16.07.2008 · Christian Erb und seine Frau Bärbel haben eine alte Seelotsenstation in Sassnitz in ein Wohnhaus verwandelt. Doch sie sind keineswegs die ersten Bewohner des Klinkerbaus.
Von Frank PergandeNach Rügen heißt nach Sassnitz reisen. So lässt Theodor Fontane in seinem Roman "Effi Briest" den Baron Innstetten reden. Ihm glaubt sofort jeder, der oben auf der alten Seelotsenstation steht und auf Sassnitz schaut. Auf den Ort selbst mit seiner bunten Bäderarchitektur, aber auch dahinter auf die alten Kreidebrüche als weiße Flecken inmitten der grünen Hänge, den Hafen und, dies vor allem, auf die glitzernde Bucht zu seinen Füßen, die Prorer Wiek.
Weil man von hier eine so weite Sicht auf die Ostsee hat, wurde 1894 die Lotsenstation an dieser Stelle errichtet. Es ist ein typischer wilhelminischer Bau. Verkleidet mit roten Klinkern, die damals nur bei öffentlichen Gebäuden erlaubt waren. Wuchtig wirkt das Gebäude, obwohl es eigentlich vergleichsweise klein ist und sogar kleine verspielte Giebel als Anklänge an die Gotik hat. Der Turm misst acht mal acht Meter und ist 22 Meter hoch.
Ein Schnäppchen für die Treuhand
Christian Erb und seine Frau Bärbel, die heute in der Lotsenstation leben, sind keineswegs die ersten Bewohner des eigentlich doch technischen Gebäudes. Schon der erste Lotse hatte unten seinen Arbeitsplatz, von wo aus er mittels aufgezogener Fahnen die Schiffe in den Hafen dirigierte, und oben seine Wohnung. Aber seit 1933 war es mit solchen Gemütlichkeiten vorbei. Von da an diente die Station bis zum Ende der DDR ausschließlich dem Militär. Auf den Turm kam ein achtzehn Meter langer und wohl vier Tonnen schwerer Antennenmast.
In der Zeit der Nationalsozialisten wurde von der Lotsenstation aus nicht nur die Bucht überwacht, sondern per Funkverkehr ebenso die Einfahrt zum Hafen in Stettin über Swinemünde und der Standort der Marine auf dem Dänholm vor Stralsund. 1945 übernahm die Rote Armee die Station in Sassnitz. Neben dem wilhelminischen Bau entstand auf der anderen Seite der sich vom Hafen in den Ort hinaufschlängelnden Hafenstraße ein Kasernengelände, dessen hässliche Reste darauf warten, endlich beseitigt zu werden.
Die Lotsenstation selbst aber war für die Treuhand ein Schnäppchen. Als sie ausgeschrieben wurde, meldeten sich 45 Bewerber. Zwar pochte das Wasser- und Schifffahrtsamt darauf, dass eine Lotsenstation doch wohl ihr Eigentum sei - als seetechnische Einrichtung. Aber die Treuhand verwies auf die lange militärische Nutzung. Die wiederum machte sie zuständig. Das höchste Angebot sollte den Zuschlag erhalten.
Hausherr Erb ist Immobilienspezialist
Erb und sein Geschäftspartner Andreas Lesch gründeten gemeinsam eine Firma nur für die Wiederherstellung des arg ramponierten Gebäudes, rechneten alles gründlich durch und planten, exklusive Ferienwohnungen dort einzurichten. 750 000 Mark wollten sie bezahlen. "Da hatte bei uns das Herz über den Verstand gesiegt", sagt Erb heute. Aber er sagt es mit einem freudigen Glitzern in den Augen.
Erb und Lesch gewannen die Ausschreibung, knapp. Beide haben Erfahrung beim Entwickeln von Immobilien, das ist ihr Beruf. Erbs Spezialgebiet sind "Food- und Nonfoodmärkte", also Supermarktbauten und die Suche nach Standorten dafür.
Auf Rügen kannte er sich ohnehin aus. Er hatte zuvor schon das ehemalige Zofenhaus der Auguste Victoria von Preußen gekauft, restauriert und weiterverkauft, heute ist es eine Pension. So war es auch mit der Villa in Sassnitz, in der heute die Sparkasse residiert. Die Lotsenstation aber gefiel Erb so gut, dass er selbst hier wohnen wollte.
Der Neubau ist das umstrittenste Gebäude der Stadt
Erb ist von Geburt Vorpommer, Demminer, lebt aber seit vielen Jahren in Hamburg. In Sassnitz fand er sozusagen eine neue Bleibe in der alten Heimat. Außer der Erbschen Wohnung gibt es acht Ferienwohnungen in der Lotsenstation. Fünf davon liegen im Altbau, die anderen in einem Anbau, den der Greifswalder Architekt Klaus Marsiske entwarf und der bis heute das wohl umstrittenste Gebäude in Sassnitz ist.
Der Anbau ist sozusagen der Stein gewordene Widerspruch zu den klaren Kanten der Lotsenstation. Die Fassade nimmt einerseits den etwas merkwürdigen Schnitt des Hanggrundstücks auf, andererseits die Küstenlinie: verläuft also wie eine Welle. In den Räumen mit Seeblick gibt es folgerichtig keine gerade Außenwand. 190 Quadratmeter Nutzfläche sind so entstanden - zu den 230 Quadratmetern im Altbau. Statt eines Daches gibt es auf dem Anbau eine 69 Quadratmeter große Terrasse. Dort haben die Erbs den für sie wohl schönsten Platz der Welt gefunden.
Das Meer und die Schiffe im Hafen liegen unter ihnen wie Spielzeug. Frei ist der Blick nach allen Seiten. Nur manchmal kann es da oben auch sehr windig sein. Erb erzählt wie jeder Bauherr stundenlang Baugeschichten. Ein paar Jahre musste das Vorhaben sogar ruhen. Dann gab es zwischendurch finanzielle Schwierigkeiten. 1997 wurde mit dem Bauen begonnen, 2005 endlich war alles fertig. Zwar hat die Lotsenstation 1,2 Millionen Mark gekostet, aber die Wohnungen darin, die alle Seeblick haben, waren sofort verkauft. Von der alten Station stammen aus Kaisers Zeiten noch die oberste Stufe der Treppe zum Haupteingang und die Hausnummer.
Plötzlich hing das Fundament quasi in der Luft
Auch das schmale Treppenhaus ist erhalten, wenngleich die alte Holztreppe, der die russische Vorherrschaft nicht gut bekommen war, durch eine steinerne ersetzt werden musste. Das alte Feldsteinfundament ist noch da und zeigt eine Besonderheit: Das Haus war seinerzeit in den Hang hinein gebaut worden. So kam es, dass beim Ausschachten plötzlich im hinteren Teil das Fundament gewissermaßen frei in der Luft hing. Es musste dann Schritt für Schritt untermauert werden, damit Turm und Haus nicht absackten.
Die Turmspitze sieht schon lange nicht mehr so aus, wie sie ursprünglich einmal gebaut worden war. Unter den Nationalsozialisten entstand, um die gewaltige Antenne halten zu können, ein ebenso gewaltiger Betonring um den Turm herum. Der war nicht zu sprengen oder zu zersägen. Erb hat ihn mit Kupferblech verkleiden lassen. Auf dem Turm wurde eine Laterne aufgemauert. Ursprünglich sollte sie mit einem Kuppelfenster gekrönt werden. Aber das war dann doch zu teuer. Heute ist es eine gläserne Spitze.
Bei allem hatte auch die Denkmalpflege mitzureden. So musste das Dach mit glasierten grünen Biberschwänzen eingedeckt werden. Auch das war nicht gerade billig. Für Architekt und Bauleute war es schließlich eine Herausforderung, dass alte Station und Anbau nicht auf gleicher Höhe stehen. So kommt es, dass die Etagen in beiden Gebäuden zueinander merkwürdig versetzt sind. Das Treppenhaus zwischen beiden Gebäudeteilen war deswegen so kompliziert, dass es gleichsam Schritt für Schritt ausgemessen und gebaut wurde. "Das konnten Sie am Computer überhaupt nicht mehr berechnen", erzählt Erb. Und dann schwärmt er, was bei Bauherren nach Abschluss eines Projekts nicht unbedingt unbedingt üblich ist, von seinem Architekten: "Gerade bei solchen komplizierten Sachen läuft der zu Hochform auf."
Frank Pergande Jahrgang 1958, politischer Korrespondent für Schleswig-Holstein, Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern mit Sitz in Schwerin.
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