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Mikroapartments : Platznot macht erfinderisch

Simsalabim - und schon ist das Bett weg. Bild: Ori Systems

Wohnraum in den Städten wird immer teurer. Deswegen entstehen überall Mikroapartments. Doch wie richtet man sich ganz klein ein? Zum Beispiel mit Robotermöbeln.

          Wer schon einmal Urlaub im Wohnmobil oder auf einem Segelboot gemacht hat, der weiß: Enge macht kreativ. Da wird aus dem Bett tagsüber die Sitzbank, und der Tisch wird gleich nach dem Essen wieder eingeklappt, um überhaupt aufstehen zu können.

          Judith Lembke

          Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Was für die einen freiwillige Selbstbeschränkung auf Reisen ist, ist für immer mehr Menschen Wohnalltag. Einer globalen Studie des britischen Forschungsinstituts Yougov zufolge gaben zwei Drittel der Befragten an, jeden Quadratmeter ihrer Wohnung effizient nutzen zu müssen, und die Hälfte sagte, sie wähle ihre Möbel eher nach der Funktionalität als nach der Ästhetik aus. Immer mehr Menschen ziehen in die Städte, in den wachsenden Metropolen wird der Raum knapper und teurer. Zudem leben die Großstädter zunehmend allein.

          Manche Apartments sind kaum größer als ein Kinderzimmer

          Die Immobilienwirtschaft reagiert auf diese Entwicklung mit dem Bau von Mikroapartments, manche kaum größer als ein Kinderzimmer, aber mit dem Versprechen, eine vollwertige Wohnung zu bieten. Doch wie richtet man sich ein, wenn die eigenen vier Wände so viele Quadratmeter zählen wie die Ankleide in einer Vorortvilla, dort aber nicht nur Kleidung und Schuhe, sondern auch Badezimmer, Küche, Bett und Sofa hineinpassen müssen?

          Für Hasier Larrea ist die Antwort klar: „Wir müssen den Raumkillern zu Leibe rücken“, sagt der Ingenieur. Als solche bezeichnet er Möbel, die einen Großteil des Tages ungenutzt sind. „Warum muss ein Bett 24Stunden lang kostbaren Platz beanspruchen, wenn es doch nur in der Nacht gebraucht wird“, haben er und ein paar Mitstudenten an der amerikanischen Eliteuni MIT sich vor ein paar Jahren gefragt. Ihre Antwort heißt Ori, ein smartes, von der japanischen Falttechnik Origami inspiriertes Möbelsystem, das Larrea und seine Mitstreiter zusammen mit Yves Béhar, einem der bekanntesten Industriedesigner der Welt, entwickelt haben. Das kompakte Möbel beinhaltet Bett, Arbeitsplatz, Schrank, Schubfächer und Stauraum, in der Luxusvariante ist sogar ein Sofa mit dabei.

          „Möbel mit Superkräften“

          Von vorne sieht Ori ein bisschen aus wie eine dieser Holzfurnier-Schrankwände aus dem Möbelhaus, die im Katalog immer mit Fernseher, Zimmerpflanze und gerahmten Sinnsprüchen dekoriert werden. An der Schmalseite ist Platz für Bücher, allerdings ist da auch noch ein Schalter: Denn eigentlich ist Ori ein als Schrank getarnter Roboter oder auch ein „Möbel mit Superkräften“, wie Larrea es nennt. In seinem Inneren stecken Sensoren, Motoren, Räder, Schienen und natürlich viel Software. Die Technik ermöglicht, dass sich das Möbel selbständig in ein Bett, einen Schreibtisch oder einen begehbaren Kleiderschrank verwandelt.

          Bedient wird Ori mit Fingerbewegung oder Sprachkommando. Für das Letztere braucht es allerdings noch einen weiteren smarten Dienstboten, Amazons digitalen Assistenten: „Alexa, bitte Ori, mein Bett zu machen“ lautet eine der Zauberformeln, woraufhin wie von magischer Hand das Bett ausfährt, an derselben Stelle, wo eben noch der Schreibtisch war. „Die Menschen sollen sich in kleinen Wohnungen fühlen, als hätten sie drei Zimmer, nicht nur eins“, sagt Larrea, der mittlerweile Geschäftsführer von Ori Systems ist. Der Erfinder versichert auch, dass das Bett nicht einfach einfährt, während man gerade darin schläft. „Die Sensoren erkennen das Körpergewicht“, verspricht Larrea.

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