23.08.2010 · Drei Generationen der Familie Krohmer leben über den Mauerresten von Schloss Mauren. Eine Rekonstruktion kam für die Bewohner nicht in Frage. Sie haben eine andere Lösung gefunden.
Von Birgit OchsDer Kontrast reizt: Über den Mauerresten von Schloss Mauren scheinen die beiden eingeschossigen Bungalows der Familie Krohmer beinahe zu schweben. Unten verströmt warmer Sandstein südliches Flair. In der sich anschließenden weitläufigen Parklandschaft fällt es nicht schwer, sich Szenen einer längst versunkenen Welt auszumalen: wie sich die adligen Bewohner hier einst die Zeit der Sommerfrische mit Gartenfesten und Theaterspielen vertrieben. Wie sie lustwandelten, vorbei an üppigen Pfingstrosen und der damals exotischen Kastanie aus Nordamerika, derweil die Dienerschaft in den gewaltigen Gewölbekeller hinabstieg, um für die Herrschaften den Nachschub an rotem Wein zu sichern.
In der Höhe dagegen geht es schlicht, offen und modern zu. Glas und Stahl prägen die beiden eingeschossigen Baukörper. Sie bilden die Kulisse für das Leben der Familie Krohmer im Hier und Heute, für die Großeltern Alexandra und Ernst, die einen der beiden Flachbauten bewohnen – und für ihren Sohn Felix mit Schwiegertochter Anke und den beiden kleinen Jungs, die im gegenüberliegenden Haus leben.
Vor fünf Jahren hatten die Krohmers die Ruine zum Bauplatz gemacht. Spätestens seit dieser Zeit wissen sie, was für ein Reizthema Architektur sein kann. Die Reaktionen reichen von überschäumender Begeisterung bis hin zu radikaler Ablehnung. Mehr als einmal haben sie erlebt, wie sehr der Kontrast zwischen historischem Mauerwerk und den darüber schwebenden modernen Wohnhäusern die Gemüter zu erhitzen vermag.
Als Kinder in den verbotenen Ruinen gespielt
Manche nennen die architektonische Lösung, um das Schloss wieder bewohnbar zu machen, ein „Verbrechen“, das abgerissen gehört. „Wir wissen, dass wir hier polarisieren“, sagen die Krohmers, machen aber den Eindruck, als ob sie die Ablehnung ganz gut aushalten können. „Wir haben eine Möglichkeit für uns gefunden, die zu uns passt.“
Vor allem für Alexandra Krohmer war es der Abschluss einer offenen Geschichte. Sie ist eine Nachfahrin der Familie Löwis of Menar, die 1830 das schon zwei Jahrhunderte zuvor erbaute Schloss nahe Böblingen zunächst als Sommerresidenz erworben hatte. Zwei Jahre war sie alt, als das herrschaftliche Anwesen 1943 von britischen Bomben getroffen wurde und ausbrannte.
In den Kriegswirren richtete sich die Familie zunächst in der Remise ein. Das ausgebrannte Schloss war für die Kinder ein verbotener Ort. „Aber natürlich haben wir immer in den alten Mauern gespielt“, sagt die 69-Jährige. Ihr Mann Ernst kennt Schloss und Park seit Jugendtagen. Als Schüler half er seinem späteren Schwiegervater beim Rasenmähen – wie es damals so üblich war.
Die Denkmalschützer wollten den Wiederaufbau
Und auch Felix, ihr Sohn, hat einige Jahre seiner Kindheit in Mauren verbracht, bis die wachsende Familie sich im Nachbarort Ehningen ein neues Haus baute. Krohmers pflegten das unter Denkmalschutz stehende Anwesen weiter, konnten es aber nicht wirklich nutzen.
„Die Idee, dass wir hier eines Tages alle zusammen wohnen, die hat mich nicht losgelassen“, sagt Felix. Im Laufe der Jahrzehnte hatte die Familie immer wieder Pläne geschmiedet, wie das große Areal und die Ruine wieder bewohnbar gemacht werden könnten. Vielen in der Gegend, auch den Denkmalschützern, wäre es am liebsten gewesen, wenn das Schloss wieder originalgetreu aufgebaut worden wäre.
Um die 1500 Quadratmeter Wohnfläche wären so entstanden, zum Preis von 13 Millionen Mark (etwa 6,5 Millionen Euro), wie ein vor Jahren erstelltes Gutachten ergab. „Damals wie heute viel zu teuer für uns“, winkt Ernst Krohmer ab. „Wer will schon so wohnen“, fragt seine Schwiegertochter Anke. „Wir jedenfalls wollten etwas Modernes, aber nichts Modisches, das an das Alte anknüpft.“
Neubauten berühren den historischen Teil nicht
Sie war es, die schließlich auf den Architekten Ingo Bucher-Beholz stieß. Anfangs habe sich der auf größere Projekte spezialisierte Planer eher ablehnend geäußert, erzählen die Krohmers. Doch nach seinem Besuch in Mauren schickte Bucher-Beholz noch am Abend desselben Tages einen Entwurf per Fax. Er zeigte die Schlossmauern überspannt von einer Stahlkonstruktion und zwei kubischen Bauten. „Das hat uns gefallen“, sagt Felix.
Nachdem jahrzehntelang keine Lösung möglich schien, ging plötzlich alles ganz schnell. Das Denkmalamt stimmte dem Bau zu, da die Neubauten die historischen Zeugnisse nicht zerstören. Dies wird vor allem möglich, weil die Konstruktion den alten Teil unberührt lässt. Bucher-Beholz nämlich plazierte die beiden Bungalows nicht innerhalb oder auf der Ruine, sondern mit Abstand in gut sechs Meter Höhe. Je vier Stahlträger halten sie.
„Das Schloss sollte weder statisch noch optisch belastet werden, die alten Mauern hätten das auch gar nicht mehr tragen können“, erläutert Felix Krohmer. Die Pfeiler sitzen in einem Betonfundament. Von dort verteilen sich die Lasten auf das alte Gewölbe. „Unser Haus hier ist nichts für die Ewigkeit“, beschreiben die Bewohner die bescheidene Rolle, die ihr neues Zuhause für sie im Vergleich zum historischen Bestand spielt. Die Bauteile wurden vorgefertigt, mit einem Tieflader angeliefert und am Ort zusammengesteckt. Das wars.
Freisitz in der Krone eines Baumes
Rund 210.000 Euro hat jedes der beiden Gebäude gekostet, die über je 160 Quadratmeter Wohnfläche verfügen. Sie verteilen sich auf vier gleich große Zimmer, dazu zwei Badezimmer. Beide Familien haben eine offene Wohn-Ess-Küche gewählt. „Wir sind alle sehr gesellig und haben oft Besuch“, erzählt Anke.
Und weil bei Krohmers gerne und viel gekocht wird, spielt die Küche eine zentrale Rolle. Felix hat sich für eine Küche auf Rollcontainern entschieden. „Ich stelle öfters mal um“, gesteht er. Da für Oberschränke im offenen Raum kein Platz ist, haben er und Anke Seile gespannt, an denen griffbereit Pfannen, Gewürze, Schöpfkelle und dergleichen Utensilien mehr hängen. Kein Zweifel, hier ist die Küche kein Showroom, mit dessen Gestaltung die Bewohner ihr Trendbewusstsein zu beweisen suchen.
Überhaupt zeigen die Krohmers ein angenehmes Selbstbewusstsein in der Gestaltung ihrer Architektenhäuser, zu denen jeweils ein 20 Quadratmeter großer überdachter Balkon gehört. Während Anke und Felix mit ihren beiden kleinen Söhnen ihren Freisitz direkt in der Krone eines Baums zu haben scheinen, genießen die Großeltern von ihrem Balkon aus einen Blick weit über die Wiesen und den alten Park hinweg.
Konzerte in der Parklandschaft
Ursprünglich sollten sich an der Fassade Glas und Holzelemente abwechseln. Doch das schien sowohl der älteren Generation als auch der jungen Familie optisch zu unruhig. Sie wählten an den Längsseiten eine durchgehende Glasfront. Felix gesteht, dass er über eine bessere Verschattung nachdenke, sobald die finanziellen Mittel dafür vorhanden seien. Und Ernst, sein Vater, wird für einen Moment wehmütig, als er erzählt, wie viele schöne Bilder sie über die Jahre angesammelt haben, die sie hier aber nicht aufhängen können. Doch als seine Frau, eine frühere Kunstlehrerin, schwärmt, wie herrlich es doch sei, Wind und Wetter, Sturm und Regen so nah zu erleben, stimmt die ganze Familie begeistert ein. „Die Natur bietet uns jeden Tag ein anderes Schauspiel, das ist wahnsinnig schön“, bestätigt die Schwiegertochter. Sie weist aber darauf hin, dass für alle, die es mit dem Fensterputzen sehr genau nehmen, ein solches Haus wohl nicht in Frage komme. „Wir selbst sehen das locker.“
Überhaupt geben sich die Mitglieder der Familie in vielen Dingen entspannt. Dass das Zusammenleben von Alt und Jung insgesamt bestens funktioniert, kann man schon daran ablesen, dass keine Partei sich um dauerhaften Sichtschutz bemüht. Egal, in welchem der Räume auf den beiden einander zugewandten Seiten man sich aufhält - irgendeinen der anderen Familienmitglieder hat man eigentlich immer im Blick.
Dafür bietet die weitläufige Parklandschaft, die Krohmers ab und an anlässlich kleiner Konzerte oder Ausstellungen für die Öffentlichkeit zugänglich machen, genügend verborgene Plätze. Dorthin gelangt man vom Haus aus über eine Stahlbrücke, die beide Bungalows verbindet. Eine gemeinsame Treppe führt hinunter in die Ruine. Dort stehen Fahrräder und Kindertraktoren neben Grillgeräten. In einem durch einen Bungalow überdachten Teil feiern die Krohmers ihre Familienfeste. Für ihn, sagt Felix, vergehe kein Tag, an dem er nicht denke: „Dass wir hier so leben können, ist ein Geschenk.“
Birgit Ochs Jahrgang 1966, Redakteurin für „Immobilien“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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