Home
http://www.faz.net/-gz9-1039n
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Anders Wohnen (8) Ein Leben im Gasometer

11.08.2008 ·  Das Ehepaar Angerer lebt an einem Ort, der mit dem berühmten Wiener Flair wenig gemein hat: Sie wohnen hinter den Fassaden alter Gasbehälter im Osten von Österreichs Hauptstadt - so wie 1500 andere Menschen in der Gasometer-City auch.

Von Michaela Seiser
Artikel Bilder (7) Lesermeinungen (0)

Wer zum ersten Mal mit dem Auto in die Gasometer-City in Wien fährt, muss Geduld haben. Auf Anhieb findet der Besucher zwar die richtige Abfahrt nach Simmering, den elften Gemeindebezirk der österreichischen Hauptstadt. Schon stechen vier Türme ins Auge - groß wie wuchtige Burgfriede: Es sind die denkmalgeschützten Gasbehälter, deren Numerierung A, B, C und D ein wenig an Flughafen-Terminals erinnert.

Doch nun beginnt der schwierige Teil: Zunächst muss die passende Garage gefunden werden, was nicht ganz einfach ist. In der Garage selbst ist es eine Kunst, den Ausgang zu finden. Dann landet der Besucher in einem Einkaufszentrum, von wo aus er sich weiter zu den Wohngebäuden durchschlägt. Auf dem Weg dorthin gerät er fast unwillkürlich in eine Ausstellung über Körperwelten.

Nicht viele finden auf Anhieb den Weg

Doch wo ist Villa Verde? So heißt der Gasometer D. Hier lebt Gabriele Angerer mit ihrem Mann im vierten Stock. „Haben Sie hergefunden?“, lautet die rhetorische Frage. „Etliche Klienten sind verwirrt - trotz guter Beschreibung“, erzählt die selbständige Buchhalterin, die hier auch ihr Büro betreibt. Alles in dieser Wohnung blitzt blank. Es fällt schwer, sich vorzustellen, dass hier jemand lebt. Dafür wirkt die Unterkunft mit Arbeitszimmer zu unbewohnt.

Der Sohn der Angerers ist erwachsen. In seinem einstigen Reich hat die Wienerin ihr Büro eingerichtet. Jetzt stehen hier Ordner von Menschen, für die sie die Buchhaltung erledigt. Von hier aus blickt Gabriele Angerer über die Autobahn auf die Praterau, eine der grünen Lungen Wiens. Dorthin geht sie morgens um 6 Uhr über einen Gaswerksteg mit den Nordic-Walking-Stöcken.

Auch den Kahlenberg und den Leopoldsberg sieht sie in der Ferne. „Jeden Tag, wenn ich in meinem Zimmer sitze, bin ich so froh, hier zu sein“, sagt die Wienerin. Sie schwärmt von einem Lebensgefühl mit viel Luft und Helligkeit. Es gebe kein Visavis. Das schätzt Angerer sehr. „Wer sieht schon das alte Wien mit dem Riesenrad und dem Wiener Wald sowie das neue Wien mit dem Praterstadion.“

Die Außenmauer ist nur Fassade

Vom angrenzenden Speisezimmer und Wohnsalon führt eine Loggia in einen begrünten Innenhof. Die überdachte Veranda ist wegen der Katze mit einem Netz bespannt. Hier weht eine starke Prise, und man sieht durch ein Fenster der ursprünglichen Gasometerhülle hinaus. Denn der Backsteinbau ist ausgehöhlt, seine Außenmauer nur Fassade, hinter der sich die neuen Wohnbauten verbergen. Für Angerer ist das Wohnen im Gasometer das höchste der Gefühle: „Die meisten bewundern uns. Jeder glaubt, da wohnen nur Reiche.“

Tatsächlich sind die Wohnungen von der öffentlichen Hand subventioniert. Mit nicht rückzahlbaren Zuschüssen - sowie einer beispiellosen, öffentlich finanzierten Werbekampagne - wurden die Appartements in den Gasometern aus der Gründerzeit angebracht. In einem umfangreichen Umbau wurden die Industriedenkmäler von 1999 bis 2001 revitalisiert. Manche der Wohnungen wurden als Eigentum verkauft, andere sind vermietet wie die der Angerers.

Bewohnerin Angerer liebt den Neubau

Für 86 Quadratmeter zahlt das Ehepaar 460 Euro Miete im Monat. Dass sie in einem Industriegebiet lebt und in einem ehemaligen Gasbehälter wohnt, stört das Paar nicht. Gabriele Angerer ist in einem Altbau mit hohen Räumen, Flügeltüren und Parkettböden aufgewachsen. Seither liebt sie Neubauten. „Wenn zu mir jemand käme und sagte, ich schenke Ihnen eine Villa, ich würde sie nicht nehmen.“ Vor sieben Jahren ist sie hier im Südosten der Stadt eingezogen.

Als einziger Gasometer weist der vom österreichischen Architekten Wilhelm Holzbauer gestaltete Gasometer „D“ keinen zentralen Innenhof auf, dafür aber verfügt jede der 119 Wohnungen über eine kleine Grünfläche oder zumindest eine Loggia. Der Wohnturm im Zentrum des Gasometers hat die Grundform eines Kreises mit drei rechteckigen Armen, zwischen denen sich Grünflächen befinden. Ein Grund für diese Form ist, dass die Leute sich nicht gegenseitig in die Wohnungen sehen oder alle in denselben Hof blicken müssen.

Die Angerers bewohnen eine von 600 Wohnungen, die auf diesem 220.000 Quadratmeter großen Stadtteil zusammen mit einem Freizeitareal untergebracht sind. Theoretisch, gibt Frau Angerer zu, und das sei Teil des „Gasometer“-Lebensgefühls, müsste man die Türme für lange Zeit nicht verlassen. Das können nur wenige Wiener von ihren Wohnhäusern behaupten. Von Briefkasten über Apotheke bis Fitnesscenter steckt so ziemlich alles in den vier Türmen. Selbst einen Psychiater gibt es.

Das spezielle Gasometer-Wohngefühl

Es herrscht ein eigener Charakter, der diese Stadt in der Stadt prägt. Durch die hohe Identifizierung der rund 1500 Bewohner mit dem Wohnraum gibt es eine große Wohngemeinschaft, die vor allem virtuell in einer Gasometer Community existiert. Als Kommunikationsforum dient weder ein Schwarzes Brett - ganz zu schwiegen von Mieterversammlungen, sondern ein eigenes Internetforum.

Unter Gasometer-City Wien informieren die G-Shops über die neuesten Modetrends und laden zum stressfreien Einkaufen ein. G-Cinema bietet Film- und Konzertkarten an. Man kommuniziert mit der Hausverwaltung, das dort G-Management heißt, erfährt die nächsten Termine. Entsprechend dem Zeitgeist duzen die G-Mitglieder im virtuellen Chat einander. Dieser zwanglose Umgang dürfte die vorwiegend jüngeren Bewohner ansprechen. Es handelt sich laut Angerer um ein mittelständisches Publikum, darunter viele Selbständige.

Frau Angerer erinnert sich, dass es zu Beginn ein recht intensives Gesellschaftsleben mit vielen Partys gab. Inzwischen hätte sich das gelegt. Sie selbst hat nur noch zu wenigen Nachbarn engen Kontakt. Eine Freundin wohnt in einem der anderen Türme. Das sei praktisch. Doch bemängelt Angerer, dass es nach Mitternacht nicht mehr möglich ist, innerhalb der Gasometer-City nach Hause zu kommen. Dann müsse man aus Sicherheitsgründen von außen kommen: „Nach 24 Uhr ist es wie in Alcatraz. Man wird eingesperrt.“

Die Bewohner entkommen schnell der Isolation

Frau Angerer kritisiert auch die nachlassende Einkaufsinfrastruktur. Zu Beginn war die Nahversorgung aus ihrer Sicht perfekt. Inzwischen hätten viele Ladeninhaber dichtgemacht, und die Qualität habe stark nachgelassen. Sie begründet dies mit einem fehlerhaften Marketing. Überdies gebe es zu hohe Mieten für die Geschäfte, „das hat sich nicht rentiert“. Das hat dazu geführt, dass viele doch wieder außerhalb einkaufen.

Wer will, entkommt dieser Isolation schnell - die infrastrukturelle Anbindung ist exzellent. Weniger als zehn Minuten braucht die U-Bahn von hier bis zum Stephansplatz im Herzen der Stadt. Die Autobahnen sind ums Eck. Frau Angerer gefällt es, nicht aus dem Gebäude rausgehen zu müssen und doch wochenlang dort leben zu können. Vor allem in Zeiten anhaltend hoher Treibstoffpreise sei dies ein wesentlicher Vorteil: Man braucht nicht so viel Auto zu fahren.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1968, Wirtschaftskorrespondentin für Österreich und Ungarn mit Sitz in Wien.

Jüngste Beiträge

29.05.2012 14:22 Uhr
  Vortag
Dax 6.367,92 +0,71%
 OK