07.07.2008 · Wohnen im Bahnhof - manche Familien verwirklichen sich diesen Traum. Die Familie Bettin hat es geschafft, Wartehalle und Fahrkartenschalter in ein wohnliches Zuhause zu verwandeln. Das war harte Arbeit.
Von Jörg NiendorfEigentlich ist Yorck gerade einmal drei Jahre alt. Aber im Spiel ist der Kleine jetzt ein Rentner - sagt seine achtjährige Schwester Lone. Also muss er auf der Veranda unter der Kastanie sitzen und dösen, die Beine hochgelegt und zugedeckt, trotz hochsommerlicher Hitze. Ab und zu blinzelt der junge Greis zum Gleis hinüber, doch dort rührt sich nichts.
Nur ein Hitzeflimmern hängt in der Luft, außerdem dieser ganz typische Geruch von Eisenbahnschotter. Die Szene wirkt wie aus einem Wildwestfilm, als spielten die Kinder „Am Ende der Welt“. Für sie ist es jedoch Alltag. Sie wohnen im alten Dorfbahnhof, toben auf der ratzekahlen Terrasse, die einmal der Bahnsteig war, umher oder zwischen alten Güterschuppen. Vor acht Jahren haben ihre Eltern die stillgelegte Station des Örtchens Tauche in Brandenburg gekauft.
Wohnen an der stillgelegten Nebenstrecke
Der letzte Zug ist hier schon vor dreizehn Jahren abgefahren. Die Deutsche Bahn hatte die Nebenstrecke zwischen den Städten Beeskow und Lübben geschlossen. Und damit wurden auch der Warteraum und die Fahrkartenausgabe in jenem Haus zugesperrt, in dem sich jetzt Familie Bettin eingerichtet hat. „Tauche (Beeskow)“ stand einmal in großen Lettern unter dem Giebel. Leider war das Schild nicht mehr da, als sie herkamen, sagt Frank Bettin, der Hausherr. Er hätte es behalten, stammt er doch aus einer Eisenbahnerfamilie.
Die Gleise sind geblieben, die Bahnsteigkante existiert ebenso noch wie die Hinweisschilder, auf die seinerzeit die Zugführer achten mussten. Unweit der Veranda markieren mehrere „H“ die Stellen, wo genau die Dieseltriebwagen anzuhalten hatten. Die „PP“-Schilder mahnten die Lokführer dagegen zum Signalgeben an. „Ein doppeltes P heißt zweimal pfeifen“, erläutert der 47 Jahre alte Bettin.
Für 120.000 Mark haben er und seine Frau Alina die Station aus dem Eisenbahnvermögen erworben. Bis zur Betonkante am Gleisbett reicht ihr Besitz, der Schienenweg dagegen gehört mittlerweile einer privaten Bahngesellschaft, die ihn aber nicht betreibt. Der Bahnhof liegt ein paar hundert Meter abseits des Ortes Tauche, der 450 Einwohner zählt.
Perfekte Kleinbahnkulisse
Ursprünglich war dieses der Haltepunkt für drei Dörfer der Umgebung. So führen alle Straßen der Gegend zu den Bettins, die perfekte Kleinbahnkulisse existiert noch. Schon von weither sieht man die frühere Station wie auf einem Plateau liegen - kein Baum oder Strauch verdeckt die Fassade an der Bahnsteigseite. Der jahrzehntelange Einsatz von Unkrautvernichtungsmitteln wirkt bis heute nach.
Ein funktionaler Backsteinbau steht in der Mitte, mit einem für Dorfbahnhöfe sehr typischen flachen Satteldach und ebenso gängigen Anbauten im Fachwerkstil. Links gibt es einen Güterboden mit langen Schiebetüren und einer Verladerampe, rechts zwei Schuppen, die im Jahr 1901, als der kleine Bahnhof gebaut wurde, als Toiletten dienten. Das Ensemble sieht aus wie aus dem Baukasten einer Märklineisenbahn.
Ein Bahnhof mit Hausmorgen
„In den Anblick habe ich mich damals sofort verliebt“, sagt Alina. Von einer nahe gelegenen Allee aus hatte sie 1999 die verwaiste Station entdeckt. Eigentlich hielten sie und ihr Mann zu jener Zeit nach einem alten Bauernhaus Ausschau. Doch dann wurde es ein Bahnhof inklusive „Hausmorgen“, das heißt einer landwirtschaftlichen Fläche in der Größe eines Morgen, um Gartenbau betreiben zu können. In ihrer abseitigen Wohnlage sollten die Bahnhofsbewohner weitgehend autark wirtschaften können.
Völlig verwildert übernahmen die Bettins im Sommer 2000 das riesige Grundstück. In DDR-Zeiten war es zudem noch mit diversen Schuppen bebaut worden. Ein Kraftakt erwartete sie beim Umbau von Haus und Garten. In nur drei Sommermonaten bauten sich die Eheleute mit Hilfe von Verwandten und Freunden die ehemaligen Bahnhofsräume und die Dienstwohnung im Erdgeschoss um.
Unter dem Dach war noch die Räucherkammer
Handwerksfirmen aus den Nachbardörfern verlegten neue Leitungen, und Frank Bettin, gelernter Kaminbaumeister, riss erst einmal selbst die Kohleöfen und den massiven Schornstein ab, weil sie zu viel Platz raubten. Unter dem Dach fand er am Schornstein auch eine intakte Räucherkammer. „Für die Fische aus der Spree und den vielen Seen in dieser Gegend“, sagt Bettin. Zunächst konzentrierten sich die Bahnhofsbesitzer auf das Empfangsgebäude. Hier zogen sie mit Lone, die damals im Babyalter war, und einer jugendlichen Tochter aus Franks erster Ehe ein, „sobald die Räume nur irgendwie bewohnbar waren“, wie er erzählt. Eine grüne hölzerne Tür ließen sie wieder auf der Bahnsteigseite einbauen, ebenso überall Fensterläden anbringen. So hatte der Bahnhof im Originalzustand ausgesehen, das wussten die neuen Besitzer von einer alten Ansichtskarte.
Betritt man heute vom Bahnsteig aus das Haus, liegt gleich links das Zimmer der Tochter Lone. Da wurden einst die Fahrkarten verkauft, in die Tür ist noch eine Durchreiche mit einem Schiebefenster integriert. Gegenüber ging es dann in den Warteraum, dort wohnen die Kinder Jann und Yorck.
Der Umbau ist harte Knochenarbeit
Immer wird irgendwo gebuddelt oder ein überflüssiger Schuppen abgerissen. Im Moment baut die ganze Familie etwa an einem neuen Sandkasten, den sie vor dem früheren Toilettenschuppen anlegen. Massive Betonböden mussten sie herausstemmen, die Knochenarbeit reißt nicht ab auf ihrem Bahngelände. An anderer Stelle tauchen dafür schöne alte Pflastersteine unter Grassoden wieder auf, die belässt die Familie da, wo sie sind. Und Yorck, der Dreijährige, gräbt immer mit und weiß schon sehr genau, wie mit einigen Werkzeugen umzugehen ist. Für ihn und seine Geschwister ist ihr Zuhause ein einziger Abenteuerspielplatz. Auf eine Grundregel müssen die Eltern jedoch beharren: Vorsicht an der Kante!
Jeder Sturz auf Stahlgleis und Schotter würde ziemlich weh tun. Und sich selbst geben die Erwachsenen auf dieser Spielwiese ebenfalls eine Regel auf: „Wir wollen keine Sklaven unserer Baustelle sein“, sagt Frank. Mittlerweile lassen sie sich immer mehr Zeit für das, was sie anpacken.
Im Garten haben sie gepflanzt. Am Haus selbst soll die Schotterterrasse kahl und ein Markenzeichen bleiben. Von hier aus sieht man weit über Wiesen und Felder in Richtung Westen. In der Ferne steht eine mächtige Trauerweide, dahinter steigt die Landschaft leicht an. Am Abend ist dieses der Lieblingsplatz von Frank Bettin, dann nämlich, wenn der rote Backstein des Hauses nach warmen Tagen im Abendrot gleichsam zu glühen beginnt.
Rehe, Wildschweine und ein gigantischer Sternenhimmel
In der Dämmerung kommen oft Rehe und Wildschweine nah ans Haus, „und später zieht ein gigantischer Sternenhimmel auf“, erzählt er. Auch im Winter kann seine Familie diese spektakuläre Aussicht genießen, dafür haben er und seine Frau gesorgt. Den Dachboden des Hauses, genau über dem Bahnsteig gelegen, haben sie zum Wohnzimmer ausgebaut. Zwar müssen dort kleine Fenster und Luken zum Blick nach draußen ausreichen, aber was macht das schon, wenn die Landschaft draußen so weit und klar ist.
Dass es die Bettins in einen Bahnhof gezogen hat, kommt nicht von ungefähr. Als Kind wohnte Frank schon einmal an den Gleisen: Er wuchs in der Station Scharmützelsee auf, die ganz in der Nähe liegt. Sein Vater war dort Bahnhofsvorsteher. Und in der Kreisstadt Beeskow wohnten er und seine Frau zuletzt am Bahnhofsplatz. Seinem Bruder, dem Lokführer, konnte er zuwinken, wenn der vorbeifuhr. „Ein Zufall ist es wohl nicht, dass wir so wohnen, man spricht doch auch von Lebenskreisen, die sich schließen“, sagt er und schmunzelt.