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Anders Wohnen (9) Mein Schiff und die Liebe zum Licht

21.08.2008 ·  Christian Lilge schwärmt für Wasser und Holz. Da passt es bestens, dass sich der Tischler auf einem alten Kahn am Hohenzollernkanal in Berlin eingerichtet hat. Statt Aussteiger-Ambiente bietet das Schiff 130 Quadratmeter Komfort mit Strom, Wasser, Heizung.

Von Jörg Niendorf
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Dieses Licht. Es kommt von überall: Gleißend von oben durch die große Dachluke, strahlend von der Seite und glitzernd von schräg unten. Gerade dieses verspielte Glitzern hat es Christian Elissavitis Lilge angetan.

Es sind die Lichtreflexionen von der Wasseroberfläche, die in sein Hausboot „Müritz“ fallen. Sobald die Sonne hinter einer Wolke hervorkommt und sich gleichzeitig vor den Wohnzimmerfenstern kleine Wellen kräuseln, tanzen die Lichtstrahlen. Sie malen flüchtige Motive und Muster auf die hellen Holzwände oder spiegeln sich im Milchglas der runden Deckenleuchten. Besser, als es eine psychedelische Lampe je könnte.

Es ist das Licht

Und besser könnte auch Christian Lilge seine Hausbootliebe nicht beschreiben als mit diesem Licht. „Genau so gibt es das nur hier“, schwärmt der 38 Jahre alte Berliner. Seit drei Jahren gehört ihm die „Müritz“, die fest vertäut in einer Bucht des Hohenzollernkanals nördlich der Berliner Innenstadt liegt.

Der alte Kahn und sein junger Eigner bilden ein gutes Paar. Denn Lilge ist Tischler, und sein Haus auf dem Wasser ist aus Holz. Das heißt, alle Aufbauten des Schiffes sind es. Auf dem Stahlrumpf steht ein Holzbau.

„Also gibt es nichts am Haus, was ich nicht selber machen kann“, sagt Lilge. Von Grund auf saniert der selbständige Schreinermeister und Möbeldesigner sein schwimmendes Heim, ohne dass er es jedoch zu einem Designerschiff machen will. Vielmehr schafft sich der Berliner, der griechische Wurzeln hat, ein Haus „wie eine Insel“. Ein Heim, das das ganze Jahr über etwas Sommerlich-Maritimes ausstrahlen soll.

Große Wohnküche eingebaut

Im Inneren hat er dazu zum Beispiel schon mehrere Zwischenwände herausgerissen, so dass eine große Wohnküche entstanden ist. Sie liegt genau in der Mitte der „Müritz“ und ist der Dreh- und Angelpunkt des Lebens an Bord. An dieser Stelle hat der Hausbootbesitzer auch das drei mal eineinhalb Meter große Oberlicht eingebaut, das sich bei schönen Wetter aufklappen lässt. Ebenso gibt es ein Panoramafenster über der Küchenarbeitsplatte.

So erlebt Lilge etwa beim Gemüseschneiden die vorbeifahrenden Ausflugsdampfer oder Lastkähne wie im Cinemascope-Format. Seine Gäste können sich unterdessen auf einer breiten, in die Wand eingebauten Couch räkeln und den Ausblick genießen. Oder am langen Esstisch aus Ahorn Platz nehmen. Von jeder Ecke dieses Salons aus lässt es sich weit in die Bucht hinein und zu den Nachbarbooten hinüberschauen.

Ursprünglich war die „Müritz“ ein Ziegelkahn

Man sitzt hier nicht unter Deck, sondern oben drauf. Daher die Weitsicht. Und trotzdem ist die „Müritz“ keines jener Hausboote, bei denen lediglich ein Leichtbau zum Wohnen auf einen Schwimmponton montiert wurde. Sie ist wirklich ein Schiff, darauf kommt es Christian Lilge an, er hebt diesen kleinen Unterschied gern hervor. Um 1900 muss der Rumpf gebaut worden sein. Erst war das Boot ein Ziegelkahn, 40 Meter lang und fünf Meter breit.

Er wurde ausschließlich gezogen, daher hatte er nie einen eigenen Antrieb. Nur ein Ruderblatt und einen Steuerstand gibt es am Heck, gelenkt werden musste schließlich. Seit den sechziger Jahren war der schwere Kahn dann ein Schulungsschiff für Kanalbauer in der DDR, aus dieser Zeit stammen die Holzaufbauten.

Mehrere Kajüten gab es für die Lehrlinge, vorne zudem die Kombüse und einen Mannschaftsraum. Alles aneinandergereiht wie in einem Abteilwagen der DDR-Reichsbahn. Und sogar stilecht versehen mit Schiebetüren und Fenstern zum Herunterkurbeln.

Wohnprojekt für Gestrandete

Zuletzt war das Schiff jedoch ein Wohnprojekt für Gestrandete. Sie sollten in der Kanalbucht trocken oder clean oder beides werden. Dem Leiter dieses sozialen Projekts kaufte Lilge das Schiff ab, fast aus einer Laune heraus, erzählt er. Zuerst war er nur aus Neugier der Kleinanzeige eines Bootsmagazins gefolgt.

Als er an Bord kam, fiel der Entschluss schnell. „Die Substanz reizte mich“, sagt Lilge, außerdem die Geschichte, die dieser sehr spezielle Wohnort auf dem Buckel hat. Ebenso hoffte er auf ein neues Lebensgefühl: in der Stadt und zugleich weit draußen wohnen zu können. Das stellte sich schnell ein, bekräftigt er heute. „Ich glaube nicht, dass ich so bald wieder in einer normalen Wohnung leben möchte.“ Die Fabriketage jedenfalls, in der er zuletzt gewohnt hatte, hat er längst an einen Freund abgegeben.

An Land ist nur noch die Werkstatt

Nur seine Tischlerwerkstatt hat er noch an Land. Sie liegt ganz in der Nähe. Dort ist er Kiez- und Kunsttischler in einer Person. Er tischlert für Nachbarn und übernimmt genauso außergewöhnliche Sonderanfertigungen oder kreiert Solitärmöbel aus Vollholz. Dort plant und konstruiert er ebenso alles, was dann die „Müritz“ ziert. Das Hausbootbadezimmer etwa. Es hat mittlerweile Wände aus hellen Holzlatten, die wie bei einem alten Segelschiff in Klinkerbauweise zusammengezimmert sind.

Der lackglänzende Holzboden mit seinen schwarzen Fugen gleicht auch einem Schiffsdeck. Eine wuchtige historische Zinkbadewanne steht in der Mitte - darin ist jeder ein Kapitän, ohne Frage. Eigenwillige Objekte wie dieses passten eben am besten in sein Wohnschiff, findet der kunstsinnige Tischler.

Im Vorderschiff steht schon die nächste Wanne parat, sie ist aus Edelstahl und stammt aus einer Bäckerei. Früher war das ein Trog zum Teigkneten, nun wird sie zur Duschtasse. Eine puristische, edel anmutende Holzeinfassung hat die Wanne schon. Sie wird Teil einer Art Kapitäns-Suite. Im größten Raum des Schiffes vorn im Bug richtet Lilge dieses Komfort-Abteil ein.

Von Aussteigerambiente keine Spur

Insgesamt ist die schwimmende Wohnung 130 Quadratmeter groß. Auf keinem einzigen davon zieht jedoch das alte Aussteiger-Klischee, das Hausbooten gern anhaftet. Ein properer Rhododendron steht auf dem Achterdeck gleich neben dem Steg, über den man an Bord gelangt, und in den meisten seiner fünf Wohnräume sorgt der Besitzer auch immer für eine Vase mit einer frischen Blume. So, als würde gleich hoher Besuch anstehen.

Schwer wie ein Klotz liegt das Schiff im Wasser, vor Seekrankheit braucht man sich selbst bei Starkwind nicht zu fürchten. Nur die Hängelampe in der Küche schwingt dann etwas. Zu seinen Nachbarn auf den elf anderen Schiffen der Kanalbucht hat Lilge gute Kontakte, einige sind relativ neu dabei wie er. So wie der Besitzer der „Sonnellino“, die früher „Rostock“ hieß. Das ist das Schwesterschiff, das in nur wenigen Metern Entfernung längsseits liegt.

Der Nachbar ist beim Film. Auch in einer Hausbootkolonie wie dieser, die einst „schwarz“ entstanden ist und heute vom Wasser- und Schifffahrtsamt gegen Zahlung einer Jahrespacht doch geduldet wird, ist ein Generationen- und Sinneswandel allgegenwärtig. Ein wenig urbaner Schick zieht ein, eine Portion Showroom wie an Bord von Tischler Lilge. Und vor allem greift viel Pragmatismus um sich. Alle Bewohner haben einen Zaun und eine Gartenpforte an Land, einige sogar eine Klingel.

Wasser, Toilette, Heizung, Strom - alles da

Verzichten muss man auf nichts. Auch die „Müritz“ bekommt Wasser und Strom aus dem öffentlichen Versorgungsnetz. Eine Toilette und einen ganz korrekten Abwassertank gibt es an Bord, außerdem eine Ölheizung.

Zusätzlich hat Lilge einen Bullerjan-Ofen aufgestellt, der schnell die Feuchtigkeit aus den Wohnräumen vertreibt. Die ist auf einem Schiff schließlich immer da. Möglichst bald will der Hausbootbesitzer außerdem die hölzerne Außenfassade erneuern und effizient dämmen. Solche Überlegungen treiben derzeit jeden Eigentümer um - logischerweise auch auf dem Wasser. Später will Lilge nur noch mit Holz heizen und Solarkollektoren auf das Schiffsdach montieren. Der Standort ist unverschattet, also einfach ideal.

Bed-and-Breakfast für Berlin-Touristen

Für noch etwas will er sein Schiff aufrüsten: als Bed-and-Breakfast-Herberge. Eine Konzession hat er dazu bereits eingeholt. Persönlich empfohlene Gäste, die nach Berlin kommen, will er bei sich auf dem Schiff unterbringen. Ihnen will er zeigen, wie es sich als Insulaner mitten in der Stadt lebt. Dann wird ihnen der Schiffseigner am bulligen Herd auch ein kräftiges Bordfrühstück bereiten, schließlich ist er ein begeisterter Koch.

Wohnen sollen die ersten Gäste im „dänischen Zimmer“, einem Raum, der mit Möbelklassikern aus dem Norden eingerichtet ist. Doch gleichzeitig plant der rührige Hausbootbesitzer immer weiter. Genau diese Kajüte, sagt er, „kann auch einmal ein Kinderzimmer sein“.

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