04.08.2008 · In Bochum residieren Katja Leistenschneider und Hans-Peter Anders mit ihren Kindern in einer Maschinenhalle. Auf 400 Quadratmetern Wohnfläche können sie sich ausbreiten. Besucher fragen unweigerlich nach den Heizkosten.
Von Birgit OchsDer Wohnraum ist groß wie ein Ballsaal, und die fünf Meter hohen Fenster würden auch zu einer Kirche passen. Wie lang man wohl braucht, um die riesigen Glasflächen zu putzen? Eine kleinliche Frage angesichts der Großzügigkeit des Raums. Das Zuhause von Katja Leistenschneider, Hans-Peter Anders und den Kindern Casper und Johanna lässt sich einfach nicht mit den Maßstäben für ein normales Einfamilienhaus messen. Kein Wunder. Schließlich ist ihr Haus eigentlich gar kein Haus, sondern eine Halle. Eine Maschinenhalle, um genau zu sein.
Abseits der Hauptstraße liegt das stattliche Industriedenkmal am Rande eines Landschaftsschutzgebiets, umgeben von Wiese und Robinien. Warmer roter Ziegel leuchtet im Grün der sanften Hügellandschaft. Mit dem Rad ist die Bochumer Innenstadt fünfzehn Minuten entfernt.
Neugierige im Garten
Immer wieder ziehe es Neugierige in den Garten, berichtet die Hausherrin. Seit die Besitzer die Halle saniert haben, ist sie zum Blickfang für Spaziergänger im einstigen Revier geworden, die sich oft nicht vorstellen können, dass es sich bei dem Anwesen um ein privates Wohnhaus handelt. Einmal, an einem Sommertag, habe plötzlich eine Fremde neben ihr am Herd gestanden. „Die Haustür war offen, und die Frau dachte, das sei hier eine Ausstellungshalle, und kam einfach rein“, erzählt Katja Leistenschneider.
Als Kind ist sie nur sieben Straßen entfernt von ihrer heutigen Adresse in Bochum-Dahlhausen aufgewachsen. Später zog es sie ins Zentrum. Hätte man ihr damals gesagt, dass sie sich einmal in der alten Halle im Viertel ihrer Kindheit einrichten sollte, sie hätte wohl ungläubig gelacht. Denn der Backsteinbau am Polterberg war in jenen Tagen ein Ort, den man möglichst mied. Jahrzehntelang diente er als Notunterkunft für Familien, deren einziger Reichtum viele Kinder waren, und Gestrandete. Kurz, für Menschen, die von schöner Wohnen nur träumen können.
Einer der letzten Zeugen des Ruhrbergbaus
Die Maschinenhalle ist in der Region einer der letzten steinernen Zeugen des Ruhrbergbaus und der Zeche Hasenwinkel, deren Geschichte bis zum Ende des 17. Jahrhunderts zurückreicht. Um 1890 entstand der Backsteinbau. Er beherbergte die Dampfmaschine, die dem Förderturm der Zeche die nötige Energie lieferte.
Doch so rasant wie der Aufschwung, so schnell kam auch der Niedergang. Nur 29 Jahre später wurde die Zeche stillgelegt und fast alle Gebäude abgerissen. In die Halle aber zog man Zwischengeschosse und Wände ein, ersetzte die großen durch kleine Fenster, schüttete den Keller zu und machte sie zum Wohnhaus für Menschen, die am Wohnungsmarkt nur schwer eine Bleibe fanden. Irgendwann erhielt die Fassade auch noch einen Anstrich mit weißer Latexfarbe, wohl in der Hoffnung, dem trostlosen Ort damit etwas Frische zu verpassen.
Die Stadt wollte das Gebäude verkaufen
So blieb es, bis die Stadt Bochum Mitte der neunziger Jahre beschloss, das Gebäude loszuwerden. Es war Ballast für den städtischen Haushalt. Katja Leistenschneider und ihr Mann waren zu dieser Zeit gerade auf der Suche nach einem Eigenheim. „Eigentlich hatten wir an ein altes Schulhaus gedacht“, erzählt die Journalistin. Die Kinder waren noch nicht auf der Welt, aber das Paar hatte bereits den Plan gefasst, Wohnen und Arbeiten unter einem Dach zu verwirklichen. Vor allem Hans-Peter Anders war das wichtig. Er ist Architekt und wollte sich sein Büro unbedingt im Haus einrichten. Als dann eines Tages die Maschinenhalle im Angebot war, legte Anders der Stadt sein Nutzungskonzept vor - und erhielt den Zuschlag. Das war 1997.
Gut zwei Jahre dauerte der Umbau. „Alles in enger Abstimmung mit der Denkmalschutzbehörde“, sagt der Bochumer. Sein Ziel war es, das Gebäude einerseits so weit wie möglich wieder in den Originalzustand zu versetzen, andererseits aber an die zeitgemäßen Bedürfnisse von Wohnen und Arbeiten anzupassen. „Toiletten gab es nur im Treppenhaus, und Duschen und Badewanne waren ebenso Fehlanzeige wie moderne Heizungen“, erinnert sich seine Frau.
Stahlträger eigenhändig vom Rost befreit
Was der 45 Jahre alte Planer von Umbau und Sanierung erzählt, klingt nach jeder Menge mühsamer Arbeit. Im Innern verschwanden - bis auf zwei Ausnahmen - alle Wände. An ihre Stelle trat eine Stahlkonstruktion. Die alten Stahlträger unterm Dach, wo sich heute auf 230 Quadratmetern das Büro befindet, hat der Hausherr eigenhändig vom Rost befreit: „Für so eine Arbeit kriegen sie niemanden.“ Vergleichsweise unkompliziert war es hingegen, einen Schlosserbetrieb zu finden, der die Sprossenfenster mit dem nicht ganz gängigen Maß 5 auf 2,30 Meter anfertigte.
Der Abriss der Innenwände und die Erweiterung der Fensteröffnungen verhalfen Anders zudem zu Baumaterial, dass er an anderen Stellen benötigte, um die Fassade zu sanieren. Denn die Halle ist mit Ziegeln gebaut, die dem sogenannten Zechenformat entsprechen. „Auf diese Weise haben wir Brüche in der Optik vermieden“, erzählt der Hausherr.
Wohnen auf 400 Quadratmeter Fläche
Irgendwann war es geschafft und die Halle bezugsfertig. Familie Leistenschneider-Anders residiert nun auf gut 400 Quadratmeter Wohnfläche, fast wie in einem Palast. Schon der großzügige Flur eignet sich für Casper und Johanna und ihre Freunde an Regentagen zum Fußballspielen. Als sie noch kleiner waren, haben sie im Haus das Fahrradfahren geübt. Hinter dem Flur dann liegt ein Raum, in dessen Weite sich der Einzelne leicht verliert. Immerhin Küche, Ess-Wohn- und Klavierzimmer hat die Familie hier untergebracht, eine große Treppe führt hinauf in den ersten Stock - und doch wirkt alles nur sparsam möbliert. Und der Esstisch mit seinen zehn Stühlen kommt einem doch ein wenig klein vor.
„Wer uns besucht, fragt unweigerlich nach den Heizkosten“, sagt Katja Leistenschneider. Heizkörper gibt es nicht. Die Besitzer entschieden sich für ein sogenanntes Hüllflächen-Temperiersystem, eine Art Fußbodenheizung für die Wand: Durch Kupferrohre an den Außenwänden fließt warmes Wasser.
Die Heizung arbeitet schwerfällig
„Das ist relativ sparsam und heizt den hohen Raum gleichmäßig“, beschreibt Anders die Vorteile. Der Nachteil: Das System ist schwerfällig und hat eine lange Anlaufzeit. Deshalb heizt die Familie den großen Wohnraum bei Bedarf mit einem kanadischen Werkstattofen, einem „Bullerjan“, ein. Füttert man ihn mit Holzscheiten, wird es in seiner unmittelbaren Umgebung kurzfristig warm.
Im ersten Stock, das etwa die Hälfte der Grundfläche einnimmt, liegen die Schlafräume der Familie. Um sie zu schaffen, ließ Anders leichte Trennwände einziehen, die man jederzeit wieder abbauen kann. Sein Büro im Obergeschoss erreicht der Architekt von dort aus über ein separates Treppenhaus. Auf diese Weise laufen Besucher und Geschäftspartner nicht durch die Privaträume. Großartig sei der kurze Weg zum Arbeitsplatz und zurück, sagt Anders: „Für die Kinder bin ich so immer erreichbar, auch wenn ich viel arbeite.“
Birgit Ochs Jahrgang 1966, Redakteurin für „Immobilien“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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