair eines der berühmtesten Möbelstücke des 20. Jahrhunderts entworfen.

Trotz des wachsenden Verständnisses für die Besonderheiten des denkmalgeschützten Hauses war die Sanierung ein Prozess mit vielen Höhen und Tiefen. „Die Bauherren wollten aus diesem Haus der Nachkriegsmoderne zuerst eines machen, wie es heute modern ist“, erzählt Architekt Schreiber. In Schlaf- und Kinderzimmer wollten sie die halbhohen Fenster durch bodentiefe ersetzen, die Deckenheizung sollte einer Fußbodenheizung weichen, und die Natursteinmauer zum Pool sollte durchbrochen werden. Heute ist Ehepaar Eller froh, nichts davon umgesetzt zu haben. „Wir haben gelernt, dass in diesem Haus nichts dem Zufall überlassen wurde“, sagt der Bauherr. Das lag an der Überzeugungsarbeit des Architekten, aber auch am zuständigen Denkmalpfleger, der sie mit seiner Begeisterung für das wiederentdeckte Kleinod im Wiesbadener Komponistenviertel ansteckte: „Marcel Breuer hat die Fensterhöhe extra so gewählt, damit sich das Licht unter der Brüstung bricht, weil Paul Harnischmacher sehr lichtempfindlich war“, erläutert Monika Maria Eller. „Er hat extra den Sonnenstand berechnet – wer macht das heute noch?“

© Michael Kretzer Innenansichten des Hauses

Auch an anderen Stellen nahmen die Bauherren davon Abstand, das Haus einer radikalen Verjüngung zu unterziehen, und versuchten stattdessen, den Originalzustand wiederherzustellen, ohne auf heutigen Komfort verzichten zu müssen. Da früher Teppichboden im Haus gelegen hatte, verzichteten sie auf Parkett, wie sie es anfänglich geplant hatten. Auch die raumhohen Türen wurden durch originalgetreue Nachbauten, allerdings mit geschlossenen Oberlichtern, ersetzt. Die Originale gingen an das Bauhaus-Archiv in Berlin.

Andere Details aus der ursprünglichen Einrichtung konnten erhalten werden, auch wenn das Haus in einem jämmerlichen Zustand war, als Ehepaar Eller es 2010 kaufte. Zentrum des Wohnzimmers ist der imposante raumhohe Kamin aus Naturstein, der von Breuer selbst entworfen wurde und den Grundriss des Hauses wiedergibt. Die Schiebetür aus geflochtenem Bast, die nach Bedarf Wohn- und Esszimmer trennt, finden die Bauherren nicht nur schön, sondern auch praktisch: „Wenn wir Gäste haben, können wir in Ruhe den Esstisch abräumen, ohne dass die Gäste aus dem Wohnzimmer auf das Chaos blicken“, lobt Monika Maria Eller den Vorzug. Im Alltag lassen sich Küche, Ess- und Wohnzimmer hingegen zu einem etwa 80 Quadratmeter großen Raum zusammenschalten. Insgesamt hat das Haus 255 Quadratmeter Wohnfläche, wovon sich allerdings 80 Quadratmeter in einem Anbau von 1983 befinden. Dort hat Monika Maria Eller, die histaminarme Weine vertreibt, Lager und Büro.

Eine große Herausforderung war es, das Haus energetisch zu sanieren, ohne zu sehr am Denkmal zu kratzen. „Wir hatten Sorge, dass der Kugellagermechanismus der Schiebefenster nicht mehr funktioniert, wenn wir die Einfach– durch eine Dreifachverglasung ersetzen weil es dann zu schwer wird“, sagt Architekt Schreiber. Doch sie hatten Glück: Die Fenster lassen sich noch immer leicht auf- und zuschieben. Auch die Frage nach der Deckenheizung war nicht einfach zu lösen. Wo bekommt man so etwas heute her? „Am Ende haben wir eine Fußbodenheizung an der Decke angebracht“, sagt Schreiber. Betrieben wird sie teilweise durch eine Solaranlage auf dem Dach. Die notwendigen Dämmschichten der Außenwände wurden durch geschickte Staffelung kaschiert. „Am Ende war die Sanierung deutlich teurer als gedacht, teilweise haben wir schon Angst bekommen“, beschreibt der Bauherr die Tiefen des dreijährigen Prozesses, bis sie 2014 in das Haus ziehen konnten.

© Michael Kretzer Monika Maria und Stefan Eller

Fertig sind die beiden noch lange nicht: Jetzt ist das Interieur dran. „Wir richten uns jetzt Stück für Stück mit Breuer-Möbeln ein. Das Haus hat sie einfach verdient“, sagt Stefan Eller. Dass die Einrichtung nicht zu steril wirkt, wie Breuer von Zeitgenossen vorgeworfen wurde, dafür wird Sohn Constantin sorgen: Wo ein Zweieinhalbjähriger wohnt, ist es immer lebendig.

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Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 16.06.2017 08:26 Uhr