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Aufräumexpertin Birgit Medele : Machen Sie sich frei!

  • Aktualisiert am

Raus, raus, raus damit! Bild: Wresch, Jonas

Das Frühjahr ist die ideale Jahreszeit um Abzuspecken. Das gilt auch für die eigenen vier Wände. Die Beraterin Birgit Medele über volle Räume und wie man Ballast abwirft.

          Nicht nur auf dem Dachboden und im Keller hat sich übers Jahr jede Menge Krusch angesammelt, auch in den Wohnräumen hat er freie Plätze und Nischen gefüllt. Da ist dieser rote Sessel aus den Fünfzigern, den man im vergangenen Sommerurlaub auf einem südfranzösischen Flohmarkt entdeckt hatte und so lange für ein tolles Schnäppchen hielt, bis man mit ihm zu Hause ankam. Seitdem steht das Möbel fremd in der heimischen Wohnwelt herum. Gleiches gilt für das monströse Silberbesteck, das einem die Tante vermacht hat und das nun die Besteckschublade verstopft. Auch das Bücherregal ist plötzlich viel zu klein, ebenso der Schuhschrank, der Werkzeugkasten, das Sideboard im Arbeitszimmer. Höchste Zeit, sich zu trennen, findet Birgit Medele, Beraterin aus London und Aufräum-Spezialistin.

          Frau Medele, Möbelstücke, Kleider, Fotos, Postkarten, Geschirr, herumliegende Zettel - wieso fällt es vielen Menschen so schwer auszumisten?

          Weil die Dinge sprichwörtlich an uns kleben. Im Durchschnitt besitzt jeder Mensch in der westlichen Welt um die 15.000 Dinge, das meiste davon aber benutzen wir nie.

          15.000?

          Bestimmt. Mit dem, was auf Datenträgern gespeichert ist, allemal. Das meiste ist einfach unnützer Kram. Clutter, wie die Engländer sagen. Das ist viel treffender als Krusch. Das ist mir zu liebevoll, viel zu freundlich. Nein, Clutter, das meint Gerümpel, Dinge, ob groß oder klein, die weg gehören. Ein ganz dicker Brocken sind übrigens Bücher. Einmal gelesen, dann verstauben sie.

          Bücher als Gerümpel? Da muss ich widersprechen. Vieles liest man mehrmals, und in einem größeren Haushalt finden sich vielleicht andere Interessenten...

          Sehen Sie, so argumentieren alle Sammler. Da können sie gleich alles aufheben. Außerdem steckt da auch eine gewisse Anmaßung drin, wenn man glaubt, dass die Dinge, die man selbst für wichtig hält, auch die Kinder oder den Partner interessieren müssten.

          Sie sind aber streng. Ich würde das eher als Angebot sehen...

          Ich bin doch nicht streng. Mal ehrlich, diese Regale, gefüllt mit Reiseliteratur, Kunstbänden und der Thomas-Mann-Gesamtausgabe, was zeigen die denn? Wie weit gereist ich bin. Welchen Kunstverstand ich besitze, auf welchem literarischen Niveau ich unterwegs bin.

          Ehe wir hier auf ein anderes Feld geraten: Warum räumen wir dann nicht einfach auf?

          Das ist ein interessantes Phänomen. Vieles haben wir eher beiläufig eingesammelt, da gibt es dieses verlockende Sonderangebot, und schon kommt man mit etwas nach Hause, was man bisher nicht gebraucht hat und auch in Zukunft nicht brauchen wird. Aber wenn wir etwas erst einmal haben, werden wir unsicher, wer weiß, wann es nochmal vonnöten sein könnte? Da sind die Mitbringsel aus dem Urlaub, mittels deren wir uns die Erinnerung an eine schöne Zeit bewahren wollen. Bei Geschenken und Erbstücken schwingt das Gefühl der Verpflichtung mit. Die Dinge lähmen uns.

          Hm, lähmen? Sie nerven jedenfalls.

          Ja, aber sie lähmen uns auch, rauben Energie für Neues. Ein Großteil dessen, was uns umgibt, hatte vielleicht eine Bedeutung in der Vergangenheit. Wir sitzen im Museum unseres Lebens.

          Das klingt gruselig. Erinnerung ist doch auch wertvoll...

          Schön, aber wenn sie keinen Platz für Neues lässt, dann wird es kritisch. Deshalb ist es wichtig, sich immer wieder im wörtlichen Sinn Freiraum zu verschaffen und auszumisten, davon geht ein unglaubliches Glücksgefühl aus. Das Frühjahr ist ein idealer Zeitpunkt, den Schwung, den wir da entfalten, kann man ganz herrlich nutzen.

          Sie raten zur Tabula rasa?

          Oh nein, um Himmels willen. Großprojekte sind meist zum Scheitern verurteilt. Am besten Schritt für Schritt. Alles andere ist heikel. Meist weiß man ja gar nicht, wo man anfangen soll. Deshalb muss man planvoll vorgehen. Mit einem Papierstapel, einer Schublade, den Pullovern. Am besten trägt man sich im Kalender dafür eine halbe Stunde Aufräumzeit ein. Dann behält man die Übersicht und riskiert keinen Nervenzusammenbruch.

          Und das soll etwas bringen?

          Definitiv, wenn man dranbleibt. Man muss sich schrittweise an den freien Platz gewöhnen. Macht man zu viel auf einmal, tendieren die meisten Menschen dazu, die neue Leere rasch wieder aufzufüllen. Beobachten Sie das mal. Kaum hat man sich sichtbar befreit, schleppt man Neues an.

          In einem Haushalt mit mehr als einer Person tragen mehrere zur Sammlung bei.

          Ja, und da gilt: Jeder kümmert sich um seine Sachen und fängt bei sich an. Alles andere führt nur zu Stress und Streit.

          Das Interview führte Birgit Ochs.

          Quelle: F.A.S.

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